Die Anfänge des Projektes

Vom Kulturgottesdienst zum Gebot der Stunde

Ungefangen sprach ich Pfarrer Stauffert vor etwa einem Jahr darauf an, dass ich gerne mal einen Kulturgottesdienst mit ihm machen würde. Ich hatte nicht die leiseste Idee, um was es bei diesem Kulturgottesdienst gehen könnte. Kultur? Kunst? Sollen die Gottesdienstbesucher malen, aber was?
Pfarrer Stauffert und ich haben diskutiert, Vorschläge gemacht, bis ich den Kulturgottesdienst sogar abgesagt habe. Er meinte daraufhin, dass wir dann eben auf etwas Anderes zurückgreifen sollten und fragte mich: "Was ist Dir heilig?" Es traf mich völlig unerwartet im Kern meiner Seele.
Kunst ist mir heilig, natürlich. Aber was ist in unserer Welt überhaupt noch heilig? Alles wird vermarktet, es wird erforscht, manipuliert, gemobbt, Menschen und Tiere werden ausgebeutet,  Kriege angezettelt, Flüchtlinge strömen durch die Welt, ... Gibt es etwas, das man dagegensetzen kann?

Aus der harmlosen Frage „Was ist Dir heilig?“ entstand nun eine Aktion, die uns, Jürgen Stauffert und mir, sehr am Herzen liegt. „Was ist das Gebot der Stunde - Hämmern für eine Welt mit Seele“

Diese Aktion besteht aus der künstlerischen Idee, die Gebote auf einen alten Balken hämmern, und aus einem Begleittext, dessen formulierung uns viel Mühe und schlaflose Nächte bereitet hat, weil er sich an alle Menschen richten sollte, damit jeder sich an dieser Aktion beteiligen kann und auch möchte.
Mittlerweile konnten wir schon viele Personen und Gruppen, dafür gewinnen, auch den Bundestagsabgeordneten Josip Juratovic, der das Projekt "Was ist das Gebot der Stunde?" einigen Abgeordneten im Bundestag vorgestellt und deren Gebote er am Reformationstag in der Heilbronner Kilianskirche auf einen Balken gehämmert hat. Er möchte, dass wir diese Aktion nach Berlin bringen.
Wenn auch Sie ein Gebot der Stunde schreiben wollen, haben Sie immer an den Gottesdiensten die Gelegenheit dazu. Die Kirchengemeinde der Christuskirche und ich arbeiten daran, dass gelesen, erhört und nicht länger ignoriert wird, was Sie und wir alle zu sagen haben".

Evi Böhringer-Kerner, im November 2016

 

 "..... weil wir die Menschen unserer Gesellschaft für fähig halten, selbst Gebote zu formulieren, die wertvoll für die Allgemeinheit sind"

Als Kind ging ich, wie viele anderen Kinder meines Alters, nahezu jeden Sonntag in die Kirche. Bei den Predigten hörte ich Worte wie Gott, Jesus, Himmel, Gut, Böse, Du sollst nicht, … Je älter ich wurde desto weniger glaubte ich an einen Gott, der von oben herab auf uns schaut, kontrolliert, bewertet, richtet.

Irgendwann habe ich in der Schule das Fach Religion abgewählt, bin nicht mehr in Gottesdienste gegangen oder nur noch, wenn jemand aus der Familie oder von Freunden getauft wurde, geheiratet hat oder eine Beerdigung stattfand.

Den Bezug zu Menschen, die mir wichtig waren und sind, habe ich dennoch nie verloren. Auch nicht den Bezug zur Natur. Pflanzen und besonders der Wald sah und sehe ich auch heute noch als Tempel der Ruhe und die Menschen um mich haben mir geholfen, nicht zu resignieren oder abzuheben.

Ich weiß, dass Menschen ohne Spiritualität keinen Halt finden und auf der Suche nach sich selbst sind. Mein Bild von Gott sieht allerdings heute ganz anders aus, als das, was mir die Kirche vermittelt hat. Das Wort „Gott“ benutze ich daher nicht gerne. „Manitu“ oder „schöpferische Kraft“ ist mir persönlich wesentlich näher. Ein Begriff, der nicht irgendwo weit weg und übermächtig, sondern als kraftvolle Energie direkt unter uns Menschen und auf der Erde wirkt.

Unsere von der Macht des Geldes und der Technik geprägten Welt bringt viele Probleme mit sich, und die Kirche wirkt machtlos dagegen. Viele Menschen treten aus der Kirche aus. Die einen, weil sie durch ihren Egoismus vom Glauben abgekommen sind. Die anderen, weil sie das Vertrauen in die Kirche verloren haben, Ihre Ängste, Nöte und Gedanken keinem Geistlichen anvertrauen wollen oder können.

Ich bin nicht aus der Kirche ausgetreten, weil ich als Künstlerin einen unmittelbaren Kontakt zu der schöpferischen Kraft habe. Ohne sie könnte ich nicht kreativ sein und Ideen finden. Daher weiß ich, dass eine Gesellschaft ohne Spiritualität keine Zukunft hat. Zudem gibt es in meiner Gemeinde einen Pfarrer, dem ich vertraue und der zu Änderungen bereit ist.

Es bedarf nämlich einer grundlegenden Änderung auf allen Ebenen und Institutionen unserer Gesellschaft. Es bedarf einer erneuerten Kirche und einer fähigen Politik, die die überhöhten Ansprüche und die daraus entstandene Ausbeutung, die viele Menschen und auch unsere Umwelt betrifft, wieder in die Balance bringt. Eine Rückbesinnung auf echte, allgemeingültige Werte sind notwendig. Eine Rückbesinnung auf Respekt, Vernunft und Mitgefühl gegenüber Menschen, egal welcher Herkunft, welcher Religion oder Hautfarbe, gegenüber Tieren und Pflanzen und der gesamten Erde.

Zusammen mit Pfarrer Jürgen Stauffert habe ich ein Projekt ins Leben gerufen, weil wir die Menschen unserer Gesellschaft für fähig halten, selbst Gebote zu formulieren, die wertvoll für die Allgemeinheit sind. Das selbständige Formulieren von solchen Geboten verlangt eine nicht einfache Reflektion jedes Einzelnen über das eigene Handeln und die Zwänge, in denen er steckt. In der Gesamtheit aber bewirkt es mehr Ruhe und Besonnenheit. Und das Hämmern der auf Papier geschriebenen Gebote auf einen Holzbalken ist die Bekräftigung dessen und die Beipflichtung unsere freiheitlichen Errungenschaften schützen und unsere Demokratie erhalten zu wollen.

Ich möchte jeden Einzelnen einschließlich Politiker, Geistliche, Juristen, Polizisten, Lehrer, Sozialarbeiter, sozial Schwache, schwer Arbeitende, gut Verdienende, Großunternehmer, etc. dazu auffordern, unsere Demokratie durch das Formulieren und Hämmern von Geboten wieder in angemessene Bahnen zu lenken.

Evi Böhringer-Kerner, Ende November 2016

  

Meine Hoffnung für das Jahr 2017:

Ich wünsche mir viel mehr Menschen, die es wagen, die Missstände in unserer Arbeits- und Konsumwelt anzusprechen. Und Menschen, die sich auch mal getrauen, sinnlose, ausbeuterische, stressige Arbeit und Freizeitaktivitäten einfach sein zu lassen und niederzulegen.
Solange dies nicht geschieht, werden Unternehmen weiter versuchen, mit Druck auf die Beschäftigten und durch Manipulation ihre Produkte herzustellen und zu verkaufen.
Durch unsere überhöhten Ansprüche haben wir es zugelassen, dass wir Menschen selbst und unsere Lebensgrundlage – unsere Umwelt – darunter leiden und ausgebeutet werden.
Sollten wir, die Gesellschaft, nicht endlich damit aufhören wollen, noch mehr Billigware und Produkte zu kaufen, die keiner zum Leben oder Glücklich Sein braucht, werden reiche Unternehmer immer reicher und die heute noch normale und die jetzt schon arme Bevölkerungsschicht immer ärmer.
Ich wünsche mir für 2017 ein Aufwachen und Bewusstwerden für diese Problematik und eine Rückbesinnung auf allgemeingültige Lebensinhalte.

Evi Böhringer-Kerner, im Dezember 2016