(Über)Lebenskunst - Kräfte aus der Trauer

Warum seid ihr heute hier?
Warum seid ihr hierher gekommen in diesen Gottesdienst?
Weil ihr hier mit anderen beisammen seid, einander versteht und ähnlich Wege geht;
weil ihr euch vergewissern wollt, dass Eure Kinder gut im Himmel aufgehoben sind;
weil ihr hofft, schöne Musik und Lieder zu hören, die das kranke, verstörte Gemüt streicheln, beruhigen und Frieden geben;
weil ihr erwartet, Worte zu hören, die trösten, aufbauen und ermuntern;
weil ihr miteinander verstanden trauern und weinen dürft und euch auch stärken könnt;
weil ihr gesegnet werdet.


Überlebenskräfte in und aus der Trauer.  Die Seele nährt sich von dem, woran sie sich freut.
                                        
Ihr habt Kinder verloren. In den Tagen, Wochen, Monaten, manchmal gar Jahren danach geht es ums Überleben. Ihr müßt den Schmerz ertragen, den Tag irgendwie bestehen, Suizid-Gedanken abwehren, die Nächte aushalten; die Ehe wird schwieriger, einstige Freunde verabschieden sich.

Aber ihr alle habt im Laufe der Zeit Kräfte gefunden und Kräfte mobilisiert, die euch geholfen haben und helfen, jeder und jede für sich:
der eine hat schnell wieder angefangen zu arbeiten, um sich ablenken zu können, um eine Aufgabe zu haben, um mit Gedanken woanders zu sein;
eine andere hat zu Hause einen Altar aufgebaut, um das Kind in der Nähe zu haben und als Schutzengel über sich zu wissen;
mancher sucht sich psychologische Hilfe oder geht in eine Selbsthilfegruppe:
andere schreiben Gedichte, hören Musik, chatten im Internet mit Betroffenen;
wieder andere machen Sport, hacken Holz oder behauen Steine;
einige engagieren sich in Vereinen, Kirchengemeinden, sozialen Projekten;
viele suchen das Gespräch, das Streitgespräch mit Gott, hadern und beten;
manche wagen es, wieder ein Kind zur Welt zu bringen;  

Ihr alle tut immer auch etwas, wovon ihr sagt: „Das hilft mir. Das tut mir gut. Das macht es erträglicher. Das brauche ich, um leben, um überleben zu können“.
Dies ist Überlebenskunst.

Die Seele nährt sich von dem, woran sie sich freut.

Ihr habt Schlimmes erfahren und ihr seid zu Überlebenskünstlern geworden.
Ihr könnt auch von einander lernen und euch gegenseitig darin bestärken, auf das zu achten, was euch gut tut, was der Seele Nahrung gibt, um mit dem Schlimmen künftig besser fertig zu werden.  

Weise, verständige Menschen wissen zu allen Zeiten: Niemand solle seinen Schmerz unterdrücken, aber man solle auch der Versuchung übermäßiger Trauer widerstehen. Übersteigerte Trauer ist unnütz und schädlich, weil sie Körper und Seele zerstört.  
Die moderne Hirnforschung weiß, dass „allzu viel Beschäftigung mit unerwünschten Gefühlen diese verstärkt, weil Bahnungen im Gehirn sich stärker verdrahten. ... Je mehr wir uns mit etwas Emotionsgetragenem beschäftigen, desto mehr prägt es sich in uns ein und desto weniger werden wir es los“. (L. Reddemann)

Die Seele nährt sich von dem, woran sie sich freut.

Was bringt und verschafft dir gute Gefühle?  Woran hattest du einst Freude?
Kann das heute eine Kraftquelle für dich sein?

Es können auch kleine Dinge sein: eine Blume bestaunen, eine Winterlandschaft auf sich wirken lassen, den Sternenhimmel betrachten, den Geschmack eines Kuchens bewußt wahrnehmen.
Leiden und Schmerzen kann man nicht aus der Welt schaffen, wenn man nur lange genug darüber klagt.  

Die Seele nährt sich von dem, woran sie sich freut.

Es braucht dafür einen Impuls, ein Wort: Ja, ich will.
Als Jesus zu einem Mann kam, und der schon viele Jahre krank war, fragte er ihn zuerst: „Willst du gesund werden?“ Glaubst Du daran, dass es dir auch irgendwann einmal besser gehen kann? Vertraust du heilenden Kräften, die geheimnisvoll in dir und in der Welt wirken?
Glaubst du, willst du glauben, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist?
Glaubst du, willst du glauben, dass Gottes Kraft in dir mächtig ist?
Für dieses „Ja“ braucht es Kraft und Mut.
Dieses „Ja“, so zögerlich es auch anfangs auch klingen mag, ist der erste Schritt.
Trauerwege von Zeit zu Zeit zu verlassen und Momente der Freude, Zufriedenheit zu wagen, ist ungewohnt, verunsichert.

Vermeintliche Schuldgefühle - „Warum mein Kind, das des Leben noch vor sich hatte und nicht ich?“ „Darf ich mich freuen, da mein Kind doch gestorben ist?“ - halten gefangen.  
Es mögen einen auch Wegbegleiter und Familienangehörige in der Rolle des Trauernden unsichtbar festhalten, oder auch eine Selbsthilfegruppe. Wenn einer sagen würde „Ich brauche euch nicht mehr. Ich komme jetzt wieder ohne euch zurecht“, was wäre die Reaktion? Erstaunen? Mitfreude? Verärgerung?
„Ich kann am ehesten dort wieder lachen, wo man mich und meine Geschichte nicht kennt“,  hörte ich eine von euch sagen.

Meint ihr, eure Kinder im Himmel und die auf Erden würden sich nicht auch freuen, wenn es euch wieder besser geht und zu Kräften kommt?
Würde es den Seelen eurer Kinder nicht auch besser gehen, wenn sie euch begleiten könnten und dürften auf einem Weg nach vorne?

Willst Du? Willst Du deiner Seele Nahrung geben?

Schöpferkraft und Hingabe für Schönes und Sinnvolles hilft uns, dem Schwerem im Leben zu begegnen. Uns allen ist die Schöpferkraft gegeben und es ist an uns, uns gegenseitig daran zu erinnern und einander darin zu bestärken, der Seele die Nahrung zu geben, die sie freut und stärkt und Kraft gibt.  Gut das wir einander haben.     

(Dezember 2010, Pfr. Jürgen Stauffert)