"nutzlos" Predigt zum 7.Februar 2021 (auf youtube hinterlegt)

nutzlos - Die Predigt zum Nachhören.

nutzlos - Das Gedicht aus dem Gedanken- und Gebetsbuch der Christuskirche.

Das Lied "Don't worry" von Rainer Siebel auf dem Keyboard interpretiert.

"Von guten Mächten wunderbar geborgen" mit der Mundharmonika

"Halleluja" mit der Mundharmonika gespielt.

Ins Gedanken- und Gebetsbuch der Christuskirche hat jemand vor ein paar Tagen ein Gedicht gelegt. Der Titel: Nutzlos. Die beschriebenen Gefühle sind mir nicht fremd und vermutlich vielen anderen vertraut und bekannt.

Nutzlos
Ich stehe morgens auf und fühle mich immer noch matt.
Ach, ich habe den ganzen Scheißdreck satt.
Schnell ein Kaffee im Stehen,
ich könnte am liebsten gehen.
Irgendwo weit weg, irgendwo sein,
nur nicht hier, am besten allein.
Maske auf, ein lockerer Spruch auf den Lippen,
nur nicht aus der Rolle kippen.
Doch hinter der Maske ein Brei aus Gedanken
droht mich zu fressen,
von Hirngespinsten aufgegessen.
Zukunftspläne schmieden, Zukunft gestalten,
irgendwie den Kopf für die Familie hochhalten.
Nutzlose Tagträumerei, so viele an der Zahl,
für Seele und Verstand momentan eine Qual.
Das Radio schalte ich sofort wieder auf off,
die seichte Musik ist mir zurzeit zu doof.
Schmerz und Rastlosigkeit
stricken eine psychische Explosion,
zuwider ist mir die "Wir halten zusammen"-Vision.
Wo bin Ich in diesem Wir?
Ich teile nicht mit euch diese optimistische Gier.
Verloren habe ich mich unter all den Auflagen,
mein Gott, ich fühle mich nutzlos, das muss ich beklagen.
Ich falte meine Hände
hoffnungsvoll zu dir und in aller Stille:
Gott, meine Zuversicht, es geschehe dein Wille.

Verloren habe ich mich unter all den Auflagen,
mein Gott, ich fühle mich nutzlos, das muss ich beklagen.

Bin ich noch systemrelevant? - so habe ich im Herbst mal eine Predigt zu Corona und den Folgen überschrieben.
Braucht man mich noch? Geschäfte und Gaststätten zu, Kneipen und Kitas, Konzerthallen und Kirchen wurden dicht gemacht. Zu gefährlich, braucht man jetzt nicht unbedingt, sagt man. Flugzeuge bleiben am Boden, Schiffe in den Häfen. In die Ferne schweifen – muss nicht sein, sagt man.
Sich begegnen, miteinander singen ist zu gefährlich, muss jetzt nicht sein, sagt man - wohl zu Recht.

Viele sind jetzt für sich, manche ganz einsam, zu Hause – my home is my castle.  Aber jetzt ist mein Heim nicht mehr nur mein Schloss und meine Burg, auch mein Büro und Klassenzimmer und Seminarraum. Raus aus dem Schlafanzug,  Headset auf und ran an die Tastatur –  tagelang, wochenlang, monatelang. Wie lange noch? Man liefert ab, was angefordert wird. Aber vor und hinter den Monitoren ist weniger „Bitte“ und „Danke“ zu hören als sonst so im Vorbeigehen im Betrieb, kein Gerüchte und kein Augenzwinkern,  die einem helfen, sich und die Lage einzuschätzen, weniger Smalltalk und Plauderei. Wie ist die Stimmung? Wie komme ich an? Was machen die anderen? Ist’s halbwegs recht so?

Und wenn man sich unterwegs dann doch trifft, wird oft, allzu oft gejammert:  „Man hätte doch schon längst….! Warum erst jetzt? Man müsste doch! Das klappt nicht! Man kann nicht fort, kann sich nicht besuchen wie früher.  Eine schlimme Zeit“
Politiker unter Druck werden zu Seelsorgern und wollen Zuversicht und Trost spenden: „Wir sehen Licht am Ende des Tunnels.  Spätestes im Herbst, dann….“   Was aber, wenn dann sich die Versprechen nicht erfüllen? Noch mehr dumpfer, enttäuschter Trübsinn im Land und bei den Leuten?

Bin ich systemrelevant? Braucht mich jemand? Bin ich nützlich?
Bei diesen Fragen und Zweifeln wiedersprach mir sofort ein Mann: „Niemand ist nutzlos! Vielleicht ist meine Arbeit nutzlos und sinnlos. Aber eine Person ist nicht nutzlos. Da muss man doch unterscheiden zwischen Arbeit und Person. Aber viele identifizieren sich mit ihrer Arbeit“.
Niemand ist nutzlos.
Mir kommt ein Satz in den Sinn: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin“. Ein Gebetswort aus einem Psalm 139. „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin“.
Wie kommt man darauf? Wie kann man so selbstbewußt sprechen, denken und beten?
Der so betet verweist nicht auf irgendwelche Großtaten  oder Werke von sich, nicht auf Klicks und Likes, die ihn wichtig, systemrelevant machen.
„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, dass erkennt meine Seele“.  Eine tiefe Erkenntnis aus dem Inneren heraus, so ganz unabhängig von dem, was andere von einem halten. Ich bin wie ich bin, so bin ich geschaffen - und das ist gut so.
Es klingt dabei der erste Satz des Grundgesetzes an: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Egal wie nützlich, wichtig, bedeutsam und relevant du für andere zu sein scheinst und egal, wie nützlich oder nutzlos du dir vorkommst: Du bist wunderbar geschaffen.    

Im Laufe der vergangenen Woche habe ich mit einigen über das Gedicht und auch die Selbstzweifel in diesem Gedicht gesprochen.  
Eine Frau sagte mir: Mach, was du gut kannst, was du Gutes bewirken kannst und wozu es dich jetzt drängt.

Mach jetzt was du gut  und Gutes bewirken kannst.

Tja, leichter gesagt als getan.

Ich kann ganz gut auf der Mundharmonika tönen und erlerne gerade ein neues Instrument, eine Melodica.  Was soll ich damit anfangen, außer mir selbst zum Vergnügen zu spielen?
 
Als ich am Freitag Nachmittag unterwegs war, bin ich am Haus von Frau soundso vorbei gekommen. Mit Frau soundso hatte ich am Vormittag ein Telefonat geführt. Es gehe ihr nicht gut und der Besuch der Kinder und Enkel fehle ihr.
Dann hab ich mir gedacht: Ich halte jetzt an, klingle bei ihr, und spiele ihr ein Lied. Einfach so, weil ich es kann und weil es Frau Soundso vermutlich aufheitern würde.  
Gesagt, getan. Ich klingle, die Tür geht auf: „Hallo, Sie sind jetzt mein erstes Opfer. Ich möchte ihnen was auf der Mundharmonika vorspielen. Einfach so!“
„Prima! Das ist ja eine Überraschung.“
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.  
Und Frau soundso hat in er Tür mitgesungen.  
Dann kam noch eine Frau vorbei, die gerade Medikament gebracht hat. „Das haben Sie gerade aber etwas verpasst“.
Ich habe meine Mundharmonika wieder  angesetzt und noch ein Liedchen gespielt. Halleluja. Im Nachbarhaus ging ein Fenster auf: Beifall.
Und dann kam der alte Mann der alten Dame von Keller hoch und ich hab noch ein Lied gespielt.
Und ich dachte: Das mach ich jetzt so weiter.  Heute und in der kommenden Woche. Ich ziehe durch den doch merklich stiller gewordenen Ort und mache Musik. Klinge, spiele ein zwei Liedchen, ein Schwätzchen und weiter.  
Hätt‘ ich mich früher nicht getraut, war ja auch nicht nötig, als man auf Konzerten und in Kirchen singen konnte.  
Das kann ich, das muss ich jetzt wohl so machen.
Hab zum Glück eine, meine Aufgabe gefunden – in diesen Zeiten.
Such und finde das, was du gut kannst, womit du anderen was Gutes tust und wozu es dich drängt. Mach ich auf.

Gott, meine Zuversicht, es geschehe dein Wille.

Preidgt zum 7.2.2021



Ins Gedanken- und Gebetsbuch der Christuskirche hat jemand vor ein paar Tagen ein Gedicht gelegt. Der Titel: Nutzlos. Die beschriebenen Gefühle sind mir nicht fremd und vermutlich vielen anderen vertraut und bekannt.

Nutzlos
Ich stehe morgens auf und fühle mich immer noch matt.
Ach, ich habe den ganzen Scheißdreck satt.
Schnell ein Kaffee im Stehen,
ich könnte am liebsten gehen.
Irgendwo weit weg, irgendwo sein,
nur nicht hier, am besten allein.
Maske auf, ein lockerer Spruch auf den Lippen,
nur nicht aus der Rolle kippen.
Doch hinter der Maske ein Brei aus Gedanken
droht mich zu fressen,
von Hirngespinsten aufgegessen.
Zukunftspläne schmieden, Zukunft gestalten,
irgendwie den Kopf für die Familie hochhalten.
Nutzlose Tagträumerei, so viele an der Zahl,
für Seele und Verstand momentan eine Qual.
Das Radio schalte ich sofort wieder auf off,
die seichte Musik ist mir zurzeit zu doof.
Schmerz und Rastlosigkeit
stricken eine psychische Explosion,
zuwider ist mir die "Wir halten zusammen"-Vision.
Wo bin Ich in diesem Wir?
Ich teile nicht mit euch diese optimistische Gier.
Verloren habe ich mich unter all den Auflagen,
mein Gott, ich fühle mich nutzlos, das muss ich beklagen.
Ich falte meine Hände
hoffnungsvoll zu dir und in aller Stille:
Gott, meine Zuversicht, es geschehe dein Wille.

Verloren habe ich mich unter all den Auflagen,
mein Gott, ich fühle mich nutzlos, das muss ich beklagen.

Bin ich noch systemrelevant? - so habe ich im Herbst mal eine Predigt zu Corona und den Folgen überschrieben.
Braucht man mich noch? Geschäfte und Gaststätten zu, Kneipen und Kitas, Konzerthallen und Kirchen wurden dicht gemacht. Zu gefährlich, braucht man jetzt nicht unbedingt, sagt man. Flugzeuge bleiben am Boden, Schiffe in den Häfen. In die Ferne schweifen – muss nicht sein, sagt man.
Sich begegnen, miteinander singen ist zu gefährlich, muss jetzt nicht sein, sagt man - wohl zu Recht.

Viele sind jetzt für sich, manche ganz einsam, zu Hause – my home is my castle.  Aber jetzt ist mein Heim nicht mehr nur mein Schloss und meine Burg, auch mein Büro und Klassenzimmer und Seminarraum. Raus aus dem Schlafanzug,  Headset auf und ran an die Tastatur –  tagelang, wochenlang, monatelang. Wie lange noch? Man liefert ab, was angefordert wird. Aber vor und hinter den Monitoren ist weniger „Bitte“ und „Danke“ zu hören als sonst so im Vorbeigehen im Betrieb, kein Gerüchte und kein Augenzwinkern,  die einem helfen, sich und die Lage einzuschätzen, weniger Smaltalk und Plauderei. Wie ist die Stimmung? Wie komm ich an? Was machen die anderen? Ist’s halbwegs recht so?

Und wenn man sich unterwegs dann doch trifft, wird oft, allzu oft gejammert:  „Man hätte doch schon längst….! Warum erst jetzt? Man müsste doch! Das klappt nicht! Man kann nicht fort, kann sich nicht besuchen wie früher.  Eine schlimme Zeit“
Politiker unter Druck werden zu Seelsorgern und wollen Zuversicht und Trost spenden: „Wir sehen Licht am Ende des Tunnels.  Spätestes im Herbst, dann….“   Was aber, wenn dann sich die Versprechen nicht erfüllen? Noch mehr dumpfer, enttäuschter Trübsinn im Land und bei den Leuten?

Bin ich systemrelevant? Braucht mich jemand? Bin ich nützlich?
Bei diesen Fragen und Zweifeln wiedersprach mir sofort ein Mann: „Niemand ist nutzlos! Vielleicht ist meine Arbeit nutzlos und sinnlos. Aber eine Person ist nicht nutzlos. Da muss man doch unterscheiden zwischen Arbeit und Person. Aber viele identifizieren sich mit ihrer Arbeit“.
Niemand ist nutzlos.
Mir kommt ein Satz in den Sinn: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin“. Ein Gebetswort aus einem Psalm 139. „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin“.
Wie kommt man darauf? Wie kann man so selbstbewußt sprechen, denken und beten?
Der so betet verweist nicht auf irgendwelche Großtaten  oder Werke von sich, nicht auf Klicks und Likes, die ihn wichtig, systemrelevant machen.
„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, dass erkennt meine Seele“.  Eine tiefe Erkenntnis aus dem Inneren heraus, so ganz unabhängig von dem, was andere von einem halten. Ich bin wie ich bin, so bin ich geschaffen - und das ist gut so.
Es klingt dabei der erste Satz des Grundgesetzes an: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Egal wie nützlich, wichtig, bedeutsam und relevant du für andere zu sein scheinst und egal, wie nützlich oder nutzlos du dir vorkommst: Du bist wunderbar geschaffen.    

Im Laufe der vergangenen Woche habe ich mit einigen über das Gedicht und auch die Selbstzweifel in diesem Gedicht gesprochen.  
Eine Frau sagte mir: Mach, was du gut kannst, was du Gutes bewirken kannst und wozu es dich jetzt drängt.

Mach jetzt was du gut  und Gutes bewirken kannst.

Tja, leichter gesagt als getan.

Ich kann ganz gut auf der Mundharmonika tönen und erlerne gerade ein neues Instrument, eine Melodica.  Was soll ich damit anfangen, außer mir selbst zum Vergnügen zu spielen?
 
Als ich am Freitag Nachmittag unterwegs war, bin ich am Haus von Frau soundso vorbei gekommen. Mit Frau soundso hatte ich am Vormittag ein Telefonat geführt. Es gehe ihr nicht gut und der Besuch der Kinder und Enkel fehle ihr.
Dann hab ich mir gedacht: Ich halte jetzt an, klingle bei ihr, und spiele ihr ein Lied. Einfach so, weil ich es kann und weil es Frau Soundso vermutlich aufheitern würde.  
Gesagt, getan. Ich klingle, die Tür geht auf: „Hallo, Sie sind jetzt mein erstes Opfer. Ich möchte ihnen was auf der Mundharmonika vorspielen. Einfach so!“
„Prima! Das ist ja eine Überraschung.“
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.  
Und Frau soundso hat in er Tür mitgesungen.  
Dann kam noch eine Frau vorbei, die gerade Medikament gebracht hat. „Das haben Sie gerade aber etwas verpasst“.
Ich habe meine Mundharmonika wieder  angesetzt und noch ein Liedchen gespielt. Halleluja. Im Nachbarhaus ging ein Fenster auf: Beifall.
Und dann kam der alte Mann der alten Dame von Keller hoch und ich hab noch ein Lied gespielt.
Und ich dachte: Das mach ich jetzt so weiter.  Heute und in der kommenden Woche. Ich ziehe durch den doch merklich stiller gewordenen Ort und mache Musik. Klinge, spiele ein zwei Liedchen, ein Schwätzchen und weiter.  
Hätt‘ ich mich früher nicht getraut, war ja auch nicht nötig, als man auf Konzerten und in Kirchen singen konnte.  
Das kann ich, das muss ich jetzt wohl so machen.
Hab zum Glück eine, meine Aufgabe gefunden – in diesen Zeiten.
Such und finde das, was du gut kannst, womit du anderen was Gutes tust und wozu es dich drängt. Mach ich auf.

Gott, meine Zuversicht, es geschehe dein Wille.

Predigt zum 7.2.2021