Trauern heißt lieben

Deine Botschaft an mich

Wir alle führen Selbstgespräche - Tag für Tag, trauernde Menschen ganz intensiv. Sie rufen dem Verstorbenen hinterher: „Warum? Wo bist du jetzt? Bist du gut ankommen? Was machst Du in der anderen Welt? Richte Gott einen schönen Gruß aus und sag ihm, dass ich auf ihn böse bin“.
Natürlich sind da auch all die Anklagen - in Gedanken.
Immer wieder die Vorwürfe an den Arzt: ‚Warum hast Du es nicht früher erkannt‘, an den Unfallverursacher und Richter: ‚Du hast uns das Kind totgefahren. Die Strafe ist doch nichts im Vergleich zu dem Leben, das getötet wurde‘, vielleicht in Gedanken auch Trost an den Untröstlichen: ‚Es war nicht deine Schuld. Es war ein Unglück, Schicksal, Bestimmung, dass unser Kind nicht mehr lebt‘.  
Im Kopf kreisen immer irgendwelche Gedanken und immer sind wir mit Gefühlen unterwegs. Sie ändern sich. Irgendwann in der Trauer ist dann Zeit und Raum für die Erinnerungen an das, was gut und schön war: ‚Danke, mein Kind, für das, was ich mit dir, was wir miteinander erleben durften‘.
Ihr lernt, mit dem Kind zu leben, das immer da und auch immer woanders ist, ganz nah und ganz weit weg.
Sind Kinder zum Begleiter geworden im Alltag, in Notlagen, dann werden sie gefragt: ‚Was soll ich jetzt ohne dich hier tun? Zeig mir den Weg, den ich gehen soll. Was würdest du jetzt an meiner Stelle machen?‘
Aber wollt ihr eine Antwort, eine Botschaft wirklich hören? Könnt ihr sie annehmen? Oder macht der Zweifel sie gleich wieder zunichte? ‚Ich könnte es mir doch bloß einreden. Nachher halten einen die Leute vollends für verrückt.‘
Und doch können wohl nur die Botschaften des Kindes in all dem Stimmengewirr wirklich trösten und zur Ruhe bringen. Kein noch so kluges Wort von einem Arzt, Freund, Verwandten oder dem Ehepartner kann so stärkend und tröstlich, so schön und hilfreich sein, wie das des Kindes: ‚Mir geht’s gut. Du schaffst das. Fürchte dich nicht. Deine Traurigkeit hilft mir doch nichts. Geh wieder mal aus dem Schneckenhaus, ich bin doch da. Schau, was dir gut tut. Kümmere dich doch auch um den, der dich jetzt braucht. Wenn Du etwas von dem, was in mir gelebt hat, in der Welt verwirklichen willst, dann freut mich das‘.

Auf Verstorbene hören? Verrückt? Ganz und gar nicht! Ganz normal.
Wir leben von und mit Gedanken und Botschaften von Verstorbenen -  persönlich, gesellschaftlich und kulturell. Wir alle lesen Bücher, hören Musik, sehen Bilder auch von Verstorbenen, weil sie immer noch zu uns sprechen, uns etwas zu sagen haben, weil wir auf sie hören wollen. Ihre Worte, Gedanken und Botschaften trösten, mahnen, motivieren.
Christen wollen über den Tod hinaus mit dem in Verbindung bleiben, der vom Vater im Himmel auf die Erde kam und wieder zum Vater zurückkehrte. Im Johannesevangelium spricht Jesus zu den Jüngern: „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben. An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch... Der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Den Frieden lasse ich euch. Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. (Joh 14).
Jetzt, in diesen Momenten, haben wir auf Worte eines Johannes gehört, schon längst gestorben, und haben gedacht: Schön, wenn tröstende Gedanken vom Himmel kommen, die uns lehren und an den erinnern, der wichtig und heilig ist. Schön, wenn wir den Verstorbenen hören: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
Wir trauen solchen Botschaften. Wenn wir diesen Botschaften trauen, öffnen wir ihnen Herz und Verstand und lassen die Worte in den Raum eintreten, wo so viele Worte und Gedanken schon kreisen.
In der Trauer, in dem lauten Klagen und Anklagen, ist doch die eine Stimme ganz besonders wertvoll, wesentlich und wegweisend: die des Kindes, das dich begleitet.
Nachher, beim gemeinsamen Kaffee und Kuchen, könntet ihr ja darüber sprechen, was euch eure Kinder seitdem lehrten. Ich vermute, ihr werdet angerührt von so viel Schönem.  

Pfr. Stauffert, Ev. Stadtkirche Neckarsulm 13.12.2015