Erntedank - Eine 5-Tage-Bauerei für alle?

Ernte heute. Vollernter bei der Lese.

Ernte damals. Mühselig mit Sense und Sichel.

Die Predigt zum Nachhören.

Woher soll die Wertschätzung für Nahrungsmittel herkommen, wenn alles proppenvoll und abgepackt in den Regalen der Supermärkte liegt und steht, immer verfügbar - nur zugreifen und bezahlen, fertig? - Wie wäre es, wenn jede Person, vom Kind bis zum Rentner, 5 Tage im Jahr  verpflichtend in der Landwirtschaft und der Verarbeitung von Lebensmitteln mitschafft – auf dem Feld, im Stall, im Wald, in einer Kellerei, Metzgerei oder Käserei,  damit das Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln wächst und bäuerliche Arbeit mehr geschätzt und gewürdigt wird?

Predigt zu Erntedank, 4.10.2020

An einem sonnigen Montagvormittag ein Spaziergang in der Natur – ein Vollernter fährt durch die Weinberge über die Reben hinweg, rüttelt und schüttelt in Sekundenschnelle die Trauben von den Stöcken. Um einen Hektar abzuernten braucht er eine Stunde, soviel wie ein Trupp Leute mit Rebscheren und Butten in 2 Tagen.

Weiter auf meinem Spaziergang: Die Apfelbäume auf den Streuobstwiesen hängen voller Obst, die Früchte fallen auf die Erde. Eine Familie - Oma, Sohn Schwiegertochter und Enkelin, lesen ein paar Äpfel auf, pflücken was vom Baum ab. Sonst niemand da, der erntet. Das Obst liegt auf dem Boden und gammelt vor sich hin.

Und weiter auf dem Spaziergang: Eine Gruppe alter Erlenbacher Männer Beim Wandern. Einer erzählt von früher, wie die Frauen in alten Wintermänteln die Trauben bis Anfang November gelesen haben, wie vor der Kelter in Erlenbach vier Wochen lang Betrieb war:  Bauern schaufelten von Hand nacheinander die Trauben von den Karren, die anderen mussten solange in der Schlange warten, Weinhändler kamen und kauften den noch nicht einmal gekelterten Wein auf.

Der Winzer heute schaut fasziniert und entspannt dem Vollernter zu. Es kommen immer weniger Leute zur Lese, die Verwandtschaft hilft nicht mehr so mit und Arbeitskräfte, die mit Mindestlohn bezahlt werden müssen, sind teuer.

Ein anderer Bauer erzählte mir: Es lohnt kaum. Der Nachwuchs hat kein Interesse. Wenn er aufhört, wird der Betrieb verkauft.

Er ist nicht der einzige. In den letzten 20 Jahren haben 317.000 Landwirte in Deutschland den landwirtschaftlichen Betrieb aufgegeben. Die Gründe: Zunehmender Preisdruck durch den Lebensmitteleinzelhandel, sinkende Fleisch- und Getreidepreise und fehlender Nachwuchs.
 
Finanzinvestoren kaufen Land auf, wollen Rendite machen: Mehr Leute brauchen mehr zu essen. Steigende Nachfrage – steigende Preise.
Die Pachtpreise für Böden steigen, riesige Flächen werden angelegt, um sie möglichst intensiv und kostengünstig zu bewirtschaften. Die EU subventioniert Großbetriebe.

Die Europäische Union und Länder aus Lateinamerika - Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay - haben ein umstrittenes Handelsabkommen beschlossen, das Märkte öffnen und Zölle abbauen soll. Profierten würde Großbauern dort, die Wälder für Viehweiden abholzen, profitieren würden deutsche Chemiefirmen, die noch mehr Pestizide, Dünger und Saatgut verkaufen könnten, profitieren würde auch die Automobilindustrie, die Autos zollfrei anbieten könnten und Zugang zu Lithium-Quellen bekämen, dem Rohstoff für künftige Batterien;
das Nachsehen hätten Bauern hierzulande und die Verbraucher, weil Lebensmittelstandards fallen würden. Ob das Abkommen von den Staaten ratifiziert wird, ist unklar.

Hierzulande leiden Waldbesitzer unter dem Bäumesterben, weil es zu trocken und heiß ist. Der Preis für Holz ist gefallen.

Die Produktion von Biokraftstoffen mit Pflanzen wie Raps, Soja, Weizen, Zuckerrüben nehmen Flächen für die Nahrungsmittelproduktion weg und werden gewinnbringender angebaut und geerntet - zum Verheizen.  
Wie es in den Schlachthöfen zugeht, haben wir in den vergangenen Wochen erfahren, weil in Großbetrieben viele Arbeiter sich mit dem Virus infiziert haben,  Personen aus Osteuropa, die erbärmlich bezahlt und erbärmlich untergebracht werden.

Landwirtschaft – Themen und Probleme gibt es viele.
Auf einem Gemeindebrief zu Erntedank habe ich ein Bild aus dem vergangenen Jahrhundert gesehen: zwei Personen, die das Getreide mit der Sense schneiden.
Ein wenig idyllisch gemalt, aber paradiesisch ist das Bauerleben nicht und war‘s wohl noch nie. „Mit Mühsal soll du dich nähren von deinem Acker dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist“, so im 1. Buch Mose. Mühselige Arbeit als Strafe dafür, dass der Mensch vom Baum der Erkenntnis gegessen hat.

Ist genug für alle da? Es ist genug für alle da!
Das ist die Botschaft der Geschichte von der wundersamen Brotvermehrung, die uns für den Erntedanktag gegeben ist.

Markusevangelium: 8, 1-9
Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

Jeder bekommt was ab, es reicht für alle, es ist mehr als genug da. Wissenschaftler sagen, die Erde könnte 14 Milliarden Menschen ernähren, nicht mit Fleisch aber mit Getreide und Obst und Gemüse. Aber vieles verdirbt schon zwischen Anbau und Wachstum, Ernte und Verkauf und Verzehr oder wird im Überfluss weggeworfen.

Früher haben viele Menschen in der Landwirtschaft gearbeitet, entweder in Vollerwerb, oder im Teilerwerb oder im Garen hinterm Haus oder dem Schrebergarten, um sich selbst zu versorgen. Riesen-Supermärkte gibt es erst seit zwei, drei Generationen.

Heute schaffen viel weniger Menschen im großen und kleinen Garten.

Woher sollte dann auch Wertschätzung für Lebensmittel herkommen, wenn man kaum noch eigene Ernte-Erfahrungen macht und nicht im Schweiße des Angesichts spürt, wie mühsam Landwirtschaft mitunter auch sein kann, ausgesetzt den Launen der Natur: Regnet’s? Wird‘s warm genug aber nicht zu heiß? Kommt Frost, ein Unwetter? Bleiben die Tiere gesund? Droht eine Seuche, ein Schädling? Wie können wir die Erzeugnisse vermarkten und verkaufen?

Woher soll die Wertschätzung herkommen, wenn alles proppenvoll und abgepackt in den Regalen liegt und steht, immer verfügbar - nur zugreifen und bezahlen, fertig.

Mir ist da eine Idee in den Sinn gekommen. Ich nenne sie 5-Tage-Bauerei: 5 Tage im Jahr soll jeder verpflichtend in der Landwirtschaft und der Verarbeitung von Lebensmitteln mitschaffen – vom Kind bis zum Rentner – auf dem Feld, im Stall, im Wald, in einer Kellerei, Metzgerei oder Käserei.
Wie organisieren? Wie bezahlen? Durch den Betrieb und vom Staat? Muss man regeln, kann man regeln, wenn man will.
Die ersten Jahre könnten gewöhnungsbedürftig sein. Dann kennt man sich und kennt sich vielleicht schon auf seinem Betrieb aus und weiß, was zu tun ist.   
Die langen Sommerferien und auch die Herbstferien waren ja auch mal dazu gedacht, bei der Ernte mitzuhelfen.
Heute sind diese Ferienwochen zu Reisezeiten zum puren Vergnügen geworden.  
Was wäre mit der 5-Tage-Bauerei gewonnen?
Bauern hätten Personal, das ihnen fehlt, das sie aus ärmeren osteuropäischen Ländern immer mühsamer anwerben.
Natur würde nicht nur als Freizeitraum wahrgenommen, schön anzusehen, sondern auch als Lebens- und Wirtschaftsraum - zunehmend aber bedroht.
Tiere würden erlebt, bevor sie Schnitzel, Kotelett oder Wurst werden, bevor die Muttermilch von Kühen zu Buttermilch und Käse wird.
Ehrfurcht vor der Schöpfung würde wachsen.  
Verbraucher und Kunden wüssten, wie die Lebensmittel in die Folie, die Kiste, die Dose oder das Glas kommen bevor sie im Regal stehen.

Erzeuger und Verbraucher kämen sich näher, würden ins Gespräch kommen, würden Hintergründe verstehen und Sorgen teilen.
Bei der gemeinsamen Arbeit in gleicher Arbeitskleidung kämen sich Anwälte und Arbeiter näher, Banker und Bademeister, Vorstände und VerkäuferInnen, Fußballer und Fahrlehrer, Alteingesessene und Neuzugezogene. Standesunterschiede würden für ein paar Tage aufgehoben, der Zusammenhalt untereinander könnte wachsen.
Warum also nicht ein 5 Tage-Bauerei für alle, damit Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln wächst und bäuerliche Arbeit mehr geschätzt und geachtet wird?