Wenn die Seele trauert

Wenn die Seele trauert

Was Menschen erwartet, wenn ein vertrauter Mensch gestorben ist und was Nichttrauernde beim Trösten „falsch“ machen können.

„Kopf hoch!“ „Wird schon wieder.“ Schnell dahin gesagte Worte einem trauerndem Menschen gegenüber, die trösten sollen aber eher Unheil anrichten können. Schlimmer noch der Vorwurf: „Du willst dich ja selbst nur bemitleiden“. Trauer ist nämlich keine Angelegenheit die der Verstand steuern kann.  

„Wenn ich einen lieben Menschen verloren habe, fängt die Seele unwillkürlich an zu trauern“, sagt Martin Klumpp, der seit 26 Jahren Trauerbegleitung anbietet und den Hospizdienst in Stuttgart begründet hat.

 


Ratschläge helfen meist wenig

Klumpp weiß aus Hunderten von Gesprächen: „Die Gefühle in der Trauer kommen unvermutet und lassen sich nicht mit dem Kopf steuern“. Ratschläge und Tipps von Nichttrauernden helfen meist wenig, im Gegenteil, Trauernde fühlen sich verletzlich „wie ohne Haut“ und reagieren empfindlich auf das, was andere sagen. Trauernde verlieren ihre Identität, fühlen sich wie amputiert, wenn der vertraute Angehörige, mit dem das Leben geteilt wurde, stirbt. Anfangs sehen sie keine Zukunft.  

Wenn aber die Trauer nicht der Verstand beeinflussen kann, was dann?
Klumpp beruhigt: „Die Seele hilft in der Trauer.“
Sie ist ein Programm, das den Menschen durch den Verlust hindurch führt und das in mehreren Phasen verläuft.

Geschockt

Unmittelbar nach dem Tod, in den ersten Tagen, erleben Trauernde den Tod und die Geschehnisse „wie in einem Film“, „geschockt“, „ in Watte eingepackt“, fühlen „gar nichts“, „funktionieren wie ein Maschine“, die Gefühle sind „wie gelähmt“. Außenstehende mögen sich wundern und kommentieren: „Du bist aber tapfer. Du packst es schon“.
In Wirklichkeit aber schützt die Seele den Trauernden, in dem sie abschaltet und das Ereignis nicht heranlässt, die Gefühle nicht hochkommen lässt. Diese Phase kann von einigen Tage bis hin zu einem Jahr und mehr dauern. Menschen, die in der Jugend nicht gelernt haben, mit Gefühlen umzugehen, brauchen länger, ebenso auch Menschen, die Pflichten haben, ihre Familie versorgen müssen oder ihm Beruf gefordert sind. Der Schock dauert auch dann lange, wenn der Angehörige plötzlich und grausam zu Tode gekommen ist.

 


Wechselbäder der Gefühle

Nach dieser Phase geht es mit Trauernden auf und ab. Kaum keimt Hoffnung auf, zieht Verzweiflung wieder nach unten - wie im Wechsel zwischen Windstille und Orkan. Menschen trauen nicht sich zu freuen, weil kurz drauf wieder „der Hammer kommt“. Warum ist das so?
„Im ‚Auf’“, so Klumpp, „macht die Seele Urlaub vom großen Schmerz. Wenn sie wieder neue Kraft bekommen hat, trauert die Seele weiter, als ob sie ein Ventil für den Schmerz aufmacht“. Diese Wechselbäder der Gefühle sind unterschiedlich lang und intensiv. Außenstehende verlieren die Geduld und reagieren mit Vorwürfen wie „Du tust dir ja selbst Leid“ oder „Was haben andere durchhalten und erleiden müssen“. Klumpp ermuntert die Trauernden: „Laßt sie schwätzen, sie verstehen nichts davon!“

 


Höllengang

Irgendwann wird das Auf und Ab schwächer, neue Kräfte sind gewachsen. Dann aber kommt es zum Trauerhöhepunkt, zu einem Schmerz, der keine Ende zu nehmen scheint. Die Hoffnung, es könnte jemals besser werden, geht verloren. Ein Höllengang, währenddessen alles sinnlos erscheint und man sich fragt, warum man morgens überhaupt aufstehen soll. Nichttrauernde wollen hilfsbereit aus dem Loch herausholen, den Trauernden mit ‚unter die Leute nehmen’, damit sie auch wieder ‚mal was anderes sehen’. Klumpp aber macht die Grenzen deutlich: „Kein Mensch kann den anderen aus dieser Hölle herausholen“. Begleiten heißt, diese Zeit mit dem Trauernden fast ohnmächtig auszuhalten.


Festhalten statt loslassen


Warum ist die Seele so grausam? Welchen Sinn hat es?
Die Seele holt den Verstorbenen, der seit längerer Zeit körperlich weg ist, wieder nahe. Trauernde wollen nicht loslassen, sondern festhalten und sich immer wieder erinnern. Trauernde sprechen mit dem Toten - oft am Grab, auch zu Hause. Sie hören seine Stimme, können ihn sehen. Klumpp gibt zwar zu, dass er sich dies Phänomen nicht erklären kann, aber es ist für ihn wirklich, weil es Trauernde wirklich erleben. Sie aber schweigen lieber, weil sie fürchten, als verrückt angesehen zu werden. Obwohl es schmerzt, suchen die Angehörigen die Nähe zum Verstorbenen, immer und immer wieder. „Aber“, so Klumpp, „je häufiger die Schmerzen durchlebt werden, desto eher nehmen sie ab“.
Stand anfangs noch der Tod und dessen unmittelbare Umstände im Mittelpunkt, so rückt allmählich das ganze Leben des Verstorbenen, von der Wiege bis zur Bahre, in den Blick. Hat es zu Beginn der Trauer geschmerzt, wenn vom Toten gesprochen wurde, so schmerzt es nun, wenn der Tote nicht mehr zur Sprache kommt und er für die anderen scheinbar vergessen ist.
Trauernde ertappen sich dann plötzlich, dass sie etwas genießen, sei es einen Spaziergang oder ein Glas Wein oder sich farbiger kleiden wollen – und dabei erschrecken: „Mit geht’s gut, aber mein Mann ist tot“. Für Klumpp ein Hinweis darauf, dass sich die Trauer verändert hat und der Trauernde anfängt, wieder aufzuleben.

 


Den Verstorbenen verinnerlichen

In der letzten Phase der Trauer ist der Verstorbene ein Teil der neuen Identität geworden. Die Mutter, selbst wenn ihr Kind gestorben ist, bleibt eine Mutter. Der verwitwete Mann bleibt der Ehemann und könnte nun wieder eine neue Partnerschaft  eingehen - solange die zweite Frau die erste nicht „wegnimmt“ und die Zweite nicht als Ersatz für die Erste genommen wird.

Klumpp macht deutlich, dass Trauer sich weder mit dem eigenen Verstand noch mit Ratschlägen von anderen beeinflussen lässt. „Die Trauer wird nur durch Trauer besser, in dem man trauert“, so sein Credo.

 


Große Ohren, kleiner Mund

Wie verhält man sich richtig gegenüber Trauenden? Klumpp: „Weil Gefühle nicht ausgeredet werden können, kann behutsame Begleitung nur bedeuten: ‚Ich erlaube dir, dich so zu fühlen, wie du dich fühlst’. Hilfreich ist es, wenn du verstehen lernst, wie es dem anderen geht, um ihn in seiner Trauer auszuhalten und anzunehmen - mit großen Ohren und kleinem Mund“.    

 

                                                  (im Oktober 2006, Pfr. Jürgen Stauffert)