Kraft aus meinen Wurzeln

Kraft aus meinen Wurzeln"

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und Jesus Christus, unserem Herrn und Bruder. Amen.

Kraft aus meinen Wurzeln – diesen Gedanken haben wir diesem Gottesdienst gegeben. Manche mögen bestimmt denken: Welche Wurzeln? Durch den Tod meines Kindes sind mir meine Wurzeln mit einem Schlag vertrocknet. Da ist kein Halt mehr, keine Festigkeit.

Und du, Bruder und Schwester, hast vielleicht miterleben müssen, wie deine Familie durch den Tod in eurer Mitte nicht mehr die Stütze ist, nicht mehr die Sicherheit, die sie noch zuvor war, von wo aus du wachsen und reifen konntest; denn der Tod und das Schicksal steht jetzt im Mittelpunkt und die Trauer, die vielleicht auch sprachlos macht und euch die Kraft füreinander geraubt hat.

Und du Großmutter und Großvater, musst mit ansehen, wie deine Kinder traurig und niedergedrückt sind. Deine Kraft, die du in vielen Jahren gegeben hast und wo du dich gesorgt hast - nicht nur eine Generation, sondern für zwei Generationen – nun umgehauen, wofür du gelebt und verzichtet hast.

Kraft aus meinen Wurzeln?

„Ich bin wie ein Baum, der gefällt wurde“, sagt eine Mutter, viele Jahre nach dem Tod ihres Kindes. „Ich bin ein Pflänzchen, das noch keine Wurzeln hat und das man in ein Wasserglas stellt, damit es wieder Wurzeln treibt“, umschreibt eine andere ihr Empfinden. Neues muß erst wieder wachsen und Kraft geben.

Aber woraus kann das neue Leben, woraus kannst du wachsen?

Worauf soll es wachsen? Wo kann das junge Pflänzchen Wurzeln schlagen?

Wird es aus dem Baumstumpf herauswachsen?

Wird irgendwo aus der Rinde als ein neuer Trieb herauswachsen?

Fällt ein Samenkorn aus dem gestürzten Baum in die Erde und wächst ein neues Bäumchen?

Wenn eine Pflanze zu wachsen beginnt, dann wächst sie ja nicht nur zuerst an den Wurzeln sondern gleichmäßig an Wurzeln, Stamm, Zweigen und Blättern. Die Wurzeln liefern nicht nur die Energie und die Nährstoffe aus der Erde nach oben. Die Wurzeln brauchen Energie und Kraft von weiter oben, um sich in die Erde hineinzugraben, um Wasser und andere Elemente der Erde aufzunehmen und um Halt zu geben.

Woher die Kraft, um wieder langsam zu reifen und zu wachsen?

Wo die Liebe ist, da ist Leben. Liebe zu deinem Kind, zu deinem Bruder, deiner Schwester. Sie ist nicht mehr, er ist nicht mehr - wie du es gewohnt warst - leibhaftig mit dir, neben dir, dir gegenüber - und dennoch in dir.

Trauer ist der lange, tränenreiche Weg, deiner Lieben einen festen Platz in deinem Herzen, in deinem Leben zu geben, den dir niemand streitig machen kann.

Wächst IN der Trauer, wächst AUS der Trauer neues Leben, ein neues Pflänzchen?

Die Tränen, die in die Erde fallen, sind sie nicht das nährstoffreiche Wasser, das deine Wurzeln wieder aufnimmt und dem Bäumchen zum Wachsen hilft?

Woher die Kraft, um wieder langsam zu reifen und zu wachsen?

Du hast eine Aufgabe!

Eine Aufgabe in deiner Familie, für sie zu sorgen; du bist auch da für das „andere“ Kind, das ebenso wertvoll ist und das dich auch braucht. Unsere Bestimmung und Lebensaufgabe ist es, für andere da zu sein. Das gibt uns Sinn und Bestätigung und erfüllt uns mit Zufriedenheit.

Auch eine neue Aufgabe außerhalb der Familie?, wo du deine Erfahrungen und Hilfsbereitschaft und Empfindsamkeit weitergeben kannst. Wie ist die Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern und wie sind ihre Leiterinnen und ihre Mitglieder auch mit der Zeit zur Hilfe für sich und andere geworden!

Trost und Unterstützung und Verständnis - es kommt auch wieder zurück und baut dich auf.

Warum leben wir?

Weil in uns und in allem die große, ewige Kraft des Lebens ist, der Lebenswille Gottes, Gott, der im Anfang sprach und spricht: es werde.

Wo ist ein Bereich, wo dieser göttliche Wille - „es werde“ - nicht ist?

Das Kind ist dir genommen, von dir gerissen, gegangen, gestorben und Gott sollte nicht wieder gesagt haben: „es werde“ – überall ist Leben – im diesseitigen und im jenseitigen Leben.

Schaust du nicht in den Himmel, dem Sinnbild für Ewigkeit, weil du ahnst und hoffst und weißt, dass dort das ewige Leben ist, von dem wir kommen und in das wir alle zurückkehren?

Woher die Kraft, um wieder langsam zu reifen und zu wachsen? Aus der Ahnung, aus der Hoffnung, aus der Gewissheit, dass nichts verloren geht und „alles da“ ist.

Die kraftvollste Aussage finde ich im 1. Johannesbrief: „Seht welche Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder sein sollen - und wir sind es auch! Wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden sehen, wie er ist.

Wir alle Gottes Kinder, die wir hier und jetzt leben, und die gestorben sind und leben in Ewigkeit - Gottes Kinder, die gleich sein werden ihm, der die Liebe und das Leben ist, von dem wir leben und in dem wir leben und wachsen.

Amen.

 

(Predigt  im Gottesdienst für Verwaiste Eltern am Sonntag, 10. Dezember 2006 in der Ev. Stadtkirche Neckarsulm, Pfr. Jürgen Stauffert)