Weihnachten 2016 -Am liebesten würde ich ...

Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Du gibst Zeugnis von dir selbst; dein Zeugnis ist nicht wahr.Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Auch wenn ich von mir selbst zeuge, ist mein Zeugnis wahr; denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe; ihr aber wisst nicht, woher ich komme oder wohin ich gehe.Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemand. Wenn ich aber richte, so ist mein Richten gerecht; denn ich bin's nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat. (Johannes 8, 12-16)

Vielleicht haben ja beide recht.

Sie sagen: "Du gibst Zeugnis von dir selbst. Das ist ja deine Meinung, nur deine Meinung. Das sind deine Worte und Gedanken, nur deine Worte und Gedanken. Von niemandem bist du beauftragt oder in ein Amt eingesetzt oder ordiniert, hast kein Examen gemacht, kannst keine Schule als Referenz aufweisen. Für wen sprichst Du?"
Sie sagen: Du gibst Zeugnis von dir selbst.

Er sagt: Auch wenn ich von mir selbst zeuge, ist mein Zeugnis wahr, denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe. Er verstehet sich beauftragt Sprecher Gottes, nicht Sprecher der Menschen, zu sein.

„Gott spricht ….“ - so werden die Worte der Propheten in der jüdischen Geschichte eingeleitet bei Jesaja, Hesekiel, Micha, Amos. Bei Jeremia zum Beispiel heißt es: „Und des Herrn Wort geschah zu mir: Geh hin und predige öffentlich der Stadt Jerusalem und sprich: So spricht der Herr, hört des Herrn Wort.“ Die Propheten fühlen sich von Gott berufen, beauftragt, gar bedrängt, nicht neue Lehren zu verkünden, sondern die alten Botschaften neu zu sagen: ‚Geht sozial miteinander um; achtet aufeinander und nutzt euch nicht gegenseitig aus. Hört auf Gott‘. Propheten waren scharfe Gesellschafts- und Religionskritiker.

Auch wenn ich von mir selbst zeuge, ist mein Zeugnis wahr, denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe.

Denken wir auch an Martin Luther, den der Ablasshandel so verärgert, dass er dagegen zu Felde zieht. Er sieht sich fast allein streiten gegen Papst, Kurie und Kaiser. Bemerkenswert seine Worte auf dem Reichstag zu Worms, wo er seine Schriften rechtfertigen muss: "Wenn ich nicht mit Zeugnissen der Schrift oder mit offenbaren Vernunftgründen besiegt werde, so bleibe ich von den Schriftstellen besiegt, die ich angeführt habe, und mein Gewissen bleibt gefangen in Gottes Wort. Denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil es offenkundig ist, dass sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben. Widerrufen kann und will ich nichts, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas gegen sein Gewissen zu tun. Gott helfe mir, Amen."
Nicht Luther hat neue Lehren verbreitet, sondern die Kirche war zu weit abgekommen von ihrer Grundlage und hat die einstige Botschaft vermenschlicht gar verkauft, um Ämterkauf, die Hofhaltung und den prächtigen Petersdom finanzieren zu können.

Zurück zu Jesus. Im Matthäusevangelium hören wir ihn in der Bergpredigt selbstbewusst und unabhängig sagen: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist, ich aber sage euch“.
Der Evangelist Markus erzählt, wie nach der Taufe Jesu im Jordan der Himmel aufgeht und der Geist wie ein Taube auf ihn herabkommt und eine Stimme vom Himmel sagt: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

Jesus, geht aus dem tiefsten Innern und durch den Ruf von ganz los und handelt, spricht und widerspricht, nimmt Menschen mit und begeistert sie, berührt sie mit dem Heiligen Geist, mit seinem Herzen, mit seinen Händen. 
 
Für die polnische Journalistin Anna Alboth ist die Situation in Syrien 'die größte Tragödie unserer Zeit'. "Wir können das nicht einfach mit ansehen", sagte sie im Radio. Sie hat deshalb einen Mahnmarsch nach Aleppo initiiert.
Anna Alboth sagt: „Die Idee ist eigentlich so im vergangenen Jahr gereift, seit bei uns ein syrischer Flüchtling wohnt. Wir haben in Sachen Flüchtlinge hier in Berlin unheimlich viel gemacht: verschiedene Kampagnen, Picknicks, Sammelaktionen. Das Thema Syrien war dann einfach täglich Thema, weil unser Mitbewohner natürlich Anrufe aus seiner Heimat bekam, auch in den Berliner Flüchtlingsunterkünften haben uns die Menschen sehr viel erzählt. Für uns ist dieser Krieg also kein Fernsehereignis, sondern Teil unseres täglichen Lebens. Und als ich vor zwei Wochen in einer Unterkunft war und noch mehr Geschichten hörte – das war der Tag, als die Krankenhäuser bombardiert wurden – da bin ich nach Hause gegangen und hatte das Gefühl, dass jetzt so ein Wendepunkt da ist. Ich saß da, habe geweint, die Videos angesehen, zu denen wir alle ja Zugang haben. Und ich glaube, das war einfach zu viel. Mir war klar, dass es allen in meinem Bekanntenkreis ähnlich ging. Und das kann doch einfach nicht sein, dass wir so viele sind und nichts unternehmen können. Also hab‘ ich gesagt: Los, lasst uns was machen! Was, wenn wir da alle hingehen würden?! Ich hab‘ das so aus einer Hilflosigkeit heraus gesagt und da meldeten sich dann plötzlich Leute aus aller Welt, die sagten: Ok, wenn du gehst, dann gehe ich auch. Das ist so eine verrückte Idee, vielleicht kann die ja was bewirken. Dieser Konflikt ist so komplex, dass ein durchschnittlicher Mensch wie ich nicht mal weiß, wer da welche Strippen zieht. Wenn ich eine politische Lösung für diesen Konflikt hätte, dann hätte ich einen anderen Job. Und trotzdem bedeutet das nicht, dass ich nicht klarmachen könnte: Damit bin ich nicht einverstanden und ich halte das für die größte Tragödie unserer Zeit! Wir wollen einfach mit unserer Gruppe einen Druck aufbauen, dass irgendjemand eine Lösung findet. Wir können das nicht einfach mit ansehen und sagen: Wir können ja nichts ausrichten!
In den vergangenen zwei Wochen habe ich ganz unterschiedliche Reaktionen aus aller Welt bekommen. Aber für mich ist entscheidend, was mir Syrer sagen. Die hier in Berlin und die in Aleppo, mit denen wir Kontakt haben und die uns Videos schicken oder mich anrufen, die sagen, dass sie eigentlich schon jede Hoffnung aufgegeben hatten, aber jetzt sei das anders. Manche verabschieden sich auch und sagen, dass sie nicht wissen, ob sie noch einen weiteren Tag erleben, aber dass das leichter ist in dem Wissen, dass es jemanden gibt, dem das nicht total egal ist“.

Am Zweiten Weihnachtsfeiertag startet der internationale Friedensmarsch auf dem Tempelhofer Feld, unweit einer riesigen Flüchtlingsunterkunft im Hangar des ehemaligen Flughafens. Rund 20 Kilometer am Tag sind geplant, geschlafen wird in Zelten oder - wenn es sich ergibt - in Turnhallen. Bei Minustemperaturen durch Deutschland, Tschechien, Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Griechenland, Türkei laufen – den umgekehrten Flüchtlingstrack.

Ich finde diesen Aufbruch imponierend, er ist eine Art Thesenanschlag, ein Hoffnungslicht. Raus aus der Resignation, raus aus der Lähmung darauf zu warten, dass die Großen in den Ämtern es richten sollen. Wer und was Anna Alboth motiviert: Das Leid, das gewaltsame Töten, die Hilflosigkeit. Und die mit ihr mitgehen sind ihre Gemeinde.

Auch eine Kirchengemeinde ist dazu da, Aufbrüche mitzutragen, Menschen, die sich nicht zufriedengeben, zu begleiten, zu stärken und zu unterstützen. Egal ob es ein Asyl-Kreis ist, die Kinderkirche, der Seniorenclub oder eine Jugendgruppe ist. 

Lukas erzählt wie Jesus, nachdem er schon eine Weile in Galiläa gepredigt hatte, dann in eine Synagoge geht und sich und sein Handeln erklärt: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesandt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei und ledig sein sollen und den Blinden, dass sie sehen sollen und den Zerschlagenen dass sie frei und ledig sein sollen.
Er gibt sich nicht zufrieden, mit dem, wie es ist.

Wir feiern an Weihnachten den Geburtstag des mutigen, mitleidenden Reformers, der Gottes Wort zur Welt bringt, zu allererst zu den Leidenden und Fertiggemachten. 

Was machen wir mit der Geschichte?

Wir können Jesus als Sohn Gottes anhimmeln, seinen Mut bestaunen und uns dann hinter ihm verstecken. 

Wir können aber auch seine Dynamik, seine Kraft, sein Aufbrechen im Gottvertrauen in uns aufnehmen:
Was ist dir wichtig? Was ist dir heilig? Was ist in dir heilig? Wozu drängt es dich in deinem Glauben?
Ganz ehrlich: Wozu drängt es dich in diesen Zeiten?
Am liebsten würde ich….. Schreib‘s auf oder führe den Satz in deinen Gedanken weiter: Am liebsten würde ich in dieser Zeit …..

Wenn du willst, können wir es miteinander angehen, irgendwie. Wenn die Festtage vorüber sind, wenn dich eine Idee, ein Wille nicht mehr losläßt: Am liebsten würde ich….. Wir reden darüber, machen einen Gottesdienst zum Thema, gründen eine Gruppe, veröffentlichen dein Anliegen im Gemeindebrief, machen es im Konfirmandenunterricht zum Thema, schreiben einen Brief.  Möglichkeiten gibt es viele. Es muss ja nicht ein langer Marsch durch fremde Länder sein.

Sich nicht zufrieden zu geben - ist christlich, evangelisch mitmenschlich. Denken wir an Jesu Worte: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“ und „Ihr seid das Licht der Welt. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter, so leuchtet es denen, die im Haus sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“. Ein Mut machendes Wort zum Schluss von Dietrich Bonhoeffer: "Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein."