'In meinem Herzen lebst du weiter'

In meinem Herzen lebst du weiter“

"Zunächst: Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch gar nicht versuchen; man muß es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt und hilft uns dadurch, unsere alte Gemeinschaft miteinander – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren.

Ferner: Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich. Man muß sich hüten, in den Erinnerungen zu wühlen, sich ihnen auszuliefern, wie man auch ein kostbares Geschenk nicht immerfort betrachtet, sondern nur zu besonderen Stunden und es sonst nur wie einen verborgenen Schatz, dessen man sich gewiß ist, besitzt. Dann geht eine dauernde Freude und Kraft von dem Vergangenen aus. Ferner:  Trennungszeiten sind für das Zusammenleben nicht verloren und unfruchtbar, sie brauchen es jedenfalls nicht zu sein, sondern es kann sich in ihnen – allen Problemen zum Trotz – eine ganz merkwürdig starke Gemeinschaft bilden“ - so Dietrich Bonhoeffer aus seiner Gefängniszelle an seine Eltern und seine Verlobte.

In meinem Herzen lebst Du weiter. Ich habe gehört, dass die Liebe dann am stärksten ausbricht, wenn der liebe Mensch nicht mehr greifbar da ist - aber umso stärker dann da ist im Herzen, im Fühlen, in der Sehnsucht.

Und dieser Trennungs-Dasein-Schmerz lebt von der Hoffnung, dass es wieder eine Begegnung geben wird.

Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt und hilft uns dadurch, unsere alte Gemeinschaft miteinander – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren“.

Hören wir das Leitwort des Gottesdienstes „In meinem Herzen lebst du weiter“ aus dem Munde Gottes gesagt: „In meinem Herzen lebst Du, Vater, du Mutter, du Bruder, du Schwester weiter mit deinen Schmerzen und in der Traurigkeit, dem Unglück, der Wut“.

Wenn wir von Gott reden, dann auch von der „Barmherzigkeit“ Gottes, dem Erbarmen im Herzen Gottes mit seinen Geschöpfen und Kindern.

Im Lukasevangelium hören wir: “Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“.

Ich höre immer wieder manche von Euch wie sie sich quälen mit Schuldvorwürfen. Es sind aber nicht die Gerichte, die Euch schuldig sprechen, vermutlich nicht, wenn dann selten, eure Ehemänner und – frauen; es sind auch nicht die Stimmen eurer verstorbenen Kinder, wohl auch nicht Gott - es ist eine Stimme in Euch, die euch selbst bitter anklagt.

Seid barmherzig - auch mit euch selbst - wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist mit euch ist.

Als Gebet gesagt: In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. ... Und wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht.

In seinem barmherzigen Herzen lebt ihr weiter, wie eure Kinder in euren Herzen weiter leben.

Der Barmherzigkeit Gottes können wir erst glauben, wenn uns ein Abglanz und ein menschliches Angesicht der Barmherzigkeit begegnet. Wenn wir Menschen finden, die zu erkennen geben: "Ich ahne, wie es dir geht. Ich habe keine Antwort auf deine Fragen und keine wirklichen Erklärungen für das, was geschehen ist. Aber ich versuche es mit dir auszuhalten: Es ist wie es ist. Du bist, wie du bist. In meinem Herzen lebst Du weiter".

Und noch ein Perspektive des Leitwortes: „In meinem Herzen lebst du weiter“. Gesagt von euren verstorbenen Kindern?! Manche von Euch erzählen, wie sie aufgesucht wurden und werden von ihren Kindern. Ihr habt eure Orte, wo ihr euren Kindern näher kommt und nahe seid. Haben sie auch ihre Ort, wo sie euch nahe kommen? Manche von Euch sprechen von einem Schutzengel, einem Begleiter, der es gut mit euch meint - Man kann es mit einem nur gut meinen, wenn man ihn auch im Herzen lieb hat.

Ich habe noch nie jemanden sagen gehört, dass schlechte, beunruhigende Gedanken von euren Kindern im Himmel auf Euch gekommen sind.

Hören wir nicht in Evangelien wie der Auferstandene und Lebendige den Jammernden und Zweiflern mitteilt: "Friede sei mit euch. Fürchtet euch nicht."

Welche Botschaft geht denn von euren Kindern aus? Was hört ihr sie sagen? Ist es nicht Ähnliches? Mißtraut ihr der Kraft ihrer Worte, dann stellt ihr euch mit eurem Mißtrauen ihnen in den Weg, wenn sie den Weg in Eure Herzen suchen.

Ich denke, man darf das Adventslied 'Macht hoch die Tür, die Tor macht weit' an die Adresse der Kinder singen, aber auch in Richtung Gott und jedem, der sich dir mit Barmherzigkeit nähern will: 'Komm, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein. Dein Freundlichkeit auch uns erschein. Dein heilger Geist uns für uns leit, den Weg zur ewgen Seligkeit'.

Amen



(Predigt im Gottesdienst für verwaiste Eltern am 14. Dezember 2008

in der Ev. Stadtkirche Neckarsulm, Pfr. Jürgen Stauffert)