Ökumenischer Gottesdienst am Pfingstmontag

Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (2. Timotheus 1,7)

Sie kennen das Bild – aufgenommen vor 25 Jahren in Peking in der Nähe des Tiananmenplatzes, wo zwei Monate zuvor Demonstrationen begannen für Demokratie und Reformen. Mitte Mai 1989 feierten eine Million Menschen auf dem Platz ein Fest für die Freiheit. Danach rückten Soldaten vor, um die Proteste zu beenden; sie konnten von den Bürgern teilweise aufgehalten werden. Verhandlungen wurden geführt. Viele räumten nach wochenlangen Belagerungen den Platz. 5000 Studenten harrten dennoch aus. Die Regierung ließ dann Anfang Juni Panzer auffahren, um den Platz endgültig zu räumen.

Und dann stellt sich ein Mann den anrückenden Panzern in den Weg, auf dem Bild sind 4 Panzer zu sehen, ein Reporterfilm zeigt eine ganze Kolonne von mindestens 15 Panzern. Der Panzerverband hält an. Der Panzerführer versucht um den Mann herumzukurven, der Mann stellt sich immer wieder davor. Und dann geschieht  …. erst einmal nichts. Der Mann klettert auf den Panzer, klopft, sucht eine offene Luke. Maschinengewehrschüsse sind im Hintergrund zwar zu hören, aber der Mann im weißen Hemd scheint es nicht zu hören oder nicht hören zu wollen. Er steigt dann unverrichteter Dinge wieder vom Panzer, stellt sich daneben, weiß nicht, ob er bleiben oder gehen soll. Eine Luke öffnet sich, ein Soldat weist ihn an, endlich weg und aus dem Weg zu gehen. Der Mann winkt wütend, die Geste ist unmissverständlich. Haut ab, verschwindet, kehrt um. Der Panzer fährt los, der Mann springt wieder davor. Zwei Soldaten öffnen ihre Luken, reden irgendetwas. Dann kommt von der Seite ein Fahrradfahrer angefahren, kurz darauf kommen drei, vier weitere Männer angelaufen mit erhobenen Händen und drängen den „Tank Man“ friedlich ab, machen so den Panzern den Weg frei. Sind es Freunde, die den Tank Man vor dem Schlimmsten bewahren wollen? Oder Agenten, die ihn abführen? Bis heute weiß die Öffentlichkeit nicht, wer der Mann ist und was mit ihm dann geschah.  

Gott hat ihm nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft.

Pfingsten – das Fest des Heiligen Geistes. In der Evangelischen Kirche heißt der Leitgedanken für Pfingsten: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen: Veränderung, Befreiung, Frieden, der nicht gewaltsam erzwungen wird, sondern mit Gedanken und dem Mut, diese Gedanken auch umzusetzen.      

Mit einem Gedanken „Haut hier ab. Verschwindet“ und entschlossen und dennoch wehrlos, vielleicht mit dem Mut der Verzweiflung, stellt sich dieser Mann den Panzern in den Weg und hält für einen Moment lang den Lauf der Dinge an.

Ob er es lange vorher so geplant hat? Ob er sich dazu spontan entschlossen hat? Ob es ihn dorthin getrieben hat?

Der Fotograf dieses Bildes, Jeff Widener, wurde vor ein paar Tagen gefragt: Was glauben Sie hat "Tank Man" zu seinem Handeln bewegt?

Was er getan hat, war unglaublich, einfach überwältigend. Jeder sagt, er war mutig und das finde ich natürlich auch. Aber manchmal frage ich mich, wie er sich wohl gefühlt hat, was er gedacht hat. Wenn er verzweifelt war, weil vielleicht seine Freundin oder ein Verwandter bei den Protesten ums Leben gekommen war, hat er in dem Moment nicht an sich selbst gedacht. Vielleicht hat er einfach nur auf seine Gefühle reagiert. In einer solchen Situation zählt nichts mehr, außer, dass man jemanden verloren hat, den man liebt.

Vielleicht war der Mann vor dem Panzer ebenso überrascht  von seinem Wirken, wie die Männer im Panzer verblüfft.

Was jetzt tun, wo die Welt für einen Moment still zu stehen scheint?

Was kann ein Einzelner schon ausrichten?

Der Tiananmen-Platz wurde gewaltsam geräumt; ebenso in den vergangenen 25 Jahren die Erinnerung an den „Zwischenfall am 4. Juni“, wie es im offiziellen Sprachgebrauch heißt. Nichts soll in China mehr an den Zwischenfall, an den Geist der Freiheit und Demokratie erinnern. Das Bild ist in China immer noch verboten.  

 „Was kann ein Einzelner schon ausrichten?" fragen und sagen sich viele, die meinen „Eigentlich müsste man ja schon, aber …, aber was kann ein Einzelner oder was können ein paar wenige schon ausrichten?“

 Jesus widerspricht dieser resignativen Haltung: 

Ihr, auch wenn ihr nicht viele seid und auch scheinbar nicht machtvoll, ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. Ein wenig Salz kann dem Essen Geschmack geben.

Ihr seid das Licht der Welt. Man zündet nicht ein Licht an und stellt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter, so leuchtet es allen, die im Hause sind. Eine Kerze, eine Glühbirne genügt, um einen dunklen Raum für viele wieder hell zu machen.      

Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte, das ist das kleinste unter allen Samenkörner, wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum.

Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner mengte, bis es ganz durchsäuert war.

Wenige können doch viel bewirken. Ein guter Gedanke, eine mutige Tat verbreitet sich in Windeseile, lässt aufhorchen, findet Nachahmer. Wer Mut zeigt, macht Mut. 

Mit allerlei Friedenspreisen werden heute Menschen geehrt, die Mut gezeigt haben einem Unrecht entgegenzutreten, die ihre Angst überwunden haben und sich den Mund nicht haben verbieten lassen. Die Geehrten der Friedenspreise sollen Vorbilder sein und anstecken - die weniger Mutigen, die Bedenkenträger, die Vorsichtigen.

Die Christen haben Worte und Geschichten ihres Christus festgehalten und weitergegeben, um sich immer wieder durch ihn inspirieren zu lassen, um ihm nachfolgen zu können, um Salz zu sein, um Licht zu sein.

Was kann ein Einzelner schon ausrichten?

Auch euer Papst Franziskus – unser? Papst Franziskus - tritt aus den Reihen heraus; ihm ist die Zuwendung zu den Mühseligen und Beladenen wichtiger als das Protokoll; er prangert an, dass erbarmungsloses Wirtschaften tötet.

Papst Franziskus hat gestern gemeinsam mit Palästinenserpräsident Abbas und dem israelischen Staatschef Peres im Vatikan für Frieden im Nahen Osten gebetet. Der Papst hatte die überraschende Einladung im Mai während seines Besuches in Israel ausgesprochen. Er machte deutlich, dass er sich nicht politisch in den Nahost-Konflikt einmischen wolle. Vielmehr gehe es um den gemeinsamen Einsatz der drei großen monotheistischen Religionen für den Frieden. Entsprechend der jüdischen Tradition fand das Gebet am vergangenen Sonntag in keiner Kirche statt, sondern in den Gärten des Vatikans. Peres und Abbas wurden von Rabbinern und Imamen begleitet.

Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Furcht und Ängstlichkeit kommt nicht von Gott, sondern wird in uns von denen kultiviert, die nicht wollen, dass die Welt und die Dinge in der Welt nicht geändert werden.

Wer anderen Angst macht, hat selbst Angst - vor Veränderung.

Gott hat uns gegeben einen Geist der Kraft: der Leidenschaft, das Wichtige zu tun und zu sagen. Das Wichtige und Bedeutsame im Leben erwächst aus dem Leiden, das wir selbst erlitten haben oder das wir an anderen schmerzlich mitgefühlt haben.

Gott hat uns gegeben einen Geist der Liebe: der Hingabe, der Opferbereitschaft. Das Leben gewinnt, wenn wir es fließen lassen können und miteinander im Austausch der Herzensgedanken sind. Wir leben auf, wenn wir anderen zum Leben, zur Freiheit, zur Freude verhelfen dürfen. 

Gott hat uns gegeben einen Geist der Besonnenheit und der Vernunft. Wer etwas ändern will, braucht nicht nur ein heißes Herz, sondern auch einen klaren Verstand, braucht Einsicht, braucht auch Geduld und Beharrlichkeit. 

Ich möchte etwas von dem Geist und der geistigen Kraft und der Leidenschaft und der Gewaltlosigkeit dieses Mannes - wenn‘s drauf ankommt.