Wird's nur wieder wie früher oder soll's besser werden?

Soll's nur so werden wie's früher mal war? Die Predigt zum Nachhören.

Corona - V. (Das Video ist bei youtube hinterlegt.)

Herzlich willkommen zur fünften und letzten Folge der Predigtreihe
„Corona und die Folgen - religiös betrachtet“
Heute: Wird‘s nur wieder wie früher
oder soll‘s besser werden?
Die Themen zuvor
1. Corona nicht zur Strafe aber zur Bewährung.
2. Gesegnet, die sich für das Gemeinwohl einsetzen.  
3. Bin ich mit meiner Arbeit noch systemrelevant?  
4. Wer zahlt die Schulden zurück?
Und heute, wie gesagt:
Wird‘s nur wieder wie früher
oder soll‘s besser werden?
Der biblische Gedanke
dazu aus der Offenbarung des Johannes,
dem letzten Buch der Bibel:   
„Ich sah einen neuen Himmel
und eine neue Erde".
Was haben wir in der Krise gelernt?
Was sollen wir künftig lieber sein lassen?
Was brauchen wir zum guten, freien,
verantworlichen Leben?
Wir haben erlebt: Vieles ist möglich, wenn der Wille dafür da ist.
Die Offenbarung des Johannes ist eine Durchhalteschrift
in wirklich schlimmen, gewaltsamen Zeiten.
Deshalb schreibt er:
„Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen
und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei wird mehr sein;
denn das erste ist vergangen und der auf dem Thron saß, sprach:
Siehe, ich mache alles neu“.

Wer ist in den vergangenen Wochen und Monaten
nicht ins Nachdenken gekommen, hat beim Runterfahren
des Handelns und Wandelns nicht auch neue Seiten im Leben entdeckt.
Manche Missstände, die man bislang übersehen hat und übersehen wollte,
sind offensichtlicher geworden und auch welche Folgen Unvernunft haben kann.
Ist jetzt die Zeit gekommen, die Welt zumindest
ein wenig besser zu machen oder soll alles so werden
wie es vor ein paar Monaten gewesen war?
Gar nicht so eindeutig zu beantworten.
Wir möchten gerne
wieder ohne Maske schaffen und shoppen;
wieder sich zur Begrüßung Hände schütteln und zum Trost in den Arm nehmen;
wieder sich nicht nur auf die Schule freuen, sondern auch
wieder sich über Lehrer und Schüler ärgern;
wieder gefahrlos reisen und speisen;
wieder frei und leicht miteinander singen;
wieder Freizeiten und Frauentreffen, Konfirmationen und Hochzeiten
ohne Abstandsregeln, ganz unbeschränkt und unbeschwert feiern.
Klar, das soll so werden wie‘s vor ein paar Monaten
gut und schön und damals noch selbstverständlich gewesen war.  
Ein paar Minister und die Kanzlerin hatten in der Krise auf kurzem Dienstweg entschieden:
Geschäfte zu und Begegnungen vermeiden,um die Gesundheit der Bürger zu schützen,
Milliardenhilfen dort, um das wirtschaftliche Überleben zu ermöglichen.
Es war Gefahr im Verzug.
Es musste schnell gehandelt werden.
Nun wird wieder in den Parlamenten debattiert.
Gut so.

Alles soll so werden wie’s vor ein paar Monaten mal gewesen war?

Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.
Nicht nur anders soll‘s werden,
sondern gerechter, friedlicher,
gewaltfreier, ohne Angst und Geschrei:
Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und
der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei wird mehr sein,
denn das Erste ist vergangen.

Darf ich, Jürgen Stauffert, mir anmaßen,
einen neuen Himmel und eine neue Erde sehnsuchtsvoll zu erhoffen,
um Schlimmes zu ertragen und zu überwinden?
Mir geht es doch verhältnismäßig gut.

Ich lebe nicht in einem Land
mit Foltergefängnissen und Folterknechten
im Dienste eines Präsidenten oder Generals,
wo unliebsame Personen einfach abgeholt und
ohne Gerichtsverfahren weggesperrt und gequält werden,
um Angst und Terror zu verbreiten und um die Bevölkerung, um 'ihr' Volk',
untertänigst gefügig zu machen.

Ich bin nicht Tierzerhacker aus Bulgarien oder Rumänien,
der in einer deutschen Schlachtfabrik 10, 12 Stunden lang Schweineleiber
am Fließband aufsägen muß zum geringen Mindestlohn, wenn überhaupt so viel,
und beengt untergebracht und eingepfercht ist in schäbigen Behausungen.
Sie nehmen es hin, weil in ihrer Heimat Armut und Korruption
das Leben fast unmöglich macht.

Ich muss mir nicht gezwungenermaßen Gedanken machen, wie ich mich
auf einen ungewissen Weg und Ausweg machen muss durch Wüsten, über Meere,
in Gefahr ausgeraubt, gefangen,versklavt oder gar getötet zu werden,
weil meine Familie in der Heimat Tag für Tag hungern muss
und bedrängt wird von Milizen, die Kinder verschleppen und Frauen vergewaltigen.

Ich bin nicht Unternehmensberater, der getrieben wird,
noch mehr herauszuholen aus den Betrieben und den Beschäftigten,
mit Porsche zwar entschädigt, aber übernächtigt,
um für die nächste Vorstandssitzung eine hübsch gemachte Präsentation
zu erstellen, aber angewidert ist von den Angebereien und Wichtigtuereien
um einen herum.

Ich bin nicht Politiker, der das Geschachere um Posten und Pöstchen
durchschaut mit den Machern im Hintergrund, die in der Partei bestimmen,
wer was wo und wie zu sagen hat.

Ich habe keine dunkle Hautfarbe, keine schwarzen Locken,
mich fragt niemand: Wo kommen Sie denn her und ihre Eltern?
Mein Name ist geläufig; ich wurde noch nie von der Polizei einfach so verdächtigt.   

Ich bin nicht Blume, nicht Schmetterling und nicht Salamander,
muss nicht ächzten und ums Überleben kämpfen,
weil rechts und links um mich herum harter, toter Beton auf meine Erde
geschmissen wird für Straßen, Häuser und Hallen.

Ich bin nicht sie.
Ich höre zwar von ihnen, manche kenne ich auch
und ihre Geschichten und Gefühle.
Sie tun mir mehr oder weniger auch leid und wenn ich kann und soll,
versuche ich auch zu helfen.  
Aber eigentlich müssten sie erzählen von ihrer Hoffnung auf
eine neue Erde und einen neuen Himmel,
den sie sehnlichst erhoffen und bestimmt auch immer wieder von Gott erflehen.  
Darf ich mir, der so verhältnismäßig wenig leidet,
eine neue Erde und einen neuen Himmel herbeireden?  

Die Übel in der Welt sind bekannt, über sie wird berichtet in den Medien
und sie werden öffentlich diskutiert,  es gibt Proteste und Widerstand und Solidarität.
Leider herrscht und siegt allzuoft zunächst aber doch der Gewalttätige.  

Was haben wir in und aus der Krise gelernt?
Ich hatte mit dem Bürgermeister überlegt, wie wir einen Nach-Corona-Tag
gestalten können, wo man sich miteinander auf dem Markplatz trifft
und sich darüber austauscht:
Das habe ich entdeckt und gelernt.
Das hat mir Sorgen bereitet.
Das muss anders werden!
Das muss bleiben!  
Dafür möchte ich danken.
 
Das habe ich entdeckt und gelernt.
Das hat mir Sorgen bereitet
Das muss anders werden!
Das muss bleiben!  
Dafür möchte ich danken.

Gut wäre,
wenn solch  ein offenes Reden und Hören
auch im Land, dem Bund, der Europäischen Union und bei den Vereinten Nationen gelänge,
 ergebnisoffen.
Sich aussprechen,
dem anderen zuhören
und miteinander verändern.

Viele Geschäftstätigkeiten wurden runtergefahren und viele haben dabei auch gemerkt:
es geht ja auch ganz gut „ohne“ dies und jenes -
einerseits eine innere Freiheit vom Habenmüssensollen
andererseits aber macht das auch bedeutungslos -
den anderen und auch einen selbst,
wenn man sich nicht mehr so gebraucht und systemrelevant vorkommt
wie vor der Corona-Krise.
Es verunsichert und kann beängstigend sein, es kann aber auch etwas aufbrechen,
was schon lange im Argen lag.

Ein neuer Himmel, eine neue Erde?
Menschen und Organisationen stellen sich in Frage
und erwarten voneinander Antworten:
Was machst du?
Ist das sinnvoll?
Wem nützt es?
Wem schadet es?

Wir machten so unser Ding und ließen die anderen wissen:  
Ist doch ganz gut so, ziemlich wichtig, gar nicht schlecht!
Öffentliche Gesprächsrunden wurden zu Ritualen mit festgelegten Positionen.
Man wusste schon im vornherein, was der andere sagen und vertreten wird.

Aber besser wäre doch, wenn einer den anderen fragen würde:
„Was erwartest du von mir?
Womit kann ich dir dienlich und auch nützlich sein?
Was kann und soll ich tun, damit ich nicht nur mir selbst genüge,
sondern auch dir von Wert und Nutzen bin?

Also: ein kritischer, erwartungsvoller Austausch,
dem man sich nicht einfach so entziehen darf.
In solch einer Gesprächskultur würden alle leider erst mal
unter Rechtfertigungsdruck geraten und mehr oder weniger
wohl erkennen müssen:
Ganz so gut und wichtig, wie ich‘s mir und anderen einredet habe, steh ich doch nicht da;
bin nicht selbstkritisch genug gewesen, habe leider nicht öfter auch mal das gesagt, was ich dachte,
nicht leidenschaftlicher auch öfter mal das gemacht, wonach mir wirklich war.  

Ein neuer Himmel und eine neue Erde:
eine fragende, erwartungsvolle Gesprächskultur nicht nur zwischen Personen,
sondern auch zwischen Institutionen:
'Ich erwarte von dir'-
nicht in einem herrischen Sinne: 'Du musst und du sollst jetzt aber unbedingt!'
sondern in einem anspruchsvollen, gesprächsbereiten Sinne:
Ich erwarte von dir Kirche ...
Ich erwarte von dir Industrie ...…
Ich erwarte von dir Schule ...…
Ich erwarte von dir Politik ...
Ich erwarte von dir Kunst ...
Ich erwarte von dir Krankenhaus ...…
Ich erwarte von dir Medien…...
Ich erwarte von dir…...

In der Corona-Krise haben viele sich überlegt: Brauch ich das?
Nun könnten wir Antworten geben - uns selbst und den anderen:
'Das brauche ich für ein gutes und friedliches, für ein weltschonendes und gerechtes Leben
und dafür brauche ich dich'.