Klopfet an. Ein Brief an den Audi-Werksleiter

Die Predigt zum Hören.

Die Musik zur Predigt, gespielt von Rainer Siebel.

Die Predigt zum Hören und Lesen Hintelegt auf youtube.

"Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut für die Zeit in der wir leben...." (EG 635) (hinterlegt auf youtube).

"Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan."
(Matthäusevangelium 7,7.8)
Eine Munter-Macher-Weisheit, wenn du in dich hinein grummelst und grollst und schimpfst.
Ein Beweg-Dich-Aufruf, wenn du in Sorge bist und Hilfe brauchst.
Nimm deinen Mut zusammen, mach dich auf, geh los! Bitte, suche, klopf an! Es wird nicht vergeblich sein. Wenn du dich bewegst, bewegt sich was, bei dir und bei anderen.  

„Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

Ich bin besorgt, manchmal sogar verängstigt, was da noch auf uns und vor allem die Kinder und Jugendlichen zukommt. Mittlerweile ist die Klimaerhitzung in aller Munde und allen Parteiprogrammen, weil Gefahr im Verzug ist, sonst geht hier heiß her, sonst erleben wir stürmische Zeiten, sonst werden wir in Fluten untergehen.
Aber gibt es Zeichen, nicht nur vollmundige Versprechen, dass ein wirklicher Sinnes- und Lebenswandel eingesetzt hat und sich breit macht? In Gegenteil. Mich erschreckt’s, dass Autos größer und schwerer werden und ich grummle in mich hinein: 'Das kann doch in diesen Zeiten nicht richtig sein' – bis vor ein paar Tagen. Dann fasste ich mir Herz und Mut und habe einen Brief geschrieben und bei dem angeklopft, der hier vor der Haustür Autos baut, auch große und schwere. Ein Brief an den neuen Audi-Werksleiter in Neckarslum.     

                                                                                             6. Mai 2021
Sehr geehrter Herr Schulze,

ich mag Dialog, ich mag offene, kritische Gespräche in aller Freiheit. Sie auch?

Zunächst möchte ich Ihnen viel Kraft und Mut, Segen und Glück wünschen für Ihre verantwortungsvolle Aufgabe, das Audi-Werk in Neckarsulm (wieder) zu leiten, wo so viele Belange berücksichtigt, bedacht, gewichtet und befriedigt werden müssen: die Interessen der Kapitalgeber, der Konzernleitung, der Mitarbeitenden, der Kunden, Zulieferer, der Kommune und der Region, zudem all die gesetzlichen Vorgaben in Deutschland, Europa und den anderen Ländern.
Zudem auch noch moralische Themen: ‚Wie halt ich’s mit den Menschenrechten, der Klimaerhitzung und der Umweltbelastung? Wem wie gerecht werden?‘
Ein permanenter Interessenkonflikt, in dem sich die Person Fred Schulze bewegen muss. Respekt.

Und dann kommt da ein Pfarrer von nebenan und will auch noch was: Ein Gespräch, bitte! Warum?
Offen gesagt, ich bin in Sorge und jeden Tag mehr. Wir haben doch nur noch wenig Zeit, um befürchtete und auch schon eingetretene Umwelt- und Klimakatastrophen abzuwenden.
Alle wissen‘s: Wir dürfen nicht noch mehr Lebensräume nutzen, zerstören und ausbeuten.
Aber ich nehme wahr, dass Ihre Autos immer schwerer und leistungsstärker werden.  Ein Audi e-tron wiegt 2,6 Tonnen, das 30fache eines Menschen, der sich damit bewegen lässt. Das ist doch unvernünftig, widersinnig, umweltschädlich. Das kann und darf doch nicht das Fortbewegungsmittel der Zukunft sein.

Ich höre Sie schon widersprechen: ‚Aber das wollen doch die Leute. Wir müssen uns am Markt orientieren und profitabel sein. Wir sichern damit doch Arbeitsplätze und Wohlstand in der Region‘.
Und ich fürchte, dass auch die Drohung hinterher geschoben wird: ‚Wenn ihr uns nicht wollt, dann verlagern wir unsere Produktionsstätten‘.

Autos sind bewundernswert. Was da alles konstruiert, zusammengebaut und eingerichtet werden muss, damit es zuverlässig läuft und verlockend schön aussieht – eine Meisterleistung. Keine Frage.
 
Aber dennoch, vernünftigerweise müssten doch Autos leichter, langsamer, umweltgerechter werden, damit sie in diese bedrohte Welt passen.
Mit jedem Tag mehr, an dem umweltschädliche Autos angepriesen, hergestellt und gekauft werden, verliere ich die Hoffnung, dass sich notwendigerweise was ändert, um unseren Nachkommen eine einigermaßen schöne, lebendige, katastrophenarme Erdenwelt anvertrauen zu können.

„Wir wollen die Jugend nicht, um eine Zukunft zu haben. Wir wollen vielmehr, dass die Jugend eine Zukunft hat“, diesen Satz des Jugendpfarrers Otto Riethmüller (1889-1938) habe ich mir gemerkt.
 
Nicht die Jugend soll’s mal besser machen, sondern wir müssen‘s besser machen, damit Kinder und Jugendliche halbwegs gut leben können.

Hätten Sie Lust, sich mit mir darüber auszutauschen?

Viele Grüße

Jürgen Stauffert
Pfarrer an der ev. Christuskirche
Am Kutschersberg 59/1, 74235 Erlenbach, Tel. 07132/3809882, juergen.stauffertdontospamme@gowaway.elkw.de,
www.evkirche-erlenbach.de

 

Was nun aus dieser Bitte, diesem Brief, wird?
Keine Ahnung
„Mehr Dialog bitte“, war vor kurzem das Thema einer Predigt. Mutig, offen, respektvoll das Gespräch suchen, einander fragen, in Frage stellen und sich selbst dabei in Frage stellen zu lassen - so kommen wir miteinander weiter, oder?
Ich kann doch nicht warten, bis irgendjemand damit anfängt. Ich muss den ersten Schritt schon selbst tun und wagen
Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft; dem wird aufgetan.

So will ich’s hoffen.