"Sie sind mir ans Herz gewachsen"

Als die Flüchtlinge Anfang vergangenen Jahres kommen sollten, konnte ich nicht schlafen. Ich spürte, jetzt ist die Zeit zu helfen.  Die Neugierde und mein Pflichtgefühl waren so groß, dass ich meine Unterstützung im Helferkreis anbot. Mir wurde im Leben schon oft geholfen; jetzt hatte ich die Chance, viel zurückgeben zu können.
Ich weiß noch, wie ich mich ein wenig stolz fühlte, mit manchen aus dem Helferkreis und den Geflohenen am ersten Tag nach deren Ankunft durch Erlenbach zu gehen, um sie mit ihrer neuen Heimat vertraut zu machen. Ich wollte ihnen das Gefühl geben, dass sie willkommen sind und bei allen Fragen und Sorgen unterstützt werden.
Ich habe mich gefragt, was ich brauchen würde, wenn ich in ein fremdes Land käme. Anfangs ging es darum, dass sie mit dem Nötigsten versorgt werden: Essen, Kleidung und Hygieneartikel.
Ich machte mir Gedanken darüber, wie die aus verschiedenen Ländern stammende Menschen auf so engem Raum im Camp wohl miteinander zurechtkommen. Wie geht es einer alleinerziehenden Mutter? Sie sprechen unterschiedliche Sprachen. Sie müssen sich die sanitären Anlagen und die Küche teilen. Jeder hört durch die Zeltwände die Gespräche seiner Zimmernachbarn. Wie gehen die Bewohner unseres Ortes mit der neuen Situation um? Was, wenn sie krank werden und Hilfe brauchen? Was haben sie wohl in der Heimat und auf der Flucht erlebt? Viele Fragen beschäftigten mich, auch nachts.
Ich wollte mich nicht von schlimmen Zeitungsberichten beeinflussen lasse, sondern meine eigenen Erfahrungen machen. Ich kann sagen: diese sind bis heut überwiegend positiv. Je mehr ich mich auf diese Menschen eingelassen habe, umso mehr sind sie mir an Herz gewachsen. Ich habe sehr viel von ihnen gelernt über andere Kulturen, Gastfreundschaft, Familienzusammenhalt. Sorgen und Nöte, die ich nicht kannte.
Nach ein paar Monaten haben einige von uns Patenschaften für Familien übernommen, um direkte Ansprechpartner für die Familien zu sein. Meine Patenfamilien sind inzwischen fest in meinem Alltag integriert, es fühlt sich fast wie Familie an. Ich möchte sie nicht mehr missen. Wir führen, soweit es die Sprache zulässt, tiefgehende Gespräche, wälzen persönliche Probleme, lernen zusammen deutsch und sind uns von Tag zu Tag vertrauter geworden.
Ich als Krankenschwester begleite und unterstütze die Eltern eines kranken Kindes. Einen jungen Mann berate ich im Umgang mit seinem viel jüngeren, schulpflichtigen Bruder. Ich begleite, wie auch andere im Helferkreis, zu Ärzten, Ämtern und bei vielem, was für uns selbstverständlich ist. Wir machen zusammen Ausflüge, gehen Eis essen, erkunden die Gegend oder besuchen Feste im Ort  und gehen in Besenwirtschaften.
Aktuell sind wir auf Wohnungssuche und hoffen, in Erlenbach fündig zu werden, damit die Familien nicht in einem anderen Ort noch einmal von vorne anfangen müssen. Leider wurden sie oft abgewiesen.
Es ist nicht immer leicht, Hoffnung zu machen. Manchmal ist es für sie auch schwierig, sich mit ihren kulturellen Prägungen auf unsere freie Gesellschaft einzulassen. Das braucht Zeit, zumal sie doch zwischen den Werten ihrer Heimat und den unseren hin- und hergerissen sind.
Ich wünsche mir, das Einheimische und Geflüchtete mutiger aufeinander zugehen und es selbstverständlich wird, dass sie an unseren Festen und in Vereinen im Ort teilnehmen können. Wir müssen sie einfach mehr mitnehmen!
Ich wünsche mir, dass alle bei uns Wohnraum finden, Ausbildung und Arbeit bekommen und selbstverständlich mit uns leben!