Die Predigt zum Nachhören.

Die Predigt zum Hören und Schauen (hinterlegt bei youtube).

Predigt für Sonntag, 7. März 2021

Über das Lehrschreiben von Papst Franziskus "Fratelli tutti -über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft"

Wenn wir mit offnen Herzen hören,
was Menschen neben uns bewegt,
und wir nicht schweigen, sondern reden
von dem, was unser Leben prägt,
dann spüren wir die Ewigkeit
in dieser Zeit, in dieser Zeit.

Wenn fremde Tränen uns berühren,
so wie ein tiefer, großer Schmerz,
und wir das Leid der andern spüren,
als träf es unser eigenes Herz,
dann spüren wir die Ewigkeit
in dieser Zeit, in dieser Zeit.

Ich möchte diese Predigt heute meinem Radkameraden Juri aus Minsk widmen, mit dem ich tolle Radtouren in der Gegend gemacht habe, entlang von Kocher und Jagst oder die Löwensteiner Berge hinauf und hinunter, wenn er seine Schwester hier in Erlenbach besucht hatte. Juri wohnt mit seiner Frau und zwei Kindern in Minsk, der Hauptstadt in Belarus und hat jetzt Angst. Angst wie viele andere auch, die in den vergangenen Wochen auf den Straßen friedlich demonstriert haben gegen den Wahlbetrug des Immer-Noch-Präsidenten Alexander Lukaschenko.  Aber der brutale Diktator hat Soldaten und Polizisten losgeschickt, die Leute zu prügeln, auf sie zu schießen, sie zu inhaftieren, zu foltern, zu vergewaltigen, ihnen solange Angst einzujagen, bis sie aufhören und verstummen. Auch Juri und seine Frau hatten demonstriert, aber nun hat erstarrte Hilflosigkeit sich bei den Leuten dort breit gemacht. Kaum einer traut sich mehr, was zu sagen. Angst.

Ich fragte ihn: „Was kann ich als Kamerad und Pfarrer für Dich, für Euch von hier aus, aus der Freiheit heraus unternehmen?“
Er hatte auch keine Idee, so deprimierend die Lage derer, die in Freiheit leben wollen und verlangen, und „nur“ verlangen, dass ihr Wille, ihre Meinung und ihre Wahlentscheidung respektiert werden sollen. Stattdessen brutale Gewalt.

Es ist Passionszeit. Leidenszeit - wie zur Zeit Jesu. Auch er ein Opfer grausamer Härte: die Soldaten haben ihn gefangengenommen, gedemütigt, lächerlich gemacht, geschlagen, gefoltert und schließlich hingerichtet, ganz öffentlich zur Abschreckung aller: Wer aufbegehrt, dem wird‘s genauso gehen.
Damals wie heute ein Weg, mit Angst und Terror die Bevölkerung ruhig zu halten und zu unterdrücken.  

Kann ich nichts für Juri tun, nur aus der Ferne zuschauen, wie die Frauen bei der Hinrichtung Jesu von ferne zusahen und hilflos nichts für ihren Freund machen konnten?
Ist es schon was, wenn ich Juri in meiner Predigt heute erwähne, stellvertretend für die vielen Unbekannten, denen das Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung weggeprügelt wird. In Myanmar, in Russland, Iran, Nordkorea, Syrien,
und auch in China, wo Millionen Muslime in Konzentrationslagern versklavt, ihrer Kultur beraubt und „umerzogen“ werden – wie die Regierung mit wohlklingenden Worte ihr Verbrechen verharmlost. Eine brutale Regierung, mit der wir weiterhin ungestört Geschäfte machen, so als ob es uns nichts anginge, um den Handel und unser Wirtschaftswachstum nicht zu gefährden, dann werden Menschenrechte zur Nebensache und wir werden mit schuldig.  
Könnten und müssten wir nicht sagen, mit einer solchen Regierung wollen und dürfen wie solange nichts zu tun haben, bis auch dort die von uns hochgeschätzten Menschenrechte respektiert werden?
Wenn der Weltkonzern Daimler sich peinlich mehrmals bei der chinesischen Staatsmacht entschuldigt: „Wir wissen, dass wir die Gefühle der Chinesen verletzt haben“ – und das nur weil Daimler in einer Werbeanzeige mit einem Zitat vom Dalai Lama für ihre Karossen geworben haben. Mehrfach drückte die Firma ihr "tiefstes Bedauern" aus für ihren "extremen" Fehltritt. Man verstehe diese Gefühle vollstens und werde "alle Kritik und Ratschläge aufrichtigst akzeptieren".
Als zu Jahresbeginn ein Handelsabkommen der Europäischen Union mit China unterzeichnet wurde, meinte die Kanzlerin:  "Diese Tatsache, dass uns sehr Grundsätzliches trennt, sollte aber kein Argument gegen Zusammenarbeit sein“.
Mit dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter aus dem Lukasevangelium, der nicht wie andere an dem von brutalen Räubern verletzten und ausgeraubten Mann vorbei geht, sein Jammern nicht überhört, sondern anhält und ihn aufhebt und in Sicherheit bringt, damit er wieder gesundet und auf die Beine kommt – mit diesem Gleichnis betrachtet Papst Franziskus in seinem Lehrschreiben von der Geschwisterlichkeit und der sozialen Freundschaft, das Weltgeschehen.
Der Papst benennt in seiner Enzyklika, wer und was die Menschen voneinander trennt, um sie leichter beherrschen, manipulieren und ausnutzen zu können: Menschen werden zu Gegenständen entwürdigt, der Respekt vor jeder Seele bleibt aus. Das geschieht nicht einfach so, sondern absichtsvoll mit dem Willen derer, die mächtig bleiben wollen.   

Der Papst stellt mit Blick auf die ganze Welt fest:   
„Obwohl die internationale Gesellschaft zahlreiche Abkommen getroffen hat mit dem Ziel, der Sklaverei in all ihren Formen ein Ende zu setzen, und verschiedene Strategien eingeleitet hat, um dieses Phänomen zu bekämpfen, […] werden noch heute Millionen Menschen – Kinder, Männer und Frauen jeden Alters – ihrer Freiheit beraubt und gezwungen, unter Bedingungen zu leben, die denen der Sklaverei vergleichbar sind. […] Heute wie gestern liegt an der Wurzel der Sklaverei ein Verständnis vom Menschen, das die Möglichkeit zulässt, ihn wie einen Gegenstand zu behandeln. […] Der Mensch, der als Abbild Gottes und ihm ähnlich erschaffen ist, wird mit Gewalt, mit List oder durch physischen bzw. psychologischen Zwang seiner Freiheit beraubt, kommerzialisiert und zum Eigentum eines anderen herabgemindert; er wird als Mittel und nicht als Zweck behandelt“. (24).

Die Globalisierung, die weltweite Ausdehnung des Handels und Wirtschaftens, hat nicht gleichzeitig zu einer Globalisierung der Menschenrechte geführt, im Gegenteil, stärkere Gebiete können sich leichter gegen schwächere durchsetzen und diese abhängig machen. Kulturen und Traditionen werden vernichtet, die Leistungen der vorangegangenen Generationen entwertet und die Lebensweisheit der Alten nicht wahrgenommen, überhört. Wenn nur zählt, was neu und jung ist, raubt es Menschen Halt und Geschichte.
Wer und was Menschen trennt? Ein bewährtes Mittel in der Politik: Man beschwört  eine feindliche Bedrohung von außen herauf und macht sich wichtig als starker Verteidiger und Beschützer, ein „Entweder-oder“ und „Gut-gegen-böse“ wird konstruiert, ein „Feind-Freund-Denken“ verbreitet, „wir gegen die“. Wir müssen uns verteidigen, gegen was wird austauschbar.
Der Papst: „Die beste Methode, zu herrschen und uneingeschränkt voranzuschreiten, besteht darin, Hoffnungslosigkeit auszusäen und ständiges Misstrauen zu wecken, selbst wenn sie sich mit der Verteidigung einiger Werte tarnt. Heute verwendet man in vielen Ländern den politischen Mechanismus des Aufstachelns, Verhärtens und Polarisierens. Auf verschiedene Art und Weise spricht man anderen das Recht auf Existenz und eigenes Denken ab. Zu diesem Zweck bedient man sich der Strategie des Lächerlich-Machens, des Schürens von Verdächtigungen ihnen gegenüber, des Einkreisens. Man nimmt ihre Sicht der Wahrheit und ihre Werte nicht an. Auf diese Weise verarmt die Gesellschaft und reduziert sich auf die Selbstherrlichkeit des Stärksten. Die Politik ist daher nicht mehr eine gesunde Diskussion über langfristige Vorhaben für die Entwicklung aller und zum Gemeinwohl, sondern bietet nur noch flüchtige Rezepte der Vermarktung, die in der Zerstörung des anderen ihr wirkungsvollstes Mittel finden. In diesem primitiven Spiel von Disqualifizierungen wird die Debatte so manipuliert, dass sie über das Niveau von Kontroverse und Konfrontation nicht hinauskommt.“
Unser Planet ist ein Lebensraum für alle Lebewesen, nicht nur Abraumgebiet für Rohstoffe. Wer sich gegen Vernichtung von Lebensräumen und die treibenden wirtschaftlichen Interessen stellt und lieber Natur schützen und erhalten will, wird allzu oft lächerlich gemacht und zum Schweigen gebracht.
Um Menschen von einander zu trennen, um den Gemeinsinn zu aufzubrechen, braucht es nicht nur Waffen, sondern auch Worte.
Der Papst beklagt in digitalen Medien, „das Aufwallen ungewöhnlicher Formen von Aggressivität, von Beschimpfungen, Misshandlungen, Beleidigungen, verbalen Ohrfeigen bis hin zur Ruinierung der Person des anderen. Dies geschieht mit einer Hemmungslosigkeit, die bei einem Zusammentreffen von Angesicht zu Angesicht nicht in der gleichen Weise vorkommt, weil wir uns sonst am Ende gegenseitig zerfleischen würden. Die soziale Aggressivität findet auf Mobilgeräten und Computern einen Raum von noch nie dagewesener Verbreitung“ (44).
Internetgiganten befördern diese Empörungs- und Hasskultur, weil sie so die aufgeregten „User“ lange auf deren Plattformen halten und sie nebenbei mit Werbung füttern können, wovon facebook und Co. wirtschaftlich leben und bedrohlich wachsen.
Ich nutze auch diese Medien, ich habe mir das lange überlegt, ob ich da rein gehen oder mich davon fernhalten soll. Ich bin dabei, wo viele andere auch sind. Ich habe mir aber zum Grundsatz gemacht, nur Wohlbedachtes, Vernünftiges und Geistreiches zu posten und mich nicht in Empörungsdebatten zu beteiligen.

Der Papst empfiehlt, wieder ein Hören, ein Hinhören, einzuüben, ein ruhiges Nachdenken: Erst denken, dann posten.
Der Papst: „Man darf die Fähigkeit zuzuhören nicht verlieren. Der heilige Franziskus hat der Stimme Gottes zugehört, er hat der Stimme des Armen zugehört, er hat der Stimme des Kranken zugehört, er hat die Stimme der Natur vernommen. All das verwandelt er in einen Lebensstil. Ich hoffe, dass der Samen des heiligen Franziskus in allen Herzen heranwachse“ (48).

Jetzt möchte ich zurück zu Juri kommen und all den anderen, die in Angst und Schrecken leben müssen.
Ich denke immer wieder an Juri, erkundige mich nach ihm und frage mich: „Was kann ich für dich tun, mein Lieber? Wir sind miteinander durch die Gegend hier geradelt, haben geschwitzt und die Landschaft genossen und auch mal einen Wodka zusammen getrunken. Ich bin immer noch hier und frei, du aber in deiner Heimat, in Minsk, 1700 Kilometer weit weg, eingeschüchtert, verstummt“.
 Das lässt mich nicht in Ruhe. Ich will nicht, dass es mich in Ruhe lässt. Ich möchte nicht einfach am Verletzen vorbei gehen. Aber was tun?
 
Es ist Passionszeit in vielen Teilen der Welt, nicht weil‘s der Kirchenkalender so will, sondern weil nicht wenige Gewalttäter andere bewusst und gewollt drangsalieren und berauben - und auch wir, scheinbar Unbeteiligte, davon profitieren.

Auferstehung wird dann, wenn wir aus unseren Grabeshöhlen der Angst, der Taubheit und des Nichtwissenwollens aufstehen und heraustreten: Die anderen sind stärker, aber wir machen weiter, irgendwie, ohne Hass im Herzen, auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit.
Nur ein Traum?

Wenn wir mit offnen Herzen hören,
was Menschen neben uns bewegt,
und wir nicht schweigen, sondern reden
von dem, was unser Leben prägt,
dann spüren wir die Ewigkeit
in dieser Zeit, in dieser Zeit.

Wenn fremde Tränen uns berühren,
so wie ein tiefer, großer schmerz,
und wir das Leid der andern spüren,
als träf es unser eignes Herz,
dann spüren wir die Ewigkeit
in dieser Zeit, in dieser Zeit.