Deine Spuren finden

Du, mein Kleines, wir haben dich erwartet aber du konntest nicht zur Welt kommen.
Du, mein Kindchen, warst nur kurze Zeit unter uns. Was wäre aus dir wohl geworden? Wohin hätten dich deine Füßchen später getragen?
Du mein liebes, großes, Kind - nochmals und immer wieder die Wege gehen von dir, um beieinander zu sein, um sich an den Orten, wo Du dich aufgehalten hast, an dich zu erinnern, an die Gespräche, die Augenblicke, die Stimmungen, die jetzt nicht sind, die nicht mehr sein werden, aber mal da waren und hoffentlich für immer in Erinnerung lebendig bleiben. Wo du mal warst und wo ich jetzt hingehe, da bist du mir näher.
Wenn du vom Himmel mal wieder zur Erde kommst, dorthin wo du einst gewesen bist,  können wir uns da treffen und Gedanken austauschen?

Deine Spuren finden. Ich weiß nicht, wo du überall hingegangen bist. Aber wenn ich andere frage, dann erzählen sie mir, was sie mit dir unterwegs erlebt haben, worüber ihr euch unterhalten habt, wie du dich gegeben hast, wenn ich nicht dabei war. Was hast du ihnen mitgeteilt, was ihnen anvertraut, was ihnen von deinen Hoffnungen erzählt?
Wenn ich andere frage, dann entdecke ich mir von dir unbekannte Spuren; ich lerne dich ein wenig mehr kennen, spüre, dass du auch bei anderen Menschen Spuren und bleibende Eindrücke hinterlassen hast. Ich will und muss fragen und suchen, deine Spuren finden. So kann ich vielleicht deine Lebens-Geschichte schreiben.

Als sie vor 2000 Jahren den Gottessohn genommen und getötet haben, sind die Trauernden auf Spurensuche gegangen und haben Geschichten, Taten und Worte von ihm gesammelt und zusammengetragen und weitererzählt, um ihn nicht zu vergessen, um ihn und seine Botschaft lebendig zu halten, um ihm so Ehre zu erweisen, um dem schrecklichen Tod doch einen Sinn zu geben. ‚Nein. Er ist uns nicht genommen worden, bei uns ist er immer noch lebendig.‘

Deine Spuren, mein Kind, finden, nachdem Du gestorben und in den Himmel aufgestiegen und so manches Mal auch wieder herabgekommen und zurückgekehrt bist, in meinen Schlaf, in wundersame Erlebnisse hinein, wenn ich dich ganz nahe bei mir gespürt habe in traurigen und in freudigen Momenten, wenn mit anderen Trauernden der Himmel für uns offen stand und wir uns gewiss waren: Ihr seid da. Ihr seid jetzt bei uns. Ihr geht mit uns mit.

Deine Spuren, mein Gott, finden. ‚Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein. Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist. Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte?‘ Da antwortete er: ‚Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen.‘
In allen Klagen und Vorwürfen möchte ich entdecken, wo und wann DU, mein Gott, mich durchgetragen und hinübergetragen hast, als ich nicht mehr weiter wusste, als mein Leben dunkel und sinnlos, und ich kraft- und freudlos war. Als ich DICH so dringend brauchte, warst DU doch da.

Deine Spuren finden. Du hast auch dein Kind verloren? Welche Wege bist du denn seither gegangen? Wie hast du die schlimmste aller Zeiten ausgehalten? Womit hast du dich getröstet? Was hat dir geholfen? Komm, sag’s mir bitte! Begleite mich ein Stück weit. Du kannst mich aushalten. Du kannst mich ein wenig halten und wärmen. Bei dir kann ich weinen und jammern. Immer wieder. Es gehört zu unseren Spuren.  

Deine Spuren finden. Deine eigenen Spuren wieder aufsuchen und finden, die du früher mal gegangen bist, bevor dir das Kind genommen wurde. Alles hat sich auf einen Schlag geändert. Nichts ist seitdem, wie es einst mal war. Auf welchen Wegen war ich früher vergnügt unterwegs? An welchen Orten habe ich mich gerne aufgehalten, um mich zu freuen und mich zu stärken? Möchte ich da gerne wieder mal hin? Kann ich? Traue ich mich?  Die Spuren und die Wege vor dem Verlust und Tod gehören zu meinem Leben wie meine Wege und Spuren danach. Ich möchte meine Spur wieder finden, meinem Leben wieder einen Sinn, eine Richtung und ein Ziel geben, wohin es sich für mich zu leben lohnt.
Du mein Kind, du mein Nächster, DU mein Gott, bitte hilf mir dabei. Amen.  

(Predigt im Gottesdienst für verwaiste Eltern am Sonntag, 10. Dezember 2017 in der Ev. Stadtkirche Neckarsulm, Pfr. Jürgen Stauffert)