Die Bergpredigt - eine vernünftige, allgemeingültige Leitkultur

Das Wort „Leitkultur“ taucht immer wieder einmal auf und damit die Suche nach dem, was die Gesellschaft zusammenhält, worauf man miteinander verlässlich aufbaut. Die Besinnung auf die Bergpredigt im Matthäusevangelium (Mt 5-7) kann viel Gutes dazu beitragen; sie ist vernünftig und verständlich. Gehen wir hindurch.   

•    Wer tötet soll des Gerichts schuldig sein, ja, auch aber wer schon zu seinem Bruder sagt: du Nichtsnutz ist schuldig. Vertrage dich mit dem Gegner, solange du mit ihm auf dem Wege bist.
Wir erleben, wie unverantwortlich Stimmung aufgeheizt wurde und wird und mit Worten gezündelt und gespalten wird. Bitte versucht, eine freundliche Sprache zu bewahren, eine Sprache wieder einzuüben, die ohne Schimpfwörter auskommt. Bitte widersprecht, wenn schlecht über andere gesprochen, gar gehetzt wird. Fallt ins Wort, wo man ausfällig spricht.
Grundschulkinder sagen schon: Schlimme Wörter können mehr weh tun als Schläge.

•    Du sollst nicht ehebrechen. Ja. Aber schon wer eine Frau ansieht, sie zu begehren hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.
Pornographie ist heute überall, mitten in der Gesellschaft – in der Werbung, getauscht über Smartphones und vor allem millionenfach im Netz. Was hat das zu bedeuten? Wie hältst du’s damit?

•    Du sollst keinen falschen Eid schwören. Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein.
 Versprecht nicht mehr, als ihr halten könnt: ‚Ja, das geht, kann ich. Mach ich. Das bekommen wir schon hin. Nein, unmöglich. Das geht beim besten Willen nicht‘. Niemand kann alles. Ja. Nein. Ehrlich gemeint.  Dann ist auf Euer Wort Verlass und ihr wisst: auf das Wort des anderen kann ich mich verlassen. Es bräuchte weniger Gesetze, wenn Worte, auch die Werbeworte, das halten, was sie ver-sprechen. Welchen großen Schaden falsche und großspurige Zusagen anrichten können, erleben wir gerade.

•    Auge und Auge; Zahn um Zahn. Widerstrebt nicht dem Übel. Wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel.
Händeln bis zum „Geht-nicht-mehr“? Wann ist Schluss damit? Wenn beide vor lauter Streit-Lust sich das Leben verdrießen. Lasst auch wieder mal gut sein. Paulus rät: „Rächt euch nicht selbst meine Lieben, sondern gebt Raum den Zorn Gottes. Er wird vergelten“. Es gibt doch so etwas wie göttliche Gerechtigkeit.  

•    Den Feind hassen? Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen. Unrecht zu erleiden, erniedrigt zu werden, ausgeliefert zu sein, sind wohl die schlimmsten Erfahrungen: Hass ist die erste, verständliche Reaktion.
Im andauernden Hassen aber kann die Seele sich nicht erholen, nicht gesunden, können Feindschaften nicht überwunden werden.
Was wäre aus Deutschland nach dem Krieg geworden, wenn nicht Care-Pakete aus den USA auch an die einstigen Feinde geschickt worden wären. 1945 herrschte in Europa große Verzweiflung. Auch in Deutschland, dem Staat, der so viel Unheil über den Kontinent und die ganze Welt gebracht hatte.  Am 27. November 1945 gründeten 22 amerikanische Wohlfahrtsverbände die "Cooperative for American Remittances to Europe", kurz C.A.R.E. Ihr Ziel: Hilfe über ehemalige Feindeslinien hinweg, von Mensch zu Mensch, als ein Zeichen der Völkerverständigung und des Friedens. 100 Millionen Pakete wurden in ganz Europa verteilt. Fast zehn Millionen CARE-Pakete mit Lebensmitteln, Kleidung oder Werkzeugen erreichten allein Deutschland. Die Pakete im Wert von 15 US-Dollar ernährten eine Familie für einen Monat und retten damit buchstäblich Leben.
Was wäre aus Deutschland geworden, wenn der französische Präsident Charles de Gaulle, der im
Zweiten Weltkrieg den Widerstand des Freien Frankreich gegen die deutsche Besatzung anführte, nicht am 9. September 1962 im Ludwigsburger Schloss an die Jugend unter anderem folgende Worte in deutscher Sprache gerichtet hätte:
„Ich beglückwünsche Sie ferner, junge Deutsche zu sein, das heißt Kinder eines großen Volkes. Jawohl! eines großen Volkes, das manchmal im Laufe seiner Geschichte große Fehler begangen hat. Ein Volk, das aber auch der Welt geistige, wissenschaftliche, künstlerische, philosophische Wellen gespendet hat, das die Welt um unzählige Erzeugnisse seiner Erfindungskraft, seiner Technik und seiner Arbeit bereichert hat; ein Volk, das in seinem friedlichen Werk, wie auch in den Leiden des Krieges, wahre Schätze an Mut, Disziplin und Organisation entfaltet hat. Das französische Volk weiß es voll zu würdigen, weil es auch weiß, was es heißt, schaffensfreudig zu sein, zu geben und zu leiden…. Die Zukunft unserer beiden Länder, der Grundstein, auf dem die Einheit Europas errichtet werden kann und muss, und der höchste Trumpf für die Freiheit der Völker bleiben die gegenseitige Achtung, das Vertrauen und die Freundschaft zwischen dem französischen und dem deutschen Volk“.

•    Wenn du Almosen gibst, sollt du es nicht vor dir ausposaunen lassen. Dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
Gutes kommt im Leben irgendwie immer wieder zurück. Du brauchst dich nicht dafür loben lassen. Stiller Genuss an der Freude des anderen – was willst du mehr?

•    Wenn du betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der ins Verborgen sieht. Er weiß was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Geschieht Schlimmes und Fürchterliches, dann wird oft sofort und hektisch nach Fehlern, Schuldigen und Konsequenzen gerufen. Krisenbewältigung anders: Stille werden. Zur Ruhe kommen. In sich gehen. Aushalten. Vertrauen darauf, dass auch Gott sieht und hört, was los ist. Hören, was einem dann Herz und Verstand sagt.

•    Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo Diebe einbrechen und stehlen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit.
Gut zu sein ist doch gut genug. Gut zu arbeiten befriedigt doch. Ist aber die Zielvorgabe: noch besser, gar der Beste sein zu sollen, noch ein Rekordjahr hinzulegen, Exportweltmeister zu bleiben, Weltmarktführer zu werden, dann ist gut nicht mehr gut genug. Einfach nur gut zu sein, ist dann schlecht, weil Gier immer mehr will und nie zufrieden sein wird. Wann ist genug? Die Gier, der Mammon, kennt nicht „gut“, kennt nicht „genug“, genug für mich und für dich und für uns alle miteinander. Gutes und Gütiges schaffen, schafft Frieden und Zufriedenheit.   
   
•    Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge.
„Man muss manchmal die Wahrheit hören, weil man sonst in einer Welt lebt, die überhaupt nicht existiert. Wer nicht ehrlich zu sich selbst ist, der wird immer eine Lüge leben“ (Diane Keaton). Die Gegenstimmung zu permanentem Zorn auf andere und die alltägliche Empörung: „Nur für heute werde ich die größte Sorge für mein Auftreten pflegen: vornehm in meinen Verhalten; ich werde niemanden kritisieren, ja, ich werde nicht danach streben die anderen zu verbessern, nur mich selbst“. (Papst Johannes XXIII)

•    Bittet, so wird euch gegeben, suchet so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.
Bitte sagt nicht zu euch selbst oder zu anderen hoffnungslos: „Man kann doch nichts tun“, sondern fragt: „Was kann ich tun? Wer kann mir, wer kann uns weiterhelfen?“ Wenn ihr euch aufmacht, werdet ihr tausend und mehr Möglichkeiten finden. Eine Zweitklässlerin kam nach einem Anschlag auf die Idee, einen Brief an die Terroristen zu schreiben und sie zu bitten, damit aufzuhören. Warum nicht?

•    Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.
Leben und leben lassen. Wie ich mir, so ich dir.

•    Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwenig aber sind sie reißende Wölfe.
Wie unterscheiden sich verantwortliche Führer von unverantwortlichen Verführern? Wirklichkeit ist nie eindimensional. Um etwas zu verstehen, muss man die Sache von vielen Seiten betrachten, muss unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen hören und bedenken. Wer mit einfachen, eingängigen Antworten das Heil verspricht, da darf, da muss man vorsichtig sein und ganz genau hinhören und nachfragen. 
‚Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat Angst.
Aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel‘.  (Erich Fried)

Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen,
so ist zu Beginn der Bergpredigt zu hören.
Welch schönes Wort: Sanftmut - ein zärtliches Gemüt, vorsichtig und nachsichtig sein, sorgsam.
Sanftmut ist der Widerspruch zu hochmütig und übermütig. Sanftmütige sind nicht Drängler, Besserwisser, Grobiane. Schreit nicht mit, wenn die Vorlauten wieder schreien, seid besonnen und ruhig und achtsam in euren Gedanken und eurem Tun. Seid Salz der Erde. Seid Licht der Welt.

Predigt beim Gottesdienst auf dem Erlenbacher Weinfest am 20. August 2017