Predigt an Karfreitag, 18. April 2014, Christuskirche

Leidenschaft macht Schmerzen erträglicher

 Jesu Kreuzigung und Tod. (Lukasevangelium 23, 32-49:) Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.  Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.  Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.

Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?  Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei.  Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

„Ich kann eine Sache, die ich mit Passion betreibe, gar nicht ohne Schmerzen betreiben. Der Schmerz als Folge meines Tuns, das ich mit Leidenschaft mache, weil ich es gewollt habe, ist ein erträglicher. Er basiert auf meiner Grundhaltung: Das selbstbestimmte Leben ist mir heilig. Deshalb kann ich Leiden und Schmerz dabei nicht anderen anlasten.“  (Reinhold Messner)

Karfreitag. Es ist der mitfühlende Schmerz, der schmerzt, wenn wir sehen und hören wie Jesus von den müden Jüngern im Garten Getsemane alleine gelassen wird; wie er von Petrus verleugnet und von Judas verraten wird; wie die religiöse Obrigkeit ihn beleidigt und loswerden will; wie er der Gewalt der römischen Machthaber und ihrer brutalen, folternden Soldaten ausgeliefert ist. Aber Jesus hat gewusst, was auf ihn zukommt, nichts geschieht gänzlich unerwartet und willkürlich.

Gehen wir  die Passionsgeschichte Jesus mit dem Evangelienschreiber Lukas  durch:
 - „Die Hand meines Verräters ist mit mir am Tisch“, weiß Jesus beim letzten Abendmahl.
 - „Betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt“, sagt Jesus zu seinen müden Jüngern, bevor er in den Garten Getsemane geht; dort betet er: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“, als er mit der Todesangst ringt, weil er das Ende kommen sieht.
- „Ihr seid wie gegen einen Räuber mit Stangen und Schwertern ausgezogen. Ich bin täglich im Tempel gewesen und ihr habt nicht Hand an mich gelegt. Dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis“, so Jesus bei der Gefangennahme. Keine Ausreden, kein Davonlaufen. Der erwartete Zeitpunkt ist da.
- „Ehe der Hahn kräht, wirst du, Petrus, mich dreimal verleugnen“, Jesus weiß auch um dessen Kleinglauben.
 - „Bist du Gottes Sohn?“, fragt der Hohe Rat. Ohne Ausflüchte die klare Antwort: „Ihr sagt es, ich bin es.“
 - „Bist du der König der Juden?“, fragt der Statthalter des Kaisers Pilatus. Ohne Ausflüchte, die klare Antwort: „Du sagst es!“
 - Als Jesus zur Hinrichtung geführt wird: „Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondert weint über euch selbst und über eure Kinder“. Er braucht und will kein Mitleid, sondern bemitleidet die Mütter, deren Söhne und Männer noch abgeschlachtet, gekreuzigt, ausgehungert werden.
 - Und dann die Worte am Kreuz. Kein Gejammer, keine letzte Entschuldigung: Ich bin doch unschuldig, sondern der erkennende, fast schon gnädige Blick und die Fürbitte: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
- "Ich befehle meinen Geist in deine Hände.“

Jesus weiß, was auf ihn zukommt, weiß was ihn erwartet. Er will es so. Er muss es tun. Er geht seinen Weg. Er wird und muss viel Schmerzhaftes in diesen letzten Tagen und Stunden ertragen und aushalten.

 „Ich kann eine Sache, die ich mit Passion betreibe, gar nicht ohne Schmerzen betreiben. Der Schmerz als Folge meines Tuns, das ich mit Leidenschaft mache, weil ich es gewollt habe, ist ein erträglicher. Er basiert auf meiner Grundhaltung: Das selbstbestimmte Leben ist mir heilig. Deshalb kann ich Leiden und Schmerz dabei nicht anderen anlasten.“  

Jesus hat seinen Kopf hingehalten, wo er gefährdet war und hat die Gegenschläge ertragen, die ihm womöglich weniger weh getan haben als seiner Mutter und den Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren und das alles mitansehen mussten. Er hat seinen Kopf hingehalten, weil in ihm eine Passion, eine Leidenschaft lebte: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen, er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen und den Blinden, dass sie sehen sollen und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn“, so Jesus im Lukasevangelium zu Beginn seines Wirkens.  

Wer Befreiung und Heilung predigt, wer gegen Armut und Zerschlagung predigt, wer Menschenrechte fordert, kann und muss Gegenwehr erwarten, von denen, die wollen, dass die Welt so bleibt, wie sie ist.  Freiheit wird selten gewährt, meistens erstritten und erkämpft.

„Ich kann eine Sache, die ich mit Passion betreibe, gar nicht ohne Schmerzen betreiben. Der Schmerz als Folge meines Tuns, das ich mit Leidenschaft mache, weil ich es gewollt habe, ist ein erträglicher. Er basiert auf meiner Grundhaltung: Das selbstbestimmte Leben ist mir heilig. Deshalb kann ich Leiden und Schmerz dabei nicht anderen anlasten.“  

 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: „Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen“ und lobte Gott weil ihm einer gezeigt hat, dass die Angst vor Schmerzen überwunden werden kann und er so frei werden und sich frei machen kann? Oder weil er sieht, dass seine gnadenlose Härte und Gewalt letztlich doch nicht Jesu Willen brechen und den heiligen, leidenschaftlichen Geist bezwingen konnte? Was wird aus dem Hauptmann? Wird er diesen Eindruck zwar in seinen Erinnerungen weitertragen aber dennoch Hauptmann der Hinrichtungstruppe bleiben und weitermachen wie bisher? Oder wird der Hauptmann ins Grübeln kommen und das Gespräch mit den Jesus-Anhängern suchen und sich von dem frommen Menschen erzählen und bewegen lassen?

Vor zwei Wochen wurde Anja Niedringhaus, eine Kriegsfotografin, von einem afghanischen Polizisten erschossen - wohl aus Rache für einen Nato-Luftangriff auf sein Dorf.  Über sie sagt man: Sie sei nicht nur preisgekrönt als Fotografin von Kriegen, sondern auch für ihre „Botschaft der Menschlichkeit". Sie habe in ihren Bildern die „grauenvolle Fratze des Hasses und Krieges“ gezeigt, aber auch Mitleid, Mut und Hoffnung. Sie sei eine lebhafte, dynamische Journalistin, viel geliebt für ihre einfühlsamen Aufnahmen, ihr warmes Herz und ihre Lebensfreude. Sie habe immer einen Blick für die Gefahren ihrer Arbeit gehabt, sich aber dennoch verpflichtet gefühlt, Kriege ins Bewusstsein zu bringen: „Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt.“  

Ein paar Wochen vor ihrem Tod gab sie ein Interview:

Wie beeinflusst der Beruf Ihr Leben?

Ich gebe einen Großteil meines Privatlebens auf. Ich bin sechs, manchmal acht Monate im Jahr auf Reisen. Trotzdem muss ich nicht alle zehn Minuten jedem erzählen, was für ein toller Hecht ich bin. Vielleicht bin ich auch gar kein toller Hecht, sondern laufe vor irgendetwas weg. Kriegsfotografin zu sein ist mehr als ein Beruf, wenn man ihn so intensiv macht wie ich. Aber ich bin glücklich damit.

Hat Ihr Beruf Ihren Blick auf den Krieg verändert?

Ja, sehr. Wir glauben im Westen immer noch, dass man Frieden mit Militär und Waffen herstellen kann. Aber damit erreicht man nichts. Ich bin zur größten Pazifistin geworden, seit ich in diesen Gebieten arbeite. Mit Panzern löst man keine Probleme.

 Haben Sie noch Angst, wenn Sie in Krisenregionen fotografieren?

Für mich bleibt Gewalt unnormal - wenn ich den Krieg sehe, wenn Bomben hochgehen. Das ist gut so. Würde ich dieses Gefühl verlieren, dürfte ich nicht mehr arbeiten. Wenn man keine Angst hat, stimmt etwas nicht. Aber ich versuche, eine Balance zu finden, damit die Angst mich nicht lähmt. Denn der Mut, den ich bis dahin hatte, wäre dann umsonst gewesen. Ich hätte das Gefühl zu versagen, wenn ich keine Fotos machen würde.

 Haben Sie Angst vor dem Tod?

Der Tod holt mich ein, wenn gute Kollegen sterben. Dann frage ich mich, ob es das wert ist. Aber keiner der nahen Freunde, die ich verloren habe, würde sagen: 'Hör auf damit!' Keiner. Und keiner von denen hätte aufgehört. Solange ich nicht müde werde und das, was ich täglich sehe, nicht als normal empfinde, mache ich weiter.

 „Ich kann eine Sache, die ich mit Passion betreibe, gar nicht ohne Schmerzen betreiben. Der Schmerz als Folge meines Tuns, das ich mit Leidenschaft mache, weil ich es gewollt habe, ist ein erträglicher.“

 Karfreitag – ein Tag der Trauer, aber auch ein Tag, die Leidenschaft für Mitmenschen nicht der Angst vor Schmerzen zu opfern.