ausharrrren

Ausharrrren - die Predigt bei youtube zu finden.

Die Predigt zum Hören.

Das Kirchenlied zur Predigt 'Befiehl du deine Wege ...' gespielt von Rainer Siebel.

Die Predigt mit Musik zu Hören.

Ausharren - Seelenstärke in ungewissen Zeiten. Gedanken zu einem alten, fast vergessenen, Gemütsbegriff, der uns heute hindurchhelfen kann, damit Pandemüdigkeit nicht weiter in Wut umschlägt.

Predigt für Sonntag, 28. März 2021.


Pandemüde – in diesen Zeiten? Oder mütend - müde und wütend gleichermaßen -, oder müderfordert -entkräftet und überfordert .

Pandemüde, mütend, müderfordert - Wortschöpfungen für die Stimmungslage jetzt.
Es hat sich eine Schwere über Land und Leute gelegt.
Was ist die Perspektive:
„Schlimmer geht‘s nimmer“  oder
„Schlimmer geht’s immer“?

Politiker sind bemüht, Optimismus und Hoffnung zu verbreiten: ‚Noch ein paar harte Wochen, dann ….. ‘ ‚Wenn wir mehr testen, dann aber ...‘ und ‚Wenn viele geimpft sein werden, dann aber ganz bestimmt …..‘
Hoffnungen, die in Enttäuschungen umschlagen können, wenn‘s doch anders kommt?
Die MinisterpräsidentInnen mögen nicht sagen: Wir machen jetzt, was wir können und sehen dann, was morgen, übermorgen in einem Monat sein wird.
Denn Bürger verlangen eine Perspektive, ein fast schon garantiertes Ende der Pandemüdigkeit: ‚Aber das muss doch möglich sein!‘
Kränkt die Pandemie zudem auch noch das menschliche Überlegenheitsgefühl: Wir können alles bewältigen, wir schaffen das! Wenn nicht, muss doch jemand schuld sein!
Und so wächst Wut im Gemüt.   

Betrachten wir alte Lieder und uralte Gebete, wie Menschen damals Hilflosigkeit, Angst, Erschöpfung, nicht nur in Begriffe gepackt haben, sondern auch versucht haben, sie in den Griff zu bekommen, damit diese Sorgen in ihnen, in ihrer Gefühlswelt nicht übermächtig werden, dann finden wir immer wieder das Wort: harren, ausharren. Es klingt schon nach dem, was es meint: Hrrr, verärgert, trotzig, ausgetrocknet, ausgedörrt sein, abwarten, aushalten müssen, ohne zu wissen, wie und wann und wie lange noch.
Harren, ausharren – die Menschen damals vor hunderten von Jahren ohne Intensivstationen, ohne Impfstoffe waren Pest und Hunger und Todesgefahren hilflos ausgeliefert.

In Kirchenliedern und Psalmen richten Menschen ihr ‚Mütend-Sein‘, ihr ‚Müderfordert-Sein‘ an Gott und führen selbsttröstende Selbstgespräche:

„Was betrübst du dich meine Seele und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist?“ (Psalm 42)

 „Gott, hilf mir! Das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser geworden, weil ich solange harren muss auf meinen Gott“ (Psalm 69).

„Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch Gott allezeit meines Herzens Trost“. (Psalm 73)

Seelennot und Seelentrost in einem, ohne Ausstiegsperspektive.   

Aushalten, von einem Tag zum anderen durchhalten, irgendwie am Leben bleiben, sich nicht von übermächtig werdender Angst und Sorge erdrücken lassen.
Eine alte Frau sagte wohl immer in schlimmen Zeiten zu sich und ihren Kindern: „Er wird‘s schon recht machen. Er wird schon wissen, warum.“

„Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal und beharrlich im Gebet“ (Römerbrief 12).

Wie wirken diese selbströstenden Worte auf dich? Beruhigend? Besänftigend?

Sie könnten dich auch aufregen, wie nur hilflos dahingesagte Vertröstungen und Durchhalteparolen, und könnten dich noch wütender machen.
 
Ich bin mir aber gewiss, die alten Seelengedanken können davor bewahren, dich von Angst und Sorgen zerfressen zu lassen; sie können dich davor bewahren, dass Pandemüdigkeit in Wut oder gar Hass umschlägt, auf die, die man irgendwie für schuldig hält für all die Trübsal und Misere und die Lockdowns.

In der Rubrik ‚Angst und Vertrauen‘ sind im Gesangbuch solch selbsttröstende Seelengedanken auch aufbewahrt gesungen seit Jahrhunderten:

„Befiehl du deine Wege – die Melodie dazu im Hintergrund - Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege, dem der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.
 Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt. Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken, erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken, die Sonn der schönsten Freud“. (361)

 „Auf ihn will ich vertrauen in meiner schweren Zeit, er wendet alles Leid. Ihm sei es heimgestellt: mein Leib, mein Seel, mein Leben, sei Gott, dem Herrn ergeben, er schaff’s, wie‘s im gefällt!“ (365,3).

„Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid, nur größer durch die Traurigkeit. Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das deine nur getreu, und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht“.  (369,2,7).

 „Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl, das macht die Seele still und friedevoll. Ist’s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt das Herz sei’s spät, sei’s früh. Du weißt den Weg für mich, das ist genug.“ (624)

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Noch will das alte unsere Herzen quälen noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen, das Heil, für das du uns geschaffen hast. (65)

Harren, geduldig bleiben, die Seele nicht ganz verkümmern lassen, aufmuntern in Trübsal, über den Moment hinaus harren und hoffen.
Wenn ich im Ort unterwegs bin, spiele ich alten und jungen Menschen auf der Mundharmonika ein, zwei, drei Lieder einfach so, zur Unterhaltung, zur Seelenfreude. Gerne auch ein Segenslied: „Der Herr segne dich und behüte dich, in seine Hände kannst Du alles legen. Amen, Amen, Amen, du gehst nicht allein. Amen, Amen, Amen, es wird Friede sein“.