Halloween. Als ich vor fünf Jahren angefangen habe, an Halloween eine Filmnacht in der Kirche zu machen, stand der Protest gegen den von der Wirtschaft hochgehaltene und gesteuerte Schwachsinn im Vordergrund.

In den letzten drei Jahren habe ich mich immer mehr mit dem Thema Reformation auseinandergesetzt.
Der Erhalt und das Feiern des Reformationstages ist mittlerweile mehr als nur ein Protestzug für mich geworden. Es ist für mich ein Tag, an dem ich für mich selbst meine eigenen Thesen an meine Türe nagle. Ein Tag, an dem ich die in mir herrschenden Gedanken und Standpunkte auf den Prüfstand stelle. Ein Tag, an dem ich mich frage, wie es mit meiner Wiederherstellung und mit meiner Erneuerung bestellt ist.
Inwieweit versperren mir meine Ziele und meine eigenen Vorstellungen meinen Blick auf Gott und was er von mir möchte? Welche geistigen Prachtbauten und Entschuldigungstürme habe ich um sein Wort gebaut, gepflegt und als
wichtig empfunden? Welche meiner Gedanken sind echt und welche wurden in
mich hinein projiziert? Was hält mich zurück, in die Fußstapfen von Martin Luther zu treten, den Aufstand zu wagen, gegen die Masse der Gleichgültigen zu protestieren, Ungerechtigkeit herauszuschreien und meine Meinung kundzutun, mich aufzulehnen gegen das Tun und Denken der Allgemeinheit?

Es ist die Angst. Die Angst vor dem gesellschaftlichen Alleinstehen.
Vor dem Verlust von aufgebauten Privilegien, Freunden und Besitztümern. Man könnte sein Gesicht verlieren. Noch schlimmer, wie wird die Familie reagieren? Wie wird auf die Familie reagiert?
Habe Mut! Jeder, der mich etwas näher kennt, weiß, dass Lesen nicht unbedingt zu meinen Stärken gehört. Aber ich habe einige Bücher über Luther und sein Leben gelesen. Dabei sind mir zwei Zitate hängen geblieben:
‚Wer Christus hat, hat genug’ und ‚Die Musik ist die beste Gottesgabe und dem Satan sehr verhasst’.

Bernd Gailing

 

Reformation damals und heute

Als der Mönch und Doktor der Theologie Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine berühmt gewordenen 95 Thesen zum Ablassgeschäft veröffentlichte, war er noch ein gutgläubiger Diener seiner Kirche und wollte lediglich einen Missstand kritisieren. Doch die Sache wurde ernst, schließlich stand auch viel Geld auf dem Spiel, denn das Ablassgeschäft kam ins Stocken. Vier Jahre später wurde Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms 1521 vor Kaiser und Papst zitiert, um seine Schriften reumütig zu widerrufen. Würde er als Ketzer
gelten, wäre sein Leib und Leben in höchster Gefahr.
Er widerstand der geistlichen und weltlichen Obrigkeit, dem Papst und dem Kaiser, mit folgenden Worten: 

"Wenn ich nicht durch das Zeugnis der Heiligen Schrift oder vernünftige Gründe überwunden werde – denn weder dem Papst, noch den Konzilien allein vermag ich zu glauben, da es feststeht, dass sie wiederholt geirrt und sich selbst widersprochen haben – so halte ich mich überwunden durch die Schrift, auf die ich mich gestützt habe, so ist mein Gewissen im Gotteswort gefangen und darum kann und will ich nichts widerrufen, weil gegen das Gewissen zu handeln weder sicher noch lauter ist. Gott helfe mir. Amen.“

Eine mutige Antwort, zu der er sich eine Nacht lang durchgerungen
hatte. Diese Worte können als ein Grundsatzdokument des Protestantismus
gelten. Luther misstraut der kirchlichen Obrigkeit und auch Konzilsentscheidungen.
Er beruft sich stattdessen auf die Bibel, die Vernunft und das Gewissen. Diese drei Säulen sind Quelle des Glaubens, der permanenten kritischen Erneuerung und des Mutes.

Die erste Säule: Luther hat auf der Wartburg das Neue Testament ins Deutsche übersetzt (später dann auch das Alte Testament), damit jeder darin lesen und studieren, in religiösen Angelegenheiten mitreden und auch widersprechen kann. Was Christen glauben und denken muss der Bibel entspringen.

Die zweite Säule ist die Vernunft, das kritische Erkennen. Selbst vor der Bibel macht Luthers Kritik nicht halt, den Jakobusbrief nannte er eine „stroherne Epistel“. Es gilt der Grundsatz: Prüfet alles und das Gute behaltet. Das Gute war für Luther die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade. Von Schuld kann sich der Mensch nicht selbst befreien, sondern nur befreit werden.

Die dritte Säule: das Gewissen, die Stimme der Wahrheit in dir und gebunden an Gottes Wort. Hätte Luther auf dem Reichstag klein beigegeben, hätte er
zwar sein äußeres Leben gerettet, er hätte aber seine Seele und Überzeugung verraten. „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele“. (Mt 16,26)

Die Reformation damals und heute:
Lass dich von den heiligen Schriften inspirieren. Bleibe nicht am Buchstaben hängen, sondern suche den Geist dahinter, sei aufmerksam, aber kritisch.
Lass dich, wenn es um die Wahrheit geht, nicht von fremden weltlichen Autoritäten einschüchtern. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Nutze deinen Verstand und die Vernunft. Höre auf das Gewissen, das dich bei aller Gegenwehr auch durch Feindeslager trägt. Wenn du Mut brauchst, dann bete: „Gott helfe mir. Amen.“
Pfr. Jürgen Stauffert