aufmerksam mit allen Sinnen

Die Predigt zum Nachhören

Aufmerksam mit allen Sinnen. Handwerkerinnen und Handwerker brauchen ihre Sinne, müssen ihre Materialien fühlen, spüren, prüfen, riechen, schmecken, hören, sehen – vom ersten Moment an! Es muss stimmen, es muss sich gut anfühlen, es muss gut in der Hand liegen.

Aufmerksam mit allen Sinnen.Handwerker müssen sich in die Wünsche der Kunden einfühlen, erspüren, heraushören, was sie wollen und benötigen. Handwerker müssen Anliegen und Begehren dann übersetzen und ‚materialisieren‘. „Diese Steine nehmen wir und bauen sie so“, „das Blech lackieren wir so“, „die Türen und Fenster fertigen wir so und so“, „den Wänden und Räumen geben wir diese Farbe“. Das Lebensgefühl Anderer verwirklichen Handwerker mit entsprechenden Materialien, Formen, Farben, Klängen. Erfahrene Handwerker können einschätzen, was geht und was nicht geht, was gut wird und was nichts wird. Raten zu und raten ab, damit letztendlich Kunde und Handwerker zufrieden sind mit dem dann gebrauchsfertigen Produkt. „Lasst uns nicht lieben nur mit Worten, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit“ (1. Joh 3,18).
Wenn Handwerker nicht ein feines Gespür und ein entgegenkommendes Wohlwollen für die Kunden und ihre Anliegen haben,
wenn Handerker nicht auch eine gewisse Lust und Freude an ihrer Materie, an ihren Materialien haben,
wenn Handwerker nicht den Anspruch an sich haben, etwas wahrhaftig Gutes und Schönes zu schaffen,
dann entwickelt sich keine Freude, dann bekommt man es zwar wohl auch fertig, aber eher lustlos, freudlos, geistlos, verzwungen. Das merkt man dann auch früher oder später, immer wieder.

Aufmerksam mit allen Sinnen handwerklich zu arbeiten – vielleicht wird es in ein paar Jahren zur Ausnahme, zum Privileg gehören, dann, wenn selbst steuernde Roboter, ausgestattet mit allerlei Sensoren, ausgestattet mit künstlichen Sinnen, mehr und mehr das menschliche Tätigsein ersetzen.
Werden allmählich unsere Sinne verkümmern, weil uns Daten am Bildschirm zu geheimnisvoll errechneten und folglich richtigen Entscheidungen drängen, weil uns dann bunte Lämpchen und künstliche Töne steuern?
„Womit arbeitest Du?“ - Werden dann die einen sagen: „Mit Automaten und künstlicher Intelligenz“ und die anderen werden sagen: „Mit meinen Sinnen und meinem Verstand und meiner Erfahrung“? Wer wird wen dann bemitleiden? Wer wird wen dann schätzen und achten? Welche Tätigkeit wird wertvoller, begehrenswerter und gefragter sein? Wir müssen darauf achten, dass uns Denken und Fühlen nicht abgenommen, nicht aus den Händen genommen wird.

Aufmerksam mit allen Sinnen. Dabei geht es nicht nur um den Umgang mit Materialien und Kunden, sondern auch um den Umgang im Betrieb, wie miteinander geschafft wird. Der Meister muss beobachten und erkennen, wer im Geschäft, wer im Betrieb wofür geeignet ist und diesen dann so einsetzen, dass er angemessen gefordert ist, nicht überfordert, nicht unterfordert, sondern so, dass er persönlich erfolgreich sein kann und an seinem Platz leistungsstark und zufrieden ist.
Und der Betriebsleiter muss sich auch ehrlich fragen: Was kann und was mag ich ihm dafür geben und abgeben und teilen, vom Gewinn, vom Betriebserfolg. ‚Lasst uns nicht lieben und abspeisen mit schönen Worten, sondern mit dem rechten Lohn für gute Taten‘.
Und der angestellte Handwerker muss sich auch bewusst sein, dass er das Betriebsklima, die Stimmung in der Halle, in der Gruppe mitbestimmt. Von ihm darf auch verlangt werden, dass er ein Gespür für den Kollegen an seiner Seite entwickelt. Es schafft sich leichter und erfolgreicher und friedlicher, wenn man sich die Sachen in die Hände gibt, anstatt sie sich vor die Füße zu werfen. Für ein prima Klima braucht es Lob und Respekt und Geduld, von ‚unten‘ nach ‚oben‘, von ‚rechts‘ nach ‚links‘ und von ‚links‘ nach ‚rechts‘. Lasst uns lieben auch mit Worten.

Aufmerksam mit allen Sinnen. Aufmerksam mit Material, mit Kunden, mit Kollegen arbeiten. Aufmerksam aber auch spüren, was Gemüt und Seele brauchen, wie man sich fühlt bei der Arbeit. ‚Mach ich `s gerne?‘. ‚Mach ich `s noch gerne?‘ ‚Schaff ich `s noch?‘ ‚Sollte ich mich verändern?‘  ‚Danke, dass ich machen kann, was ich kann mit Menschen, die mich verstehen.‘ ‚Ich bin hier nicht nur eine Nummer unter Tausenden. Auf mich kommt `s an.‘
Berufsehre entwickeln. Selbstzufriedenheit pflegen. Stolz zeigen auf das, was man schafft und geschaffen hat, was man in vielen Jahren erlernt und erfahren und erspürt hat. 

Handwerkerinnen und Handwerker, durch Euer Wirken und Mittun zu diesem Gottesdienst, diesem einmaligen Vormittag im Jahr hier im Gewerbegebiet bringt ihr auch das zum Ausdruck: ‚Schaut her, was wir hinkriegen mit unserer Hände Arbeit‘. Ich habe den Eindruck, auch ihr Handwerker seid durch diese Gottesdienste aufmerksamer füreinander geworden, weil viele sich hier einbringen mit Werkstücken aus ihrem Metier: Der Altar aus Schalungselementen vom Bauunternehmer, das Holzkreuz vom Schreiner, die Blumenkästen vom Metallbauer, die Blumen vom Gärtner, das Kreuz aus Edelstahl vom Blechbearbeiter, der Dreher dreht nicht auf der Orgel, sondern bespielt das Piano.

Es wird hier im Gewerbegebiet viel geschafft, heute mal wieder miteinander gefeiert, am Feiertag.
Zu all dem Machen, Bauen, Reparieren, Streichen, Hämmern, Klopfen, Brennen, Schweißen, Kleben, Schmieren, Hobeln, Spritzen, Feilen, Schrauben, Backen, Nähen, Stanzen, Fräsen gehört auch mal das „Sein lassen“, den Dingen die Zeit geben, die sie brauchen, die Dinge sich entwickeln lassen, sich hin und wieder in Geduld zu üben, sich zurücknehmen, wenn `s mal gerade nicht so läuft, nichts erzwingen wollen, sondern erwartungsvoll gespannt abwarten. Geduld ist das Schwerste und das Einzige, was zu lernen sich lohnt. Alle Natur, alles Wachstum, aller Friede, alles Gedeihen und Schöne in der Welt braucht Zeit, braucht Stille, braucht Vertrauen.“ (Hermann Hesse). Geduld braucht Vertrauen, dass ‚da‘, dass in der Welt noch ganz andere Kräfte als unsere da sind und wirken.

Aufmerksam mit dem sechsten und siebten Sinn für alles, was ohne unser Zutun Wertvolles und Wunderbares geschieht.
„Gott hat sein Licht in ihre Herzen gegeben, um ihnen die Größe seiner Werke zu zeigen, damit sie seinen heiligen Namen loben und seine großen Taten erzählen sollten“ (Jesus Sirach, 17,7.8). Handwerker, die kunstvoll selbst ein Stück fertigen, wissen auch den Wert eines anderen Werkes zu schätzen und bestaunen es ehrfurchtsvoll. Können Handwerkerinnen und Handwerker deshalb auch eher respektvoll schätzen, was der Schöpfer geschaffen und schafft? „Liebet die ganze Schöpfung Gottes! Sowohl den ganzen Erdball, wie auch das kleinste Sonnenstrahl und jeden Sonnenstrahl! Liebet die Dinge. Wenn ihr das tut, so werden sich euch in ihnen die Geheimnisse Gottes offenbaren.“ (Fjodor M. Dostojweskij)

Seid, bleibt, aufmerksam mit allen Sinnen. Amen.