Meine Trauer wird dich finden

Roland Kachler hat seinen 16-jährigen Sohn nach einem Autounfall verloren. Verloren, so sagt man. Er wollt ihn aber nicht hergeben, wollte nicht lernen, sich von ihm zu verabschieden. Die eigene Trauer hat den Theologen und Psychologen verändert. Früher hatte er Trauernden empfohlen, Abschied zu nehmen, loszulassen, die Liebe allmählich zu beenden, um frei zu werden für neue Beziehungen. Aber er spürte die Sehnsucht, seinen Sohn in der Nähe behalten zu wollen, ihn nicht zu verlieren, sondern ihn zu finden. „Meine Trauer wird dich finden“, so lautete ein Vortrag, zu dem die Selbsthilfegruppe der Verwaisten Eltern eingeladen hatte.

 

In der Trauer will man dem Verstorbenen nahe kommen, nahe sein. Die Mutter legt sich in das Bett des toten Sohnes, die Witwe schlüpft in den Schlafanzug des verstorbenen Mannes. Die Sehnsucht lässt den Abwesenden anwesend sein. Mit großer Wucht und Leidenschaft bricht in der Trauer eine Liebe zum Verstorbenen auf, die nach Wegen sucht,  trotz allem, dem zu begegnen, der beerdigt wurde.

Kinder, die mit dem Tod konfrontiert werden, fragen: 'Wo ist Oma jetzt?' Sie wollen sich versichern, dass der Verstorbene irgendwo noch ist. Seit alters her sucht man in der Trauer nach einem sicheren Ort, wo die Verstorbenen ankommen und da sein können: ein Ort des Friedens und des Schutzes, wo eine innere Beziehung möglich ist, nachdem man sich äußerlich verabschiedet hat.

Wo können Trauernden ihren Angehörigen begegnen?

 

  An konkreten Orten: das Grab, in das bei der Trauerfeier der Körper gelegt wurde; es kann auch das Krankenhaus sein, die Intensivstation, wo die letzten Tage und Stunden verbracht wurden oder die Unfallstelle; das Haus, in dem man über viele Jahre miteinander gelebt hat und das noch voll mit Spuren ist. Dort kann die Trauer gelebt werden.


   Die Erinnerung ist das Paradies, aus dem niemand vertrieben werden kann. Roland Kachler regt Trauernde an, in einem Heft Erinnerungen aufzuschreiben und festzuhalten. Ich sehe, dich, wie du ....... Ich höre dich, wie du ... Ich spüre dich, wie du ...... Mit jedem Erinnerungssatz kommen neue Erinnerung hoch und ein Erinnerungsschatz entsteht. Die Art der Erinnerungsarbeit kann tröstlich und schmerzlich zugleich sein: man ist sich bewusst, dass das, was war, nicht mehr ist.

 

  Gedenktage, wie Geburts-, Todes oder Hochzeitstage sind Anlass, sich intensiver zu erinnern; es wird das Lieblingsessen gekocht, man redet mit anderen offener als üblich.  Angehörige fürchten sich zwar davor, doch diese traurigen Tagen können auch eine Chance sein, einander näher zu kommen als im Alltag.

 

   Trauer hat auch im Körper einen Ort. Auf die Frage: „Wo spüren sie den Verstorben?“ sagen viele: „Ich trage ihn im Herzen“.


    Auch in der Familie hat der Verstorbene über den Tod hinaus einen Platz, ob man will oder nicht. Die neue Familienkonstellation bewahrt die Geschichte, manchmal ganz sichtbar: Das Zimmer des verstorbenen Kindes bleibt vorerst wie es ist; oder ein Kleiderhaken bleibt immer frei -  zum Zeichen: 'Du bist in unserer Familie noch immer da'. Aber, auch die Lebenden müssen ihr Recht in der Familie behalten dürfen; das verstorbene Kind darf nicht den noch lebenden Geschwistern ihren Platz in der Familie auf Dauer streitig machen.  

 

    Die Natur kann ein Ort der Begegnung sein: der Himmel, das Meer, ein Stern, der Regenbogen, der Garten, das Licht.   

 

   Auf der Suche nach ewig sicheren Orten für die Verstorbenen helfen Vorstellungen  vom Himmel und dem Paradies, von Gottes Schoß, in Gottes Hand, in denen das Leben sicher weiter geht.  

 

An diesen Orten können Trauernde ihre Verstorbenen sein lassen, dorthin eine Beziehung leben und von dort wieder in ihre Wirklichkeit zurückkommen.
Trauer verursacht Trost und Schmerz zugleich: In der Abwesenheit ist die Anwesenheit spürbar, wie einem in der Anwesenheit auch die Abwesenheit bewußt wird.

 

„Ich will nicht Abschied nehmen, Loslassen schon gar nicht. Ich weiß natürlich, dass mein Sohn nicht mehr lebt und deshalb leiblich nicht mehr greifbar ist. Und dennoch und gerade deshalb möchte ich ihn nicht verlieren, sondern weiterhin eine Beziehung mit ihm leben – natürlich eine Beziehung, die anders aussieht als eine zu einem lebenden Menschen“,  bekennt Roland Kachler.  

(Jürgen Stauffert)