Mehr Sanftmut, bitte!

Advent 2014 in der Ev. Christuskirche

Jesu Einzug in Jerusalem (Matthäusevangelium. 21, 1-9)
Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

"Mehr Sanftmut bitte!", das denken und sagen sich die geschundenen Menschen, die einer Gewalt ausgesetzt sich, gegen die sie sich nicht wehren können.  Das kann militärische Gewalt sein, das kann psychische Gewalt sein, das kann die Gewalt eines Vorgesetzten sein, eines Amtsleiters, einer Lehrerin, von jemanden, der nicht hört und hinhört auf die Bedürfnisse des anderen und rücksichtslos gegen von ihm oder ihr Abhängigen entscheidet und dabei den anderen niederdrückt und krank macht.
Aber der Gewalttäter steht wohl selbst unter Druck, einem Erwartungsdruck, Erfolgsdruck oder dem Druck, einem bestimmten Bild von sich gerecht werden zu wollen. Gewalttätern fehlt leider Gelassenheit und Sanftmut.

Ich war am vergangenen Freitag in Berlin auf Geschäftsreise: beim sogenannten "Wirtschaftsgipfel", den die Süddeutsche Zeitung im Hotel Adlon über mehrere Tage hinweg veranstaltet hatte. Das Thema: Wirtschaft neu denken. Vorstandsvorsitzende großer Konzerne und Bundesminister hielten Referate und stellten sich den Fragen des Publikums: Unternehmern, Journalisten, Führungskräften.
Ein Panel, eine Einheit, beschäftigte sich mit der Frage: "Mensch statt Markt - brauchen wir ein neues ökonomisches Denken? Was können wir aus der Finanzkrise für unser ökonomisches Denken lernen? Haben wir zu lange an den perfekten Markt geglaubt? Handeln wir wirklich so rational, wie es Wirtschaftswissenschaftler immer behauptet haben? Wie sehen die neuen ökonomischen Leitbilder aus – und was bedeutet das für Wirtschaft und Unternehmer?"
Auf dem Podium der Vorstandvorsitzende der Aareal Bank Wolf Schumacher; der Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales Jörg Asmussen; der Präsident des Institutes für Weltwirtschaft an der Universität Kiel Dennis Snower und die geschäftsführende Direktorin des Max-Planck-Institutes für Kognitions- und Neurowissenschaften Tanja Singer. Um bei diesem Vortrag und Thema dabei zu sein und um Menschen kennenzulernen, die in ihrem Arbeitsbereich darüber nachdenken, bin ich nach Berlin gefahren und auch, um den einen oder anderen Gedanken meinerseits weiterzugeben. Mich beschäftigt das Thema seit vielen Jahren.
Die Herren und die Dame auf dem Podium waren sich einig, dass es den sogenannten 'homo oeconomicus' nicht gibt, der in den Betriebswirtschaftslehren als Modellgröße konstruiert wird. Der homo oeconomicus ist der rational handelnde Mensch, der sich immer nur so entscheidet, wie es ihm den größten finanziellen Gewinn verschafft.  Aber Menschen handeln nicht rational absolut egoistisch, sondern haben Gefühle, Gewissen, innere Wertsysteme, geben sich Aufgaben selbstlos hin, brauchen Lob und Anerkennung.
Ich hatte dann die Chance und Gelegenheit, etwas zu sagen und zu fragen: "Geht es hierbei nicht um Religion und die Frage, was der oberste Wert ist: die Rendite, das Wirtschaftswachstum, die Gewinnmaximierung? Oder ist der oberste Wert nicht, was die Religion lehrt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Gilt das nicht auch für das Leben im Unternehmen? Oder stört das Liebesgebot die anderen Ziele? Wir treffen unsere Entscheidungen immer auch aus einer gewissen Furcht: Furcht vor dem Vorgesetzten, der Mutter, der Nachbarschaft; Unternehmer fürchten sich vor den Finanzmärkten und Kapitalgebern. Würde eine Gottesfurcht nicht die Furcht vor den anderen Herren und Mächten relativieren? Wäre es nicht gut, dass wir uns bewusst machen, dass wir uns auch einmal vor Gott verantworten müssen, der doch will, dass wir dem Frieden dienen und wir einander gut tun?" So, so ähnlich, habe ich es gesagt, als das Publikum um Fragen und Meinungen gebeten wurde. Manchen klang der Beitrag bestimmt befremdlich: Liebe im Unternehmen? Die Referenten aber nahmen das Stichwort auf und bestätigten, wie gut Fairness und Anerkennung ist, wie nötig das jeder hat. Tanja Singer ist es lieber, wenn Menschen aus Fürsorge handeln. Würde jeder mehr aus solchen Antreiben handeln, wären die Menschen glücklicher, die Unternehmen hätten eine bessere Kultur und die ganze Weltwirtschaft wäre eine bessere.

Siehe, dein Vorgesetzter kommt zu dir und hat dir etwas zu sagen. 'Was will der denn schon wieder? Das hat nichts Gutes zu bedeuten: mehr Arbeit, höhere Leistung, mehr Effektivität, mehr Umsatz, unbezahlte Überstunden. Wenn der Chef kommt, dann sicher nicht, um zu loben', mögen sich Mitarbeiter sagen. 

"Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer", ist das Leitmotto zum Gottesdienst heute, am 1. Advent. "Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig" hören wir in der Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem.

In personengeführten Unternehmen kann der Eigentümer eher die Liebe leben lassen, möglich ist es überall: Respekt vor der Leistung des Mitarbeiters; Hilfe in persönlichen problematischen Lebensphasen; Fortbildungen, um die Begabungen des Mitarbeiters zu stärken und ausbilden zu lassen; Betriebsversammlungen, die dem Zusammenhalt dienen; ein Betriebsklima, das nicht vom Neid und der Missgunst lebt, sondern vom Miteinander und Füreinander; die Erkenntnis, dass Arbeit und Streben wichtig und wertvoll, aber doch nicht alles im Leben ist.

Noch ein paar Gedanken aus Gesprächen im Anschluss an diese Einheit: Der Leiter des Weltwirtschaftsinstitutes, dem ich zuvor ein paar Gedanken und Predigten zu diesem Thema von mir gemailt hatte und der diese inspirierend fand, meinte: "Wir sollten in Kontakt bleiben". Religion in der Wirtschaft. Welche Bedeutung kommt ihr zu? Welchen Einfluss hat sie?

Ich unterhielt mich später mit einem Unternehmensberater für Prozessoptimierung. Er hat mit einem Kunden einen Prozessplan entwickelt, den sie unter die Begriffe "Anmut und Demut" gestellt haben. Der Berater meinte, er wollte Abläufe so gestalten, dass sie die Menschen glücklicher mache. Ein Kollege von ihm erzählte von seinem Leitwort, das er auch in die Arbeit und die Beratertätigkeit mitnimmt: "Ich bekenne, ich habe gelebt", der Titel eines Buches von Pablo Neruda. Das Leben in seiner Vielfalt wahrzunehmen und so zu leben, dass man am Ende des Tages und am Ende des Lebens sagen kann: Ich bekenne, ich habe gelebt, wohl wissend, dass der Kapitalismus 'nicht nett' ist.

Liebe in der Wirtschaft? Klingt anfangs vermutlich fremd. Warum, weil die Wirtschaftswissenschaft vom homo oeconomicus redet, vom egoistischen Gewinnmaximierer und dieses reduzierte Menschenbild über Jahrzehnte Schülern und Studenten der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre als Modell weitergegeben wurde.  Aber so ist der Mensch nicht. Die größte Kraft ist die Liebe: Jeder will lieben und geliebt werden, will für andere da sein und will, dass ein anderer für ihn da ist.

Mehr Sanftmut bitte! Weniger, besser noch, keine Missachtung und Verachtung, sondern: Anerkennung, Demut, Sanftmut. Die Menschen jubeln Jesus zu, weil er das Wesentliche wiederbringt und lebt und einfordert: Sanftmut.