Baum der Erinnerungen

 ohne dich.

Du, mein Kind, du bist in meinen Gedanken, wenn ich morgens aufwache,
Du, mein Kind, du bist in meinen Gedanken, bis ich mich abends wieder schlafen lege.
Du, mein Kind, du bist bis in meinen Gedanken bis in die Nacht hinein und in den Träumen –
ich vermisse dich.

Bist du noch da? Du bist nicht mehr hier, du bist weg; im Himmel? Bei Gott? Ich hoffe und bete, dir geht es gut und bitte dich: Passt auf uns auf, Sternenkind, mein Kind.

Ich will nicht, ich kann fast nicht, aber ich muss – leben ohne dich.

Dein Zimmer ist habe ich so gelassen, nichts verändert, es ist alles so geblieben, als zu zum letzten Mal aus dem Haus gegangen bist und nicht mehr wieder zurück gekommen bist.
 
Einst hatten wir überlegt, was aus Dir mal werden wird, wie du die Schule schaffen wirst, welchen Beruf du mal ausüben, mit wem und wo du später zusammenkommen und selbst eine Familie gründen wirst.
Wir hatten Anteil an deinem Lebensweg, mal mehr, mal weniger. Deine nächsten Schritte waren immer auch unsere.
Wenn wir heute deine Freunde treffen, dann tut uns das weh. Sie erzählen von sich. Sie konnten weitergehen. Heimlich fragen wir uns: Was wäre aus dir geworden?
Wenn wir die Eltern deiner Freundinnen und Freunde treffen, und sie erzählen von ihren Kindern, dann werden wir neidisch, weil wir das nicht mehr können: von dir erzählen. Wir könnten nur von unserer Traurigkeit reden und von der Leere in uns, aber nicht von Freude.
Und wenn sie von ihren Sorgen mit ihren Kindern reden, dann denken wir: Wie gerne würden wir uns auch Sorgen machen, nur Sorgen machen – aber du bist nicht mehr da. Wir können, wir dürfen uns keine Sorgen mehr um dich machen, nicht mehr mitfühlen, mitleiden, mitfreuen - nicht mehr, nie mehr. 

Deine Geschwister ziehen manchmal deine Kleider an, um von dir umgeben und umhüllt zu sein.
Wir legen ein Kleidungsstück unter unseren Kopf, ziehen einen Pullover von dir an,
um dir hautnah zu sein,
um deinen Geruch zu atmen, der noch geblieben ist,
um lebendig werden zu lassen, was du in dieser Bekleidung erlebt und angestellt hast; dann sehen wir dich gehen und springen wie damals.
Aber das war einmal.

Sachen von dir haben wir nach und nach weitergeben und hergeschenkt. Andere Kinder tragen deine Hosen und Kleider und Jacken. Wenn wir sie darin sehen, dann tut uns das weh, aber es tut uns auch gut. Die anderen Kinder beleben wieder, was einst dir gehörte.

Wenn ich in das Auto steige, in und mit dem du gefahren bist, wenn ich die Tür aufmache und mich hineinsetze, dann bist du auch da und fährst mit und bist mein Schutzengel, dass mir nichts passiert, wenn ich mich vergesse, weil ich an dich denke, und dich spüre und dich vermisse und ich manchmal gegen den Baum fahren will, um die Schmerzen loszuwerden und um dir wieder nahe zu sein.

Manchmal kann ich auch egoistisch sein. Du, mein einziges Kind, bist nicht mehr da und ich werde immer älter. Wer kümmert sich um mich, um uns, wer schaut nach uns, wenn wir mal auf fremde Hilfe angewiesen sein werden? Ich habe Angst, einsam alt zu werden.

Du, mein Kind, ich hatte dich schon strampeln gespürt in meinem Bauch, wir haben dich erwartet, dass du zur Welt kommst und wir dich dann schreien hören und in den Arm nehmen dürfen. Wir haben nach Namen gesucht und auch einen gefunden, aber du durftest dann doch nur kurze Zeit in mir und mit uns leben. All unsere Vorfreude gestorben und wieder begraben.

Du, mein Kind, bevor du gestorben bist, warst du krank. Wir hatten Hoffnung und dann mussten wir die Hoffnung doch aufgeben, konnten dich nicht hier behalten, mussten dich gehen lassen.
Wir konnten dir aber noch das mitgeben und sagen, was uns auf dem Herzen lag. Die letzten Worte, Berührungen, Augenblicke – wir bewahren sie wie einen kostbaren Schatz in uns auf.

Du, mein Kind, gingst eines Tages vergnügt aus dem Haus, wolltest einen schönen Tag erleben und bist bei einem Unfall plötzlich um dein Leben gebracht worden. Eine Nachricht – und unser Leben ist zusammengebrochen, eingestürzt, zu Tode gekommen. Der schreckenvollste Moment in meinem Leben. Das konnte, das durfte doch nicht wahr sein. 
Hätte man nicht besser aufpassen können? Wer war schuld? Noch mal die Geschichte zurückdrehen, bis zu dem Augenblick vor dem tödlichen Ereignis, die Geschichte dann anders fortlaufen lassen: Du hättest doch nur …. Er hätte doch wissen müssen …. Warum haben wir nur…..  Es hätte doch auch anders verlaufen können. Das Unglück hätte man doch nicht geschehen lassen dürfen.
Einfach nur ärgerlich! Einfach nur sinnlos!
Es bleiben Vorwürfe und Selbstvorwürfe.

Du, mein Kind, konntest und wolltest nicht mehr weiterleben, hast Schluss gemacht und dich selbst aus deiner Hölle befreit – und wir sind dann durch die Hölle gegangen. Waren, sind wir schuld? Wir wollten doch auf dich aufpassen – was haben wir unterlassen, übersehen, versäumt, missachtet?
Für immer werden wir uns schuldig fühlen.

Von nun an lebenslänglich – ohne dich.
Ohne dich, aber mit viel Trauer und Sehnsucht im Herzen und im Gemüt.
Ohne dich, aber mit Neid, Zorn, Schuld im Fühlen und Grübeln.
Ohne dich, aber mit der ständigen Suche nach Dir, nach deiner Gegenwart.

Von nun an lebenslänglich – mit dir.
Ich bin mir nach vielen Jahren gewiss geworden, dich nicht mehr zu verlieren.
Du bist und bleibt in mir, in uns, bist und bleibst ein Mitglied unserer Familie.
Wenn wir unterwegs sind, wissen wir und spüren wir, du bist immer noch da, immer wieder da.

Von nun an lebenslänglich ohne Dich und lebenslänglich mit Dir.

Zum Abschied sagt Jesus zu seinen Freunden: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost. Ich habe die Welt überwunden. Ich lebe und ihr sollt auch leben. Friede sei mit euch.  




Gottesdienst für verwaiste Eltern,
Ev. Stadtkirche Neckarsulm 8.12.2019
Pfr. Jürgen Stauffert