Danke

 

Dankbar bin ich allen,

die mir jetzt nicht ausweichen.

Dankbar bin ich jedem, der mir einmal zulächelt

und mir seine Hand reicht,

wenn ich mich verlassen fühle.

 

Dankbar bin ich für die,

die mich noch besuchen,

obwohl sie Angst haben,

etwas Falsches zu sagen.

 

Dankbar bin ich all denen,

die mir erlauben,

vom dem Verstorbenen zu sprechen.

Ich möchte meine Erinnerungen

nicht totschweigen.

 

Dankbar bin ich allen,

die mir zuhören,

auch wenn das,

was ich zu sagen habe,

sehr schwer zu ertragen ist.

 

Dankbar bin ich allen,

die mich nicht ändern wollen,

sondern geduldig so annehmen,

wie ich jetzt bin.

 

Dankbar bin ich denen,

die mich trösten und mir zusichern,

dass ich nicht allein bin.

 

                     (Marie-Luise Wölfing)

 

 

Der Segen der Trauernden

 

Gesegnet seien die,
die mich immer noch besuchen,
obwohl sie Angst haben,
etwas Falsches zu sagen.

    Gesegnet seien alle,
die mir erlauben
von dem Verstorbenen zu sprechen.
Ich möchte meine Erinnerungen
nicht totschweigen.
Ich suche Menschen,
denen ich mitteilen kann,
was mich bewegt.

    Gesegnet seien alle,
die mir zuhören,
auch wenn das,
was ich zu sagen habe,
sehr schwer zu ertragen ist.

    Gesegnet seien alle,
die mich nicht ändern wollen.
sondern geduldig so annehmen,
wie ich jetzt bin.

     Gesegnet seien alle,
die mich trösten
und mir zusichern,
dass Gott mich nicht verlassen hat.

Oh Herr, birg Du uns alle
in Deiner Hand;
nimm Du Dich unserer an.
Bei Dir bleiben wir -
ganz gleich, ob wir noch leben
oder schon gestorben sind.

 

                          (Marie-Luise Wölfing)

Mitmenschen, nehmt uns Trauernde an

 

Geht behutsam mit uns um, denn wir sind schutzlos.

Die Wunde in uns ist noch offen und weiteren Verletzungen preisgegeben.

Wir haben so wenig Kraft, um Widerstand zu leisten.

 

Gestattet uns unseren Weg, der lang sein kann.

Drängt uns nicht, so zu sein wie früher, wir können es nicht.

Denkt daran, dass wir in Wandlung begriffen sind.

Lasst euch sagen, dass wir uns selbst fremd sind.

Habt Geduld.

 

Wir wissen, dass wir Bitteres in eure Zufriedenheit streuen,

dass euer Leben ersterben kann, wenn ihr unser Erschrecken seht,

dass wir euch mit Leid konfrontieren, das ihr vermeiden möchtet.

 

Wenn wir eure Kinder sehen, leiden wir.

Das „Niemehr“ ist wie ein Schrei in uns, der uns lähmt.

Wir müssen die Frage nach dem Sinn unseres Lebens stellen.

Wir haben Sicherheit verloren, in der ihr noch lebt.

 

Ihr haltet uns entgegen: auch wir haben Kummer!

Doch wenn wir euch fragen, ob ihr unser Schicksal tragen möchtet, erschreckt ihr.

Aber verzeiht: unser Leid ist so übermächtig, dass wir oft vergessen, dass es viele Arten von Schmerz gibt.

Ihr wisst vielleicht nicht, wie schwer wir unsere Gedanken sammeln können.

Unsere Kinder begleiten uns. Vieles, was wir hören, müssen wir auf uns selbst beziehen.

Wir hören euch zu, aber unsere Gedanken schweifen ab.

 

Nehmt uns an, wenn wir von unseren Kindern und unserer Trauer zu sprechen beginnen.

Wir tun nur das, was in uns drängt.

Wenn wir eure Abwehr sehen, fühlen wir uns unverstanden und einsam.

 

Lasst unsere Kinder bedeutend werden vor euch.

 

Teilt mit uns den Glauben an sie.

Noch mehr als früher sind sie ein Teil von uns.

Wenn ihr unsere Kinder verletzt, verletzt ihr uns.

Mag sein, dass wir sie vollendeter machen, als sie es waren, aber Fehler zuzugestehen, fällt uns noch schwer.

Zerstört nicht unser Bild.

Glaubt uns, wir brauchen es so.

 

Versucht euch in uns einzufühlen.

Glaubt daran, dass unsere Belastbarkeit wächst.

Glaubt daran, dass wir eines Tages mit neuem Selbstverständnis leben werden.

Euer „Zu-trauen“ stärkt uns auf diesem Weg.

 

Wenn wir es geschafft haben, unser Schicksal anzunehmen, werden wir euch frei begegnen.

Jetzt aber zwingt uns nicht mit Wort und Blick, unser Unglück zu leugnen.

Wir brauchen eure Annahme.

Vergesst nicht: wir müssen so vieles von neuem lernen.

Unsere Trauer hat unser Sehen und Fühlen verändert.

 

Bleibt an unserer Seite.

Lernt von uns für euer Leben.