Zum Weltflüchtlingstag 2018 - "Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen". Ein Predigtslam.

Weltflüchtlingstag am Mittwoch dieser Woche.

Ein Tag, der Opfer zu gedenken,

das Thema zu bedenken,

das Tag für Tag

und Jahr um Jahr

uns nun beschäftigt,

dank (?) dem einen und dem anderen,

den ich nicht nennen und auch

nicht wichtig machen mag

und dank (?) auch denen, 

die lauthals gröhlen und stichelnd polemisieren,

denen nichts so wichtig ist

als wie erschreckend

hasserfüllt und aggressiv zu posten:

'nicht willkommen, hier in unserm

und in meinem Land',

denen nichts so wichtig ist als wieder ganz und gar

und völkisch rein und klar,

deutsch zu werden, deutsch zu bleiben.

Ist das menschlich? Ist das deutsch?

Das war einmal - das brachte Tod und Leid.

Erst brannten Häuser, dann die Leiber.

 

Ich war ein Fremder

und ihr habt mich aufgenommen,

sagte Jesus einst zu denen,

die ihn willkommen hießen.

Und heute? Bedeutungslos in manchem selbsternannten Christenstaate?

Kreuze ja, juhu, in den Ämtern, in den Stuben. 

Aber dann auf den zu hören,

den man aufgehängt,

 für seine Botschaft, seine Lehre?

Nein. Das nützt nicht viel, das schadet nur

dem Machterhalt, der Wiederwahl.

 

Geschrieben steht für Christenmenschen:

'Selig ihr, die ihr mich aufgenommen'.

Ich war auf der Flucht, war unterwegs,

immer weiter und dann fremd und fremder.

Je weiter weg und fern ich war

von vertrauten Menschen, Sitten, Bräuchen

von Gerüchen, Speisen, Klängen,

wo mich aber quälte

Hunger, Armut, Korruption,

nichts zu schaffen, Inflation,

Gewalt und Terror - jederzeit.

Und ihr habt mich eingelassen, aufgenommen.

Seid gesegnet von dem Schöpfer, Gott im Himmel, der uns sagt:

Ihr seid doch alle meine Gäste

hier auf Erden, in der Welt!

Seid auf Gastfreundschaft

und Freundlichkeit bedacht.

Ist’s euch möglich,

so habt mit allen Menschen Frieden.

 

Bedenket,

es dauert zwanzig, fünfundzwanzig Jahre,

bis ein Fremder halbwegs angekommen.

Aber erst die Kinder und die Kindeskinder,

die dann im Kindergarten und der Schule

miteinander spielen, lernen selbstverständlich,

werden hier die Heimat finden,

wenn man sie nur lässt.

Es dauert lange, bis man versteht

die Worte und den Klang der neuen Sprache,

versteht die Sitten und Gebräuche

in dem andern, neuen, fremden Land,

bis man findet Freunde,

die, nicht wie die andern, sagen:

'Du bist und bleibst ein Fremder,

bist Syrer, Iraker und Afghane

bist und bleibst ein Däne, Grieche, Amerikaner',

sondern die da sagen:

du sollst hier Kollege, Freund und Bürger sein,

mit gleichen Rechten, gleichen Pflichten.

 

Ich will 's nochmals sagen:

Freiheit heißt doch: Jeder Mann und jede Frau

und jedes Kind,

jeder Mensch darf hier auf dieser Welt

auf seine Art und Weise sein und leben dürfen,

wie es ihm gefällt und ihn selig macht.  

Das ist ein Leitsatz, eine Leitkultur -

und auch ein Widerspruch

gegen alle die,

die mit Gewalt bestimmen wollen,

was zu tun und was zu sollen,

was zu glauben, was zu sagen,

was zu denken, was zu tragen,

was eine Vorschrift vorschreibt allen.

 

Doch mir wird schwindlig, bin verwirrt:

Was ist wahr, was kann ich glauben?

Welche Worte taugen?

Ich weiß nicht mehr,

wer hier von draußen mitregiert

und Meinung, Stimmung manipuliert

und Demagogen finanziert.

So ist’s wohl gewünscht, gewollt.

Und solang der Fußball rollt

und man dem Volk gibt Brot und Spiele,

lässt sich leichter sagen:

Fremde sind hier viel zu viele.

 

Einer aus der hohen Politik

mit viel Verstand und Weisheit

gestern warnte:

Handle jeder nur nach seinen eigenen Interessen

werde die Gemeinschaft auseinander brechen.

 

Bei Mose steht geschrieben:

‚Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken,

denn ihr wisset um der Fremden Herz,

weil auch ihr

Fremde, Fremdlinge, 

in Ägyptenland gewesen seid.‘

 

Und wer ist hier so ganz und gar

so völlig ohne Migrationsgeschichte?

 

Meine Mutter wurde in den Kriegen

wie so viele andere vertrieben

aus dem Osten Preußens,

ihrer und der Eltern Heimat,

und musste nachts als kleines Kind

über Leichen steigen, schweigen,

flüchten durch die dunklen Wälder,

voller Angst entdeckt zu werden. 

Und was Männer unterwegs mit Gewalt

den jungen Frauen angetan,

auch ihren großen Schwestern,

hat erst später sie erfahren.

Mein Vater aus dem Schwabenland

hat die Armselige zur Frau genommen,

obwohl sehr vehement

die Eltern ganz und gar dagegen.

Ihm egal! 

 

Dass Menschen gehen, flüchten müssen,

wird so bleiben, wird nicht besser.

Küstenstädte werden sinken, werden untergehn.

Felder werden trocken und verwüsten.

Stürme werden Regenfluten bringen.

Menschen werden gehen, flüchten müssen,

dorthin, wo andere schon leben,

um selbst zu überleben.

Werden wohl auf Grenzen, Mauern stoßen,

werden ab- und ferngehalten,

zurückgeschickt ins Niemandsland.

Aus den Augen, aus dem Sinn.

Soll's so werden? Soll's so sein?

 

Wir werden lernen und wieder

uns besinnen müssen,

in Frieden miteinander auszukommen

und Vertrauen aufzubauen

und einander

gottesfürchtig

beizustehn.

 

‚Ich war ein Fremder,

ihr habt mich aufgenommen‘,

sagte Jesus einst zu denen,

die willkommen hießen,

sagte, dankte Jesus Menschensohn:

Ihr seid gesegnet. Ihr werdet Segen sein.