Predigt im Gottesdienst für verwaiste Eltern am 14.12.2014,
Ev. Stadtkirche Neckarsulm,

Warum?  

Es ist die Frage nach der Schuld. Irgendjemanden muss man doch anklagen dürfen! Irgendjemandem muss man doch das Leid klagen dürfen.
Irgendjemanden muss man doch die Wut an den Kopf werfen.
Stirbt ein kleines Kind, für das du fürsorglich da sein musstest, ist die Frage nach dem eigenen Versagen dringender - auch um bei dem anderen Kind nichts falsch zu machen.
Hat sich das Kind selbst das Leben genommen, quält die Frage: Warum? Was hätte ich, was hätten wir, anders machen können?  

Wer war schuld?
Vielleicht kam’s ja auch zur Anklage und ein Gericht hat ein Urteil gesprochen und eine Strafe verhängt und zumindest die objektive Schuldfrage geklärt.
Oder es kam zu keiner Anklage, weil niemand schuld war am Tod, weil es halt geschehen ist - warum auch immer.
Dann bleibt nur noch das Schuldgefühl: Womit haben wir das verdient? Warum werde ich so gestraft?
Vielleicht gibt es im Leben einen Zusammenhang von Leiderfahrung und persönlichem Schuldigwerden. Aber werden wir diesen Faden erkennen können und wollen, wenn es ihn denn gäbe?
„Warum, womit habe ich das verdient?“, mit der Frage beklagt man das eigene jammervolle Leben. Warst Du schon immer der, der für alles verantwortlich gemacht wurde und schuld war am ganzen Elend?  Dann rede oder schreibe dir deine Lebensgeschichte vor dem Tod des Kindes von der Seele und klage die an, die dich schon früher ungerecht schuldig gesprochen haben und dir eine allzugroße Last auferlegt haben.    
„Warum musste mein Kind so früh, vor mir, sterben?“ – Mit dieser Frage beklagt man das nicht gelebte Leben des Kindes und was es alles noch hätte erleben können, hätte erleben wollen. Hoffnungen und Erwartungen, die sich leider nicht erfüllt und dich hilflos zurückgelassen haben.

Warum? Der Tod scheint so sinnlos! Welchen Sinn sollte er gehabt haben?
Können wir den Sinn des Lebens, den Sinn unseres Lebens überhaupt gänzlich erkennen und entdecken? Paulus verwendet in einem Brief ein gutes Bild: „Wir sehen jetzt in einem dunklen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin“. Jetzt sehn wir nur verschwommen und unklar unser Leben, dann aber wird mir Gott mein Leben erklären, so wie er es gemeint und im Sinn hatte.
Die Sinnantwort müssen wir also auf später verschieben.
Schuld?
Sinn?

Aber irgendwie muss man doch damit umgehen! Irgendwo hin müssen doch die Gedanken und Gefühle gerichtet und gelenkt werden!
Hilft es dir weiter, wenn du dich fragst: ‚Welche Bedeutung hat ‚die Geschichte‘ für mich, das Zusammenleben mit und der Abschied von meinem Kind?‘
Wie deutest du die Lebensgeschichte deines Kindes und alle die gemeinsamen Erlebnisse und Geschichten?
Um so fragen und denken und fühlen zu können und auch zu wollen, brauchst du viel Zeit und neue Erfahrungen und gute Begegnungen. Oberflächlichen, unzuverlässigen Bekannten gehst du aus dem Weg, andere werden dir nahe kommen. Dein Leben bekommt möglicherweise mehr Tiefe, der Glaube und das Vertrauen in ‚den da oben‘ mag wachsen. Die Trauer über die Trennung von dem Kind mag sich in Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit mit dem Kind verwandeln.    

Hiob, dem alles genommen wird, Kinder, Gesundheit, Haus und Hof, meint: „Haben wir nicht Gutes empfangen von Gott, und sollten das Böse nicht auch annehmen? Der Herr hat gegeben, der Herr hat’s genommen.“  Er hat Haltung gefunden jenseits der Frage nach dem Warum, ein Leben in Dankbarkeit und Klage.  
Haben wir nicht Gutes empfangen von Gott – ‚Wie Schön! `- und sollten das Böse nicht auch annehmen – ‚Ach, wie schlimm!‘. Der Herr hat's gegeben – ‚Herzlichen Dank!‘ - der Herr hat’s genommen – ‚Jammerschade!‘.

Weise Worte aus dem Weisheitsbuch Jesus Sirach: Gib dich nicht der Traurigkeit hin, und plage dich nicht selbst mit deinen eigenen Gedanken. Denn ein fröhliches Herz ist des Menschen Leben, und seine Freude verlängert sein Leben. Ermuntere dich und tröste dein Herz, und vertreibe die Traurigkeit von dir. Denn die Traurigkeit tötet viele Leute und dient doch zu nichts. Eifer und Zorn verkürzen das Leben, und Sorge macht alt vor der Zeit.  

Pfr. Jürgen Stauffert