Ausbeutung unter uns - Ausstellung im März 2015

FAIRE ARBEITSMIGRATION - Menschen – Herausforderungen – Ziele

„ARBEITSAUSBEUTUNG GESCHIEHT MITTEN IN DER GESELLSCHAFT UND BLEIBT DOCH OFT IM VERBORGENEN.“

Frauen und Männer aus ärmeren Ländern der Europäischen Union und darüber hinaus suchen in Deutschland Arbeit. Oft geraten sie in prekäre ausbeuterische Arbeits- und Lohnverhältnisse und schuften unter Missachtung von Arbeits- und Sozialrechten unter teils menschenunwürdigen Bedingungen.

Die Ausstellung in der Passionszeit porträtierte zehn Frauen und Männer aus verschiedenen Herkunftsländern und unterschiedlichen Branchen, wie z.B. Bau-und Landwirtschaft, Reinigungs- und Hotelgewerbe, häusliche Pflege, Automobilzuliefererindustrie und Transport.

Das Bündnis „Faire Arbeitsmigration Baden-Württemberg“, ein Zusammenschluss von Verbänden und Organisationen aus Zivilgesellschaft, Gewerkschaften und Kirchen, engagiert sich in Prävention, Beratung und Politik: Gerechte Arbeitsbedingungen sind Teil der Menschenrechte und der Menschenwürde.

Die Gottesdienste am 1. und 8. März griffen das Thema auf.

Sara Huschmann von der Mitternachtsmission, einer Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung sowie zum Zwecke der Arbeitsausbeutung, hat im Gottesdienst am 1. März von ihrer Arbeit und von Erfahrungen berichtet und sie fragt:

Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung sowie Arbeitsausbeutung - wo passiert so etwas? In Deutschland? In unserer Stadt oder in unserem Dorf? Oder ist es weit weg und tangiert uns nicht in dem Maß?
Ist es vielleicht der ´Fremde´ im Dorf, der in der Baubranche sieben Tage die Woche arbeitet und einen Monatslohn von 800 Euro verdient? Oder sind es die SpargelstecherInnen oder ErdbeerpflückerInnen, die aus Polen angereist kommen, um für einen geringen Lohn schwer körperlich zu arbeiten? Oder ist es die Frau, die unsere Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel 24 Stunden am Tag pflegt und im Monat nicht mehr als 1000 Euro verdient? Ist das fair? Ist das ein fairer Arbeitsmarkt?
Was können wir daran ändern?
Ist es nicht unsere Aufgabe, mit offenen Augen und Ohren, das Geschehen um uns herum wahrzunehmen und zu handeln und sich gegebenenfalls an professionelle Hilfen zu wenden. Die Aufgabe der Fachberatungsstelle der Mitternachtsmission ist es, die Betroffenen Personen in ihren Rechten zu unterstützen und sie da abzuholen, wo sie sind und sie ganzheitlich zu begleiten und  zu unterstützen.
Gebet ist eine Möglichkeit, diesen Menschen zu helfen, aber was würden Sie machen, wenn eine oder ein Betroffene/r vor Ihrer Haustür stehen würde und fragen würde ob Sie ihm helfen, ein Zimmer zu finden und eine neue Arbeit? Wären Sie bereit, ihre Zeit zu opfern und diese Person zu unterstützen? Wo fängt Nächstenliebe für Sie ganz persönlich an?
Ich möchte Sie bitten, sich eine Zeit der Stille zu nehmen und über diese Fragen nachzudenken. Hören Sie hin, was Jesus Ihnen zu sagen hat. Was ist Ihre ganz persönliche Aufgabe, um an Gottes Reich zu bauen?

Predigt von Pfr. STauffert am 8. März 2015:

Der Preis ist das Problem.
Der Preis der Waren und Dienste.
Der Preis der Arbeit.
Der Preis der Armut.
Der Preis des Wohlstandes.
Der Preis der Abhängigkeit.
Der Preis der Hoffnung
Der Preis auf dem Preisschild und der Preis im Arbeitsvertrag ist eine Zahl mit einer Währung.
Aber der Preis erzählt keine Geschichte, der Preis dient nur dem Vergleich: billiger oder teurer?

Auf der Suche nach Lebenssinn suchen wir tagaus, tagein den günstigsten Preis, angetrieben von endlosen Werbebotschaften auf allen Kanälen. Wir werden mit schönen Produktgeschichten und vielen lachenden Gesichtern verführt.
Wir sollen und können nicht die schlimmen Geschichten hinter Produktion und Preisbildung erkennen. Es könnte die Kauflaune und den Preis verderben –  oder aber denen helfen, die fair handeln, würdevolle Löhne zahlen und dafür einen angemessenen Preis verlangen.

Wirtschaftswissenschaftler und Politiker sind gefragt, ein System der Preisgestaltung zu entwerfen, in das auch die Kosten der Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt eingehen. Denn wer ohnehin arm und schutzlos ist, ist ein leichtes Opfer. 

Aber Umweltauflagen, Tierschutz, freie Gewerkschaften, Sozialgesetze, jetzt der Mindestlohn, die Diskussion um sogenannte Freihandelsabkommen sind ja Maßnahmen, der Ausbeutung der Schwächeren Grenzen zu setzen.
Die Denkvoraussetzung dabei: Der Stärkere nimmt, was er kriegen kann.
Gäbe es eine andere Haltung und Ethik bräuchte man all das nicht: Der jeweils Stärkste hat die Aufgabe und Pflicht dafür zu sorgen, dass es den anderen auch gut geht, wie Jesus es von seinen Jüngern fordert: 'Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht'. 

Solange wir davon entfernt sind braucht es wohl auch Ausstellungen wie diese, die Geschichten von Menschen erzählen, die sonst eher im Verborgenen gehalten werden.
Ich sagte im Gottesdienst vor einer Woche:  Man sieht sie: 
Männer und Frauen in den Weinbergen arbeiten, die anders sprechen,
Fraune aus Polen, die in dem einen oder anderen Haushalt bei der Pfelge helfen,
im Restaurant, in der Küche, im Hotel, wenn sie gerade das Zimmer hergerichtet haben. Ein Gespräch ist kaum möglich und auch nicht gewollt. Man kennt sich nicht. Sie arbeiten hier. Unter welchen Bedingungen? Zu welchem Lohn? Und denkt sich auch zur eigenen Gewissensberuhigung: Besser hier mit weniger als zu Hause mit nichts? Kurze Begegnungen ohne Worte.

Die Unkenntnis macht den Umgang und die Hilfsbereitschaft nicht leichter.
Gut, dass diakonische Einrichtungen und katholische Arbeitnehmer-Bewegung, Gewerkschaften, Betriebsseelsorger und Frauengruppen sich zusammengetan haben, um auf das Leid aufmerksam zu machen, um mit Sachverstand politische Forderungen zu stellen, die hier auch zu sehen sind.

Nach dem Gottesdienst vor einer Woche hatten mehrere an die Tür geschrieben: Augen und Ohren offen halten.

Mir kam in den Sinn: Menschen, denen wir begegnen ihn ähnlichen Situationen wie die Personen der Ausstellung, in den Gottesdienst und in die Gemeinde einzuladen, wo sie dann 'da' sein können, wo sie mehr sein könnten  als ausländische, billige Arbeitskräfte, wo sie Gehör und Ansehen finden könnten, als Kinder Gottes unter anderen Kindern Gottes.