Achtet auf eure Worte. Hetzen ist Sünde!

Gnade sei mit euch und Friede. Amen.
Herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst beim geselligen Erlenbacher Weinfest. Wo es gesellig zugeht, wird gelacht, kommt man sich schnell näher, wechselt viele Worte. Man erzählt von sich und redet über andere.
Ein gutes, geselliges Zusammenleben, nicht nur bei einem Weinfest, braucht gute Worte füreinander. Kommen einem die guten Worte füreinander von alleine in den Sinn? Oder immer wieder auch die Besinnung auf das Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten? Ein Grundschüler übersetzte es so: Du sollst kein dummes Zeug über andere sagen.
Worte und Gedanken können Unheil oder Frieden bringen – im Kleinen, wie im Großen.  Deshalb müssen wir auf sie achten.

Haben derbe Worte gerade Konjunktur? Spricht man sie heute leichtfertiger, abschätziger und aggressiver als noch vor ein paar Jahren? Amtsträger waren wüsten, üblen Beschimpfungen ausgesetzt, die neuen Mitbürger aus den Krisenregionen und deren Helfer auch immer wieder. 
Andererseits erschrecken wir darüber, wie einfach einige auf andere einstechen, schießen, in Menschenmengen rasen. Warum? Krank? Geltungssüchtig? Frustriert? Angestachelt? Verführt?
Wer Angst und Schrecken ausüben will, muss sich vorher doch gedanklich in Verachtung üben mit anderen durch eine Mischung von Erniedrigung und Überheblichkeit.
Man nennt es Terror, aber wir verstehen nicht die Motive und Gedankenanstöße dahinter.
Weg mit dem Störenden, Üblen und Bösen – dann werde alles wieder gut!
Ich vermute, dass sich dieses Denken allmählich einzuschleichen und zu verbreiten droht.
Weg mit dem Störenden, Üblen und Bösen – dann werde alles wieder gut!
Wird mit dieser Denke es wirklich wieder besser oder nur noch gewaltsamer und schlimmer?
Deshalb schon vor tausenden von Jahren die Mahnung: Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge.

„Verdamme nicht, bevor du eine Sache untersucht hast; wäge erst ab und tadle dann. Du sollst nicht urteilen, ehe du die Sache gehört hast und lass die Leute ausreden", mahnt der Weise Jesus Sirach (11, 7.8).
Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Über alles kann und darf geredet und diskutiert werden. Aber es geht auch um das "Wie". Der Ton macht die Musik. Die Sprache scheint vor Ort, hierzulande und anderswo, immer gewaltsamer und gefährlicher zu werden. Hässliche Worte führen zu hässlichen Taten, früher oder später.
Das achte Gebot hält dem entgegen: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden über deinen Nächsten. Luther legt es so aus: Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.

Schwäbisch interpretiert: Du solltsch koi falsch Zeugnis reda wider deinen Nächsta:
Was soll dees hoißa? Mir sollet nex Orechts romverzähla ond koine Lugebeutel ond Intriganta sein, net onser Maul verreißa beim Raatsche ond beim Batscha. Ond mir soll au koin Dreck rausschwätza ond koin wüeschts Zeugs. Ond andre Leut net no schlechter macha, wie se sowieso scho send. 

Es gibt auch die Pflicht zur Kontrolle und Selbstkontrolle der Worte.
Hass zu säen und zu hetzen ist Sünde!
Achtet auf Eure Gedanken, denn sie werden Eure Worte.
Achtet auf Eure Worte, denn sie werden Eure Taten.
Achtet auf Eure Taten, denn sie werden Eure Gewohnheiten.
Achtet auf Eure Gewohnheiten, denn sie werden Euer Charakter.
Achtet auf Euren Charakter, denn er wird Euer Schicksal.
So lehrt der jüdische Talmud.

Bei einer Radtour in den Bergen kam ich an einem jahrhundertealten Bauernhaus vorbei, altes Mauerwerk im Fundament mit Steinen, die aus dem vorbeifließenden Gebirgsbach geholt sein mussten. Dunkle, fast schon schwarz gewordene Bretter und Balken bilden den oberen Teil des Hauses, an der umlaufenden Balkonveranda leuchten frische, gepflegte rote und blaue und violette Blumen, auch am Treppenaufgang zur Eingangstür.
Ein schon abgeschabtes und verwittertes Schild, angeschraubt über dem Handlauf der Treppe, gibt dem, der in diesem Haus ein- und auskehrt oder nur daran vorbeikommt, seit vielen, vielen Jahren mit auf den Weg: „Anerkenn das Gute im anderen! Das verleiht im Flügel.“