Pfingsten 2015 - "Liebe Flüchtlinge und Migranten, ihr habt einen Platz im Herzen der Gemeinde".


"Liebe Brüder und Schwestern,

Jesus ist der Evangelisierende schlechthin und das Evangelium in Person." Seine Sorge, besonders für die am meisten Gefährdeten und an den Rand Gedrängten fordert alle auf, sich der Schwächsten anzunehmen und sein leidendes Angesicht vor allem in den Opfern der neuen Formen von Armut und Sklaverei zu erkennen. Der Herr sagt: »Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen« (Mt 25,35-36).

Aufgabe der Kirche, der Pilgerin auf Erden und Mutter aller, ist es daher, Jesus Christus zu lieben, ihn anzubeten und ihn zu lieben, besonders in den Ärmsten und den am meisten Vernachlässigten; zu ihnen gehören gewiss die Migranten und die Flüchtlinge, die versuchen, harte Lebensbedingungen und Gefahren aller Art hinter sich zu lassen. Darum hat der Welttag der Migranten und Flüchtlinge in diesem Jahr das Thema: Kirche ohne Grenzen, Mutter aller.   …    Die Kirche ohne Grenzen und Mutter aller verbreitet in der Welt die Kultur der Aufnahme und der Solidarität, der zufolge niemand als unnütz, als fehl am Platze oder als Auszusondernder betrachtet wird. Wenn die christliche Gemeinschaft ihre Mutterschaft tatsächlich lebt, schenkt sie Nahrung, Orientierung, Wegweisung, geduldige Begleitung. Sie kommt den Menschen im Gebet wie in den Werken der Barmherzigkeit nahe.

Heute nimmt all das eine besondere Bedeutung an. In einer Zeit so umfangreicher Migrationen verlässt nämlich eine große Zahl von Menschen ihre Ursprungsorte und tritt die gewagte Reise der Hoffnung an, mit einem Gepäck voller Sehnsüchte und Ängste, auf der Suche nach menschlicheren Lebensbedingungen. …..", so hatte Papst Franziskus zum Welttag der Flüchtlinge und Migranten Anfang des Jahres geschrieben.

Es gibt auch in Erlenbach einen Flüchtlingshelferkreis. 15 Personen bringen sich ein und unterstützen derzeit zwei Familien. Die Helfer geben den Kindern Nachhilfe, begleiten zum Arzt, kümmern sich um Wohnraum, besorgen Fahrräder, Möbel und was sonst gebraucht wird, sprechen stellvertretend bei Behörden und Ämtern und Schulen und Vereinen vor, vermitteln das Gefühl: hier bist du nicht allein. Friede sei mit dir.
Freude breitet sich aus, Dankbarkeit und die Gewissheit, Richtiges und Wichtiges zu machen, die gute Botschaft zu leben. Frau B. hat auch heute wieder Brot gebacken. Fast schon Tradition in der Christuskirche. Sie backt es zum Abendmahl, dann steht die Familie auch beim Brotbrechen mit im Kreis und trinkt aus dem Kelch, aus dem alle trinken.

Überall im Land sind solche Kreise entstanden und die Kirchenleitungen heißen es gut, unterstützen es, stellen geschultes Personal und Geld bereit, nehmen öffentlich Stellung.

Es herrscht ein guter Geist, bei den Flüchtlingen und den Begleitern, die sich über Grenzen hinweg begegnen. Aber es herrscht im Lande auch ein unguter Geist, wo Mauern noch höher gezogen werden sollen und nicht Gastfreundschaft vorherrscht sondern Feindseligkeit.
Wo Mauern sind, bestimmen die einen über die anderen, wer rein darf und wieder raus muss. Aufgenommen oder abgeschoben. Eingegliedert oder ausgestoßen. Der Status kann sich mit einem Brief oder einem Satz von einem Moment auf den anderen ändern. Drin oder draußen. Je mehr die einen haben, desto größer müssen die Mauern und Zäune sein, um Hab und Gut ängstlich vor denen zu schützen, die viel weniger haben. Über Mauern hinweg aber kann man nicht sprechen, an Mauern bilden sich Vorurteile über die, die dahinter sind.

Es werden sich noch viele Menschen auf den Weg machen, um woanders zu leben, zu überleben,
• denn in den vielen Konfliktgebieten wird nicht ernsthaft verhandelt und geredet über die Probleme, die Ursachen und mögliche Lösungen, sondern geschossen, vertrieben, getötet. Wo Gewalt ist, ist Unrecht. Wo Unrecht ist, ist Hass, der sich über Generationen hin fortpflanzt.
Es werden sich noch viele Menschen auf den Weg machen, um woanders zu leben, zu überleben,
• denn die Vermögens-und Einkommensverteilung geht immer weiter auseinander. Unermesslicher Reichtum bei wenigen und bittere Armut bei vielen. Das Verhalten korrupter, egoistischer Regierungen, Eliten und Entscheidungsträgern ist falsch. Eine hemmungslose kapitalistische Ideologie, die den Wert der Arbeit zugunsten der Kapitalinteressen drückt und missachtet, ist falsch. Wie Reichtum vererbt wird, wird auch Armut vererbt und zementiert soziale Unterschiede über Generationen hinweg. Ich sehe in vielen Teilen der Welt nicht eine Dynamik wieder hin zu mehr Gemeinwohl. Die sozialen Spannungen und Unterschiede bleiben erhalten und verschärfen sich gar. Extremisten und Scharfmacher können dann verführen mit Nationalismus, Rassismus, ethnischen oder religiösen Eigenarten, die es dann scheinbar mit Hass und Verachtung zu verteidigen gelte.
Es werden sich weiterhin viele Menschen auf den Weg machen, um woanders zu leben, zu überleben,
• denn es kommt der Klimawandel auch noch dazu. Man erwartet mehr Dürren, Stürme und Überschwemmungen. Menschen werden dorthin ziehen, wo sie sicher leben und vor allem überleben können, nicht nur aus politischen, ökonomischen, sondern auch aus ökologischen Gründen.   
Bislang ziehen die Einwanderungsländer die Grenzen hoch und lassen nur die einziehen, die ihnen von Nutzen sind und dabei kulturell und religiös nahestehen, die man auf Grund des Asylrechts nicht abweisen kann. Das erhöht den Druck bei den Auswanderern und den Einheimischen, an dessen Türen immer heftiger gerüttelt wird.

Oh je? Was wird künftig?

Gerade an Pfingsten darf und muss man sich eine gute und friedlichere Weltordnung vorstellen. Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit, sagt Paulus.  

Wir sollten uns innerlich und politisch auf größere Aus- und Einwanderungen einstellen, Grenzen durchlässiger machen, um künftige Konflikte zu entschärfen. Was könnte hilfreich sein? Ein paar Überlegungen:

1.  Fangen wir bei der Religion an: Alle Menschen sind zunächst einmal als Brüder und Schwestern dieser einen Welt Gottes zu sehen und zu achten. Konfessionelle und religiöse Andersartigkeit ist Teil der Vielfalt des Lebens. Nicht besserwisserische Rechthaberei ist angesagt, sondern geduldiges Interesse füreinander. Religionen sind wie Sprachen: sie haben ihre eigenen Worte und Weltbilder, ihre besondere Grammatik und Geschichte. Wer eine Fremdsprache erlernt, entdeckt auch eine neue Welt.  Die Kirchen- und Religionsführer, die Gemeindeleiter müssen in ihren Gemeinden Brücken bauen – um des Friedens willen als allerhöchstem Gut der Menschheit.
Ähnlich wie beim Weltwirtschaftsgipfel wird ein Weltreligionsgipfel organisiert, bei dem die Religionsführer nicht über Wirtschaftswachstum, sondern unter den Augen aller Gläubigen über Friedenswachstum beraten, sich miteinander auf die Menschenrechte verpflichten und verbindliche Schritte einleiten: Wer Gewalt schürt, darf nicht mehr predigen, Friedensarbeit gehört zur theologischen Ausbildung wie ein Semester Studium in einer anderen Religion. Die Visitationen der Gemeinden durch Dekane und Bischöfe müssen auch das Augenmerk auf der Frage haben: Was unternehmt ihr für und mit Migranten? Wie geht ihr in der Gemeinde damit um?     

2. Die Politik darf nicht mehr über jahrelange Hinhalte- und Abschreckungsverfahren prüfen, wer denn 'rechtmäßig' eingewandert ist, sondern muss möglichst rasch Sprachkurse anbieten und in den Schulen Einwandererklassen aufbauen und ausbauen, die das Potential der Gekommenen entdecken und für die ganze Gesellschaft nutzbar machen.

3. Städteplaner müssen frühzeitig menschenwürdige Zuzugsgebiete ausweisen und bereithalten, auch um der hiesigen Bevölkerung zu zeigen: ‚Keine Angst. Wir sind bereit und vorbereitet.‘
Zum Frieden braucht es zuallererst immer einen geistigen Klimawandel, der die gesellschaftlichen Folgen rechtzeitig bedenkt, zum Wohl und Frieden aller.
Mauern, Zäune, Grenzen aus Beton und Stacheldraht sind schnell gebaut und hochgezogen und genau so schnell wieder abgebaut.

Grenzen und Mauern im Denken und Fühlen lassen sich nur viel mühsamer abbauen, aber ganz schnell, wenn Flüchtlinge und Migranten einen Platz im Herzen der Gemeinde bekommen. Jeder braucht irgendwo einen Platz, wo er sagen kann: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Ein jeder möge einem anderen immer wieder sagen: Hier bist du Mensch, hier darfst du sein. Friede sei mit dir.