Ist Spekuliergen gegen volkswirtschaftliches Wohl Sünde?

Pfingstpredigt 2010

Ist Spekulieren und Wetten gegen Volkswirtschaften Sünde?


„Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“.

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Lukas erzählt seine Pfingstgeschichte. Die Jünger und Jüngerinnen, zurückgezogen, unter sich bleibend, fragend, abwartend,  brechen aus, bekommen ihre Sprache, gehen raus in die Öffentlichkeit; weil sie der Geist gepackt hat, ein Brausen und Feuer vom Himmel. Es brennt in ihnen.

Nicht mehr die Fragen: Was können wird tun? Was sollen wir sagen?  sondern Aufbruch.

 

In den vergangen Wochen habe ich mit vielen Menschen über Politik geredet, über das Wetten und Spekulieren gegen den Euro, gegen Volkswirtschaften: „Was sollen, was können wir tun?“ Ohnmacht. Ärger. Sorge.

 

Vor eineinhalb Jahren, im Oktober 2008, haben deutsche Politiker zur Rettung der Banken und der Volkswirtschaft ein Hilfspaket von 500 Milliarden Euro beschlossen - nach einer Woche intensiver und Kräfte raubender Diskussionen, ohne zu wissen, ob es gut gehen wird. Ich hatte einen Bundestagspolitiker nach diesen Tagen getroffen - erschöpft, verunsichert. „War es das Richtige?“

 

Vor zwei Wochen saßen die europäischen Finanzminister zusammen und wieder ging es um ein Hilfspaket, diesmal in Höhe von 750 Milliarden Euro und der Übernahme von Bürgschaften, um „Angriffe“ von Fondsverwaltern „abzuwehren“. Die europäische Währung sollte „sturmreif geschossen“ werden. Es herrschte eine Art von Krieg.

Die Minister hatten bis in die Nacht getagt, bis die ersten Börsen in Asien ihr Treiben wieder eröffneten und auf der Jagd nach Gewinnen waren.

Hektisch wurde vom Deutschen Bundestag am Freitag das Finanzermächtigungsgesetz verabschiedet, das Volksvertretern keine Zeit gelassen hat, Chancen und Risiken vernünftig abzuwägen, um wieder „Ruhe“ in die Finanzmärkte zu bringen - eine schöne Umschreibung für eine böses Spiel. 

Mir geht die Geschichte vom barmherzigen Samariter nicht aus dem Sinn, nur eben mit anderem Vorzeichen.

Das Gleichnis vom unbarmherzigen Finanztaliban. Da liegt einer am Boden, ist unter die Räuber gekommen und es kommen Leute vorbei, doch statt ihm aufzuhelfen, gehen sie miteinander fein essen und beschließen gemeinsam, auf den Verletzten noch einzutreten und zuschlagen und die Gelegenheit zu nutzen, den Wehrlosen auch noch auszunehmen. Die Hilfeschreie des am Boden Liegenden werden gehört, es eilen Helfer herbei, doch die Taliban fordern Schutzgelder und Bürgschaften: 'So ist der Markt. Mitnehmen, was geht. Schwäche muss gnadenlos genutzt und ausgenutzt werden'. Und die Helfer flehen: 'Gebt uns Bedenkzeit.'  'Könnt ihr haben, aber mit jedem Tag steigt der Preis für das Schutzgeld'.

 

Ich fühlte mich in den vergangenen Tagen und Wochen ohnmächtig und gelähmt, aber auch wütend. Warum wehren sich die Regierungen nicht wirklich, sondern gehen unübersehbare Risiken ein, um „die Märkte zu beruhigen“, um den Spielern an gefräßigen Märkten zur Beruhigung Milliarden anzubieten?

Ich habe mich dann unsicher und suchend aufgemacht und dem obersten Theologen der Landeskirche eine Mail beschrieben - auf der Suche nach Klärung: 

Lieber Herr Oberkirchenrat,

die Bürger Europas wollen/müssen Griechenland mit Milliardenkrediten helfen; Banken und Fonds scheinen hingegen auf den Niedergang zu wetten und diesen zu wollen. Ist dieses Gebaren Sünde? Muss und soll es um der Stabilität einer Gesellschaft und um der Gerechtigkeit willen als „Sünde“ in der Kirche, in der Predigt, benannt werden? ....'Die Kirche' sagt zwar: "Wirtschaft muss den Menschen dienen". Erreichen diese Worte diejenigen, die an den großen Rädern drehen? Wäre da nicht ein kräftiges prophetisches Wort nötig?" 

Und es kam prompt eine Antwort zurück: „Auch mich beschleichen ganz ähnliche Gefühle der Ohnmacht und der Sorge. Ich werde mit dem Landesbischof sprechen. Mit herzlichen Grüßen“.

Kurz darauf nannte Bischof Frank Ottfried July das Verhalten von Hedgefonds, die nach Expertenmeinung auch an der Griechenland- Krise Anteil haben, öffentlich "marktüblich aber unethisch". Solchem Verhalten müsse mit Ordnungsmaßnahmen Einhalt geboten werden.

 

Da bewegte sich was! 

 

Ich nahm Kontakt zu den Industriepfarrern der Landeskirche auf, bat um deren Einschätzung.

Einer meinte:  Die Absicht für „Nichtstun“ viel Geld zu verdienen, in dem man finanzielle Luftblasen schafft und damit großes Gefahren für ein Land, für eine Wirtschaft, für die Menschen als „Risiko“ in Kauf nimmt - das ist Sünde! Du sollst nicht begehren deines Nächsten…..Haus, Hof , Wirtschaft, Vermögen, Kapitals, Preisgefüges…..heißt es in den Geboten.

 

Ein anderer:

„Die Spekulationsgeschäfte sind Ausdruck von Sünde, die das Leben von Menschen so wie unsere Lebensgrundlagen zerstört. 

Die grenzenlos deregulierte Freiheit der spekulativen Finanzgeschäfte unterjocht ganze Volkswirtschaften und legt Menschen Fesseln an, die sie in ihrer Lebensgestaltung nachhaltig und grundlegend beeinträchtigt,  ... eine  Eigendynamik der Geldökonomie, die bar jeglicher Moral und Verantwortung ist.

'Weh denen, …die Land rauben, ein Haus zu nehmen wie es ihnen gefällt, rücksichtslos Leute unterdrücken' kritisiert bereits der Prophet Micha (2,1ff) jene, die sich von Habgier treiben lassen“.

 

Die Propheten im alten Israel, Amos, Micha, Jesaja sind auf die Straßen gegangen, weil sich unerträgliches Unrecht und Ungerechtigkeit der Reichen und Starken in der Gesellschaft breit gemacht hatte. Jesaja hoffte auf einen Messias aus dem Stamm Isais, „der Wohlgefallen hat an der Furcht des Herrn. Er wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande und er wird mit dem Stab seine Mundes den Gewalttätigen schlagen“.

 

Diese Messiasvision und -hoffnung haben die christlichen Gemeinden auf Jesus übertragen, dem man auch den Titel Prophet zugesprochen hat. In unseren Weihnachtsgottesdiensten werden diese Messiashoffnungen gelesen: „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isajis. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Erkenntnis“. 

 

Der Lobgesang der Maria, das Magnifikat, ist eigentlich ein Brandrede:

Meine Seele erhebt den Herrn....  Er übt Gewalt mit seinem Arm, und zerstört die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen von Thron und der erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen“.

 

Die ersten Christengemeinden waren zwar klein und unbedeutend, aber sie wollten die antike Sklavengesellschaft umgestalten. In ihnen lebte die Hoffnung von Gerechtigkeit und sie wollten und sollten sie, zumindest unter ihresgleichen, verwirklichen: „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele“.

 

Schon das Vaterunser ist Ausdruck des Widerstandes: DEIN Reich komme, DEIN Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

 

Und da ist die Versuchungs- und Widerstandsgeschichte Jesu. Der Teufel führt Jesus auf den Berg und zeigt ihm alle Reiche dieser Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du nieder fällst und mich anbetest. Jesu Antwort: Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.

 

In der Bergpredigt hören wir: Niemand kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon ....  Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach SEINER Gerechtigkeit, so wird euch das alles, was ihr zum Leben an Nahrung und Kleidung nötig habt, zufallen.

 

Denken wir an die Gründungsgeschichte der jüdisch-christlichen Religion, wo das Unrecht bis zum Himmel schreit und Herz und Sinn Gottes, des Vaters im Himmel, bewegt. Gottes Wort an Mose: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört. Ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe in ein gutes und weites Land, darin Milch und Honig fließt.

 

Ich weiß, dass Banken und Börsen einen Sinn haben. Und dennoch bin ich nach meiner Bankausbildung aus dem Geschäft ausgestiegen, weil ich nicht Arme ärmer und Reiche reicher machen wollte.

 

„Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, heißt es im Grundgesetz aber viele denken: „Geld regiert die Welt. Wer aber regiert das Geld?“

Und weil sich Regierungen und Volksvertreter vor dem Volk verantworten müssen, versprechen und bemühen sie sich, nun Rahmenbedingungen und Regeln festzusetzen:

 

Aus dem Antwortschreiben eines Bundestagsbgeordneten der Regierungspartei:

„....für Ihre E-Mail, in der Sie die Sorge äußern, die internationale Staatengemeinschaft handele nicht entsprechend, um den Spekulanten auf den Finanzmärkten das Handwerk zu legen, möchte ich Ihnen recht herzlich danken. Ihre Ausführungen habe ich mit großem
Interesse gelesen und ich darf Ihnen versichern, dass ich Ihre Besorgnis überaus Ernst nehme. Völlig zu Recht fordern Sie, dass dem Treiben von ungezügeltem und verantwortungslosem Spekulantentum ein Ende gesetzt und auf europäischer und internationaler Ebene ein Riegel vorgeschoben werden muss. Und daran
wird auch mit großem Nachdruck gearbeitet...“

 

Und in seinem Schreiben ist weiter von einem Verbot riskanter Geschäfte die Rede, von Bankenabgabe und Begrenzung der Managergehälter. „Möglicherweise ist den Bankmanagern, die trotz Finanzkrise Gehälter in Millionenhöhe und Bonuszahlungen einstreichen und aus Profitgier munter weiter spekulieren, nur auf diese Weise beizukommen“.

 

Da bewegt sich was!

 

Die Gespräche und Mailkontakte mit Bundespolitikern aus der Region, mit Amtsbrüder und -schwestern, einem Ethikprofessor an einer Frankfurt School of finance & business, wirkten befreiend. Es war für mich ermutigend, die anfängliche Ohnmacht überwinden zu haben, zu diskutieren, Hirne und Herzen zu bewegen.

 

In der letzten Relistunde vor Pfingsten habe ich Viertklässlern Pfingstsätze diktiert: „Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“. Und auch das Wort: „Sei mutig. Mut läßt alle guten Kräfte wachsen“. Ich habe sie gebeten, den Satz zu vervollständigen: „Ich brauche Kraft und Mut, wenn ...“ Eine Schülerin schrieb: „Ich brauche Kraft und Mut, wenn ich mich widersetzen will“.

 

„Nein“ sagen braucht Mut und Überwindung, auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen.

Widerstand und Protest, trotz der Mahnung: „Nach welchem Maß ihr messt, werdet ihr gemessen werden“. „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werden“.

Es ist Widerstand, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten, trotz und in der Verwobenheit mit der Sünde dieser Welt.

 

Mut speist sich aus dem Gefühl der Sorge, des Mitleids und des Zorns.

„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.

 

Der katholische Bischof Marx von München sagte auf dem ökumenischen Kirchentag in München: „Insbesondere Christen sollten Verantwortung für eine Neuausrichtung des Finanzsektors übernehmen. Christen sollten sich kritisch zu Wort zu melden und Politikern auf die Füße zu treten. Sie sollten sich für eine neue Weltinnenpolitik stark machen“.

Das ist ein richtig ökumenisches Anliegen. „Ökumene“ heißt: die bewohnte Erde, der Erdkreis, die Menschheit. Ein ökumenisches Anliegen dient den Menschen der Erde, der Bewahrung der Schöpfung , der Gerechtigkeit und dem Frieden; das gilt es mutig miteinander kritisch und selbstkritisch zu benennen.

Lukas erzählt, wie die Gemeindeglieder, nach dem sie vom heiligen Geist erfüllt war, frei und befreit Jesus als ihren Propheten und Herrn und Christus bekennen und beständig bleiben in der Lehre der Apostel und der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Sie verkaufen Güter und Habe und teilen sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hat. ... und finden Wohlgefallen beim ganzen Volke.  

Das Christentum ist gebaut auf den Wunsch und die Hoffnung, die Wut und den Mut, eine Gemeinschaft zu sein, die einander dient und sich immer wieder dazu ermutigt, diesen Weg zu gehen- in Widerstand und Fürsorge, in Gemeinschaft und im Gebet, im Aufsehen auf Jesus Christus. 

Amen.