Trauer braucht Raum und Zeit

Trauer braucht Raum und Zeit. Ja klar, das weiß doch eigentlich jeder.
Ja, in der Trauer braucht doch jeder einen Friedensort, wo man dem Verstorbenen nahe sein darf, wo Tränen fließen und Gespräche und Gebete in die andere Welt hinein sein dürfen.   
Die Seele schafft sich Räume, die sie braucht:  Für die einen das Grab auf dem Friedhof, das dann jeden Tag aufgesucht und in Ordnung gehalten wird; für andere ist es ein Altar im Kinderzimmer, wo eine Kerze und ein Bild des Kindes steht; für einen anderen ist es ein kunstvoll gestalteter Platz vor dem Haus; es kann die Unglücksstelle sein, an die man immer wieder hingeht oder eine Kirche; oder einfach nur raus gehen, laufen und in den Himmel sehen, wo die Seele des Kindes ein neues Zuhause gefunden hat.
In diesem besonderen, für euch heiligen Trauerraum wollt ihr für euch sein und euren Kindern nahe sein. Niemand soll und darf diesen Raum in Frage stellen, darf ihn euch absprechen, darf ihn stören.

Trauer braucht Raum – damit soll den anderen gesagt sein: „Ich brauche meinen Trauerraum! Lasst mich hier in Ruhe, lasst mich hier in Frieden! Schlagt mich hier nicht mit euren einfachen Ratschlägen.“  
Der Trauerraum ist auch euer Schutzraum vor den Anforderungen der anderen: des Ehepartners, der Familie, des Arbeitgebers, den Freunden. Hier willst du jammern und klagen, nur dem fehlenden Kind nahe sein dürfen, nichts weiter machen müssen und dich, so wie du bist und wie es dir geht, nicht erklären, nicht rechtfertigen.  

Trauer braucht Zeit. Wie viel? Wie lange?
Nie wird die Trauer um ein Kind zu Ende sein.
Sie wandelt sich – ja, aber viel langsamer als bei den anderen. Die Trauer wandelt sich nicht in Wochen oder Monaten, sondern in vielen Jahren.  
Und die anderen können und wollen’s nicht verstehen; sie drängen und bedrängen euch und wollen eurer Trauer ein Ende machen, weil sie sich hilflos fühlen, vielleicht auch weil sie ahnen, dass die Beziehung zu Euch die Trauer nicht mehr ertragen und mittragen kann - zu unterschiedlich sind nun die Stimmungen, die Werte und Ziele im Leben.
Trauer braucht Zeit – damit soll den anderen gesagt werden: „Lasst mir meine Trauerzeiten! Lasst mir meine Gefühle und Launen, ihr könnt sie ja doch nicht vertreiben. Wenn ihr mich unachtsam und gedankenlos bedrängt und meine Trauer verletzt, muss ich mich von euch leider zurückziehen, weil ich euer oberflächliches Gerede nicht mehr ertragen kann.“

„Weint mit den Weinenden und freut euch mit den Fröhlichen“, empfiehlt Paulus in einem Brief an die Gemeinde in Rom.
Beides ist wohl nicht leicht: dass die gut Gelaunten die Trauernden verstehen und begleiten und dass die traurig Gestimmten den Fröhlichen ihren Spaß gönnen.
Tut es den Weinenden und den Fröhlichen dann doch mehr gut, dass jeder seine Wege geht: ihr Weinenden weint für euch und ihr Fröhlichen lacht für euch? Lasst euch gegenseitig in Ruhe, lasst euch gegenseitig in Frieden?
Zu diesem Gottesdienst und diesem Thema heute hätten nicht nur die Weinenden, sondern auch die Fröhlichen eingeladen werden sollen, um voneinander mehr zu hören, um einander besser zu verstehen, um Wege miteinander zu finden, wo Trauer und Frohsinn ihre anerkannten und respektierten Räume und Zeiten haben. 

 

(Pfr. J. Stauffert, 8. Dezember 2013)