Von der Geschwisterlichkeit und der sozialen Freundschaft.

We shall overcome. Das Lied zur Predigt, gespielt von Rainer Siebel.

Die Predigt zum Hören.

Die Predigt als Video (hinterlegt bei Youtube).

In der Passionszeit, 21. Februar 2021

Erste Predigt zur Enzyklika von Papst Franziskus „Fratelli tutti - Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft" vom Oktober 2020.

Hier die Enzyklika: http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html

„We shall overcome“ ein Protestlied: Wir werden Hand in Hand gehen. Wir werden in Frieden leben. Wir haben keine Angst. Schwarz und Weiß zusammen, gesungen 1963:  in dem Jahr, als Martin Luther King seine berühmte Rede hielt: I have a dream, angesichts des erniedrigenden und ausgrenzenden Rassismus weißer Amerikaner gegenüber den Menschen, deren Vorfahren einst als Sklaven aus dem Süden nach Nordamerika verschleppt wurden. I have a dream. Ich habe einen Traum, dass eines Tages kleine schwarze Jungen und schwarze Mädchen mit kleinen weißen Jungen und weißen Mädchen als Schwestern und Brüder Hände halten können. Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden.  

Martin Luther King hat es gewagt, die vorherrschende, brutale Weltsicht aufzubrechen, für die es sich zu leben und streiten lohnt: I have d dream.
Auch Papst  Franziskus hat einen Traum, diesen alten Traum, der Traum, dass sich Menschen als Brüder und Schwestern verstehen: In seinem bemerkenswerten Lehrschreiben der Sogenannten Enzyklika Fratelli tutti – Über die Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft  - veröffentlichet im Oktober 2020, schreibt der Papst: „Ich habe den großen Wunsch, dass wir in dieser Zeit, die uns zum Leben gegeben ist, die Würde jedes Menschen anerkennen und bei allen ein weltweites Streben nach Geschwisterlichkeit zum Leben erwecken. ... Träumen wir als eine einzige Menschheit, als Weggefährten von gleichem menschlichen Fleisch, als Kinder der gleichen Erde, die uns alle beherbergt, jeden mit dem Reichtum seines Glaubens oder seiner Überzeugungen, jeden mit seiner eigenen Stimme, alles Brüder und Schwestern“.  
Papst Franziskus bricht den Gedenken, den Traum von der Geschwisterlichkeit aller Menschen, hinein in die Globalisierung, die neuen Medien, das Verhältnis der Religionen zueinander, hinein in die Wirtschaft, Politik und die Freundschaft zwischen Völker und Nationen.
Ich werde mich in Predigten der kommenden Wochen, in der Passionszeit, mit Gedanken dieses wertvollen Lehrschreibens beschäftigen.
 
‚Ich habe den Wunsch, den Traum, das Streben nach Geschwisterlichkeit zum Leben zu erwecken‘.
Nur ein Traum?
Ein notweniger Traum in diesen Zeiten?  
Am Freitag fand die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz online statt, in der seit 1963 hunderte StaatenlenkerInnen, Militär- und Wirtschaftsvertreter und Diplomaten für ein paar Tage im Februar in München zusammenkommen, um über die Bedrohungen und Konflikte in der Welt debattieren.
Wolfgang Ischinger, der Leiter der Konferenz sagte am Freitag: Wir leben in der Tat in einer Welt wieder zunehmender Großmacht-Rivalitäten. Das treibt viele meiner Kollegen, viele der Beobachter um, mich selbst auch. Wir erleben, dass eine regelbasierte internationale Ordnung mit starken Institutionen – denken Sie an die Vereinten Nationen, denken Sie an die WHO – in ihren Grundfesten erschüttert werden, dass sie nicht funktionieren, dass sie blockiert werden. Missverständnisse werden dann häufiger. Man redet aneinander vorbei. Man rüstet militärisch auf, übrigens vor allen Dingen in Asien, noch viel stärker als in unserem Teil der Welt. In der Tat: Die Welt ist gefährlicher geworden“.

Es braucht immer wieder, jetzt wohl dringend, diesen Traum von der Geschwisterlichkeit der Menschen. Und die Religionen müssen ihn verkünden, zur Sprache bringen, auch wenn er naiv und verträumt klingen mag, da ja die Menschheitsgeschichte immer auch eine Geschichte von Grausamkeit und Brutalität, war, ist und wohl auch bleiben wird. Aber sich damit abfinden? Lieber dagegen anträumen.

Einer gab mir einmal den Segensspruch mit auf den Weg: „Möge Gott dich segnen mit der Torheit zu meinen, du könntest die Welt verändern, damit du Sachen vollbringst von welchen andere dir sagen, sie seien unveränderbar“.

Eines meiner Lieblingslieder im Gesangbuch heißt: „Ich glaube fest, dass alles anders wird, dass uns die Liebe immer weiter führt. Ich glaube fest, an eine neue Sicht, wenn bald im klaren Licht eine hoffnungsvoller Tag anbricht“ (EG 661).
Wenn wir Gott als Schöpfer, Vater und Mutter allen Lebens glauben, dann sind die Geschöpfe untereinander Brüder und Schwestern. Da ist etwas, da ist Gottgeschaffenes, das die Menschen eint und verpflichtet, für einander zu sorgen, statt sich gegenseitig zu beherrschen.

Ein Gleichnis im Evangelium des Lukas, beherrscht den Traum des Papstes von der Geschwisterlichkeit.  

»In jener Zeit stand ein Gesetzeslehrer auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“ Jesus sagte zu ihm: „Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?“ Er antwortete: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Jesus sagte zu ihm: „Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben!“ Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: „Und wer ist mein Nächster?“ Darauf antwortete ihm Jesus: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging vorüber. Ebenso kam auch ein Levit zu der Stelle; er sah ihn und ging vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm; er sah ihn und hatte Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Und am nächsten Tag holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde?“ Der Gesetzeslehrer antwortete: „Der barmherzig an ihm gehandelt hat.“ Da sagte Jesus zu ihm: „Dann geh und handle du genauso!“« (Lk 10,25-37).

Geschwisterlichkeit lebt von Barmherzigkeit, dass der, der deine Hilfe braucht, dir nicht gleichgültig ist, nicht egal sein darf. Wir alle tragen Verantwortung miteinander und füreinander.   

Wer und was treibt Papst Franziskus an, treibt ihn um. Für wen schreibt er und gibt seine Gedanken der Welt weiter?
»Im Namen Gottes, der alle Menschen mit gleichen Rechten, gleichen Pflichten und gleicher Würde geschaffen hat und der sie dazu berufen hat, als Brüder und Schwestern miteinander zusammenzuleben, die Erde zu bevölkern und auf ihr die Werte des Guten, der Liebe und des Friedens zu verbreiten.

Im Namen der unschuldigen menschlichen Seele, die zu töten Gott verboten hat, wenn er sagt, dass jeder, der einen Menschen ermordet, so ist, als hätte er die ganze Menschheit getötet, und dass jeder, der einen Menschen rettet, so ist, als hätte er die ganze Menschheit gerettet.

Im Namen der Armen, Notleidenden, Bedürftigen und Ausgegrenzten, denen beizustehen nach Gottes Gebot alle verpflichtet sind, insbesondere alle vermögenden und wohlhabenden Menschen.

Im Namen der Waisen, Witwen, Flüchtlinge und aller, die aus ihren Häusern und Heimatländern vertrieben wurden, aller Opfer von Krieg, Verfolgung und Ungerechtigkeit; im Namen aller Schwachen, aller in Angst lebenden Menschen, der Kriegsgefangenen und der Gefolterten überall auf der Welt, ohne irgendeinen Unterschied.

Im Namen der Völker, die der Sicherheit, des Friedens und des gemeinsamen Zusammenlebens entbehren und Opfer von Zerstörung, Niedergang und Krieg wurden.
Im Namen der Brüderlichkeit aller Menschen, die alle umfasst, vereint und gleich macht an Würde.
Im Namen dieser Brüderlichkeit, welche durch die politischen Bestrebungen von Ausgrenzung  und Spaltung sowie durch maßlos gewinnorientierte Systeme und abscheuliche ideologische Tendenzen, die die Handlungen und Schicksale der Menschen manipulieren, entzweit wird.
Im Namen der Freiheit, die Gott allen Menschen geschenkt hat, als er sie frei geschaffen und mit dieser besonderen Würde ausgezeichnet hat.
Im Namen der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit, den Grundlagen des Wohlstands und den Eckpfeilern des Glaubens.
Im Namen aller Menschen guten Willens an allen Orten der Welt.“

Der Papst endet sein Lehrschreiben mit einem Gebet zum Schöpfer:
Herr und Vater der Menschheit,
du hast alle Menschen mit gleicher Würde erschaffen.
Gieße den Geist der Geschwisterlichkeit in unsere Herzen ein.
Wecke in uns den Wunsch nach einer neuen Art der Begegnung, nach Dialog, Gerechtigkeit und Frieden.
Sporne uns an, allerorts bessere Gesellschaften aufzubauen
und eine menschenwürdigere Welt
ohne Hunger und Armut, ohne Gewalt und Krieg.
Gib, dass unser Herz sich
allen Völkern und Nationen der Erde öffne,
damit wir das Gute und Schöne erkennen,
das du in sie eingesät hast,
damit wir engere Beziehungen knüpfen
vereint in der Hoffnung und in gemeinsamen Zielen. Amen.

Ich möchte diese Predigt gerne beschließen mit dem schon erwähnten Segen, den ich mal mitbekommen habe:

Möge Gott dich segnen mit Unbehagen bei hingeworfenen Antworten und Halbwahrheiten und oberflächlichen Kontakten,
damit du auf das Innere deines Herzens hörst.

Möge Gott dich segnen mit Zorn über Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Menschenausbeutung,
damit du dich für Gerechtigkeit, Gleichheit und Frieden einsetzt.

Möge Gott dich segnen mit Tränen über diejenigen,
die unter Qualen, Ausbeutung, Hunger und Krieg leiden,
damit du deine Hand ausstreckst, um sie zu trösten und ihren Schmerz in Freude zu verwandeln.
 
Und möge Gott dich segnen mit der Torheit zu meinen, du könntest die Welt verändern, damit du Sachen vollbringst, von welchen andere dir sagen, sie seien unveränderbar.