Predigt: Markus 11, 1-12
Jesu Einzug in Jerusalem
Und als sie in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage und Betanien an den Ölberg, sandte er zwei seiner Jünger und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sobald ihr hineinkommt, werdet ihr ein Füllen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat; bindet es los und führt es her! Und wenn jemand zu euch sagen wird: Warum tut ihr das?, so sprecht: Der Herr bedarf seiner, und er sendet es alsbald wieder her. Und sie gingen hin und fanden das Füllen angebunden an einer Tür draußen am Weg und banden's los. Und einige, die dort standen, sprachen zu ihnen: Was macht ihr da, dass ihr das Füllen losbindet? Sie sagten aber zu ihnen, wie ihnen Jesus geboten hatte, und die ließen's zu. Und sie führten das Füllen zu Jesus und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. Und viele breiteten ihre Kleider auf den Weg, andere aber grüne Zweige, die sie auf den Feldern abgehauen hatten. Und die vorangingen und die nachfolgten, schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna in der Höhe!


Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Gelobt sei das Reich  unseres Vaters David, das da kommt.
Endlich. Endlich wird es ein Ende mit der Korruption haben. Endlich wird es keine willkürlichen Verhaftungen und Hinrichtungen mehr geben. Endlich werden wir wieder über uns selbst bestimmen können. Endlich brechen wieder neue Zeiten an. Hilft doch. Hosianna. Die Erwartungen sind hoch.

Vor ein paar Tagen hat mich wieder einmal der Weltschmerz gepackt und Reportagen haben mich deprimiert:
In den sogenannten Steueroasen, in diesen Finanzdreckslöchern, lagert unendlich viel Kapital, vermutlich auch aus dreckigen Geschäften, Drogen- und Waffenhandel und andererseits leben Milliarden von Menschen in großer Armut und haben kaum etwas anderes im Sinn, als jeden Tag irgendwie zu überstehen. 

Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.

Krieg in Syrien. Das skrupellose Regime Assad, die seit Jahrzehnten Zehntausende, Hunderttausende Menschen sterben lassen, töten, um an der Macht zu bleiben, die Unruhe stiften in Nachbarländern. Auf der anderen Seite auch religiös-fundamentalistische Kämpfer, die noch brutaler zu sein scheinen. Geschichten und Bilder von Reportern. Da war der Tod der Kriegsfotografin Anja Niedringhaus. Sie hat sich trotz aller Gefahren verpflichtet gefühlt, Kriege ins Bewusstsein zu bringen:  "Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt."

Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.
Vor ein paar Tagen erzählten mir junge Leute, sie hätten kaum Zeit, einfach nur mal so in den Tag hineinzuleben, ständig Termine und Verpflichtungen. Ein Konfirmand nahm seine Schulsachen auf die Konfi-Freizeit mit und lernte am Samstag-Abend auf dem Zimmer. 

Ihr habt bestimmt auch eure Aufreger-Themen, meist kann man sich davon irgendwie distanzieren, aber manchmal fühlt man intensiver mit und leidet mit und in der Welt.

Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.

Ich erlebe auch Gottesdienste vor vielen leeren Bänken und frage mich, was ich ausrichten kann. Zu dem Weltschmerz gesellt sich Hilflosigkeit: Welche Bedeutung hat Religion? Bewirken die Kirchen etwas? Bewirken die Predigten etwas? Bewirkt der Kirchengemeinderat im Ort, die Kirchenleitung im Bundesland etwas, die Bischöfe in der Republik? Müsste die Kirche nicht mehr politischen Druck machen, schärfer predigen? Führte das zu mehr Gerechtigkeit oder nur zu mehr Bevormundung?

„Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herren! Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt“.  Das Volk ruft damit nach Veränderung, ruft nach Selbstbestimmung und Freiheit und Gerechtigkeit. Die Leute wollen sich nicht mehr von den Besatzern bevormunden und ausbeuten lassen, wollen nicht mehr – wie seit Jahrhunderten - für fremde Herren arbeiten, sondern Herr im eigenen Land sein.

„Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!

Und? Hat sich Jesus in die Politik eingemischt? Hat er die konkreten, harten Lebensbedingungen verbessern können, verbessern wollen? Oder ging es ihm nur um die weichen Themen: wie Heilung und Frieden mit Gott?

Gelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn.

Einmal kommt Jesus wieder auf die Erde, zumindest im Roman „Die Brüder Karamasov“ von Fjodor Dostojewski. Jesus kommt auf die Erde und trifft auf den Großinquisitor der Kirche, den obersten kirchlichen Polizisten und Richter. Und der Großinquisitor rät ihm, zu verschwinden, droht ihm gar an, ihn erneut zu kreuzigen. Denn die Kirche hat mit viel Mühe den Menschen ein Gebäude geschaffen, das ihnen Orientierung verschafft, denn der Mensch sei zur Freiheit unfähig. Er brauche Brot und etwas zum Anbeten und Führung. Mit der Freiheit sei er überfordert und gebe sie allzu gern wieder ab. Und der Großinquisitor wirft Jesus vor, dass er die Führung abgelehnt hatte. In der Wüste hätte er die Steine zu Brot verwandeln können und das Volk wäre ihm durch dieses Wunder gefolgt. Er hätte sich hinabstürzen und auffangen lassen können, um zu zeigen, dass er Gottes Sohn ist.
Das Volk hätte ihm geglaubt und ihm gehorcht und er hätte dann seine Weltvorstellung verwirklichen können, aber er hat die Rolle des Weltpolitikers nicht angenommen. „Hättest du die Welt und den Purpur des Kaisers angenommen, so hättest du ein Weltreich begründen und der ganzen Welt Ruhe bringen können. Denn wer anders sollte über die Menschen herrschen, wenn nicht die, in deren Händen ihr Gewissen und ihr Brot ist“.

Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.

Wenn er Politik gemacht hätte, Selbstbestimmung und Freiheit beim Statthalter Pontius Pilatus gefordert hätte, sie wären ihm gefolgt. Sie wären ihm gefolgt?
 
Soll man mit Jesus Politik machen? Kann man mit Jesus Politik machen? Politik in dem Sinne, die Welt immer wieder gerechter und friedlicher zu gestalten, in der alle möglichst frei und selbstbestimmt leben können? Ja, ich denke schon.

Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.

Nachdem Jesus in Jerusalem einzieht, geht er in den Tempel und stößt die Tische der Händler um, die den tausenden Tempelbesuchern und Pilgern für die Opferrituale Opfertiere und Opfergegenstände verkaufen und Geld in die Tempelwährung wechseln. Ein lauter Krach und ein Geschachere und Handeln und Händeln. Zu billig. Zu teuer.
Wo es geschäftig laut ist kommt die Seele nicht zur  Ruhe, kann nicht Stille werden, um auf Gott, auf die Stimme des Lebens hören zu können.

Der Prophet Micha: Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.
Der Prophet Hosea: Gott spricht: Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.
Der Prophet Amos: Auch wenn ihr mir Brandopfer und Speiseopfer opfert, so habe ich keinen Gefallen dran. Es ströme aber das Recht wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Was lehrt Jesus? Was ist christliche Grundhaltung?
Ein paar Gedanken, inspiriert vor allem aus der Bergpredigt:
1.    Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. – Lerne, auf Gewalt zu verzichten. Suche Frieden in dir. Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen. Überwinde das Böse mit Gutem.
2.    Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich. Wer sich für Frieden und Gerechtigkeit stark macht, muss Widerstand erwarten und ertragen.  
3.    Du sollst nicht töten. Schon wer aber sagt: Du Narr, der ist des höllischen Feuers schuldig. – Körperliche Gewalt wird mit Worten, mit Propaganda vorbereitet. Hüte dich vor Beleidigungen und  Herabwürdigungen anderer. Medien müssen die Worte, die sie weitergeben und verbreiten, wohl wählen und sind sehr wohl mitverantwortlich für Krieg und Frieden. 
4.    Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen - Versuche trotz allem, dich in die Gedanken und die Vorstellungen und die Ängste des Gegners und Widersachers zu versetzten und ihn zu verstehen, um nicht kopflos in eine Hassspirale zu geraten.
5.    Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, dann wird euch das zufallen, was ihr zum Leben braucht. – Eine Gesellschaft und eine Wirtschaftsideologie, deren einziges Ziel ist: Geld und Gewinn zu machen, zerstört sich selbst, macht kaputt, den Einzelnen und den Zusammenhalt. Kooperative Gesellschaften sind stärker und widerstandsfähiger als Ansammlungen von reinen Egoisten.
6.    Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr, den Balken in deinem Auge? Bewahre dich vor Selbstgerechtigkeit. Auch der andere kann im Recht sein. Höre zu, was der andere zu sagen hat, tue es nicht von vornherein ab, sondern sei bereit, dich überzeugen zu lassen.
7.    Bittet, so wird euch gegeben. Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan. – Wenn es nicht gleich in deinem Sinne vorwärts geht, dann bleib geduldig, bleib an deiner Sache dran. Es werden Türen aufgehen. Bitte und bete um die Kraft und Ausdauer.
8.    Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist. Religion und Politik sind Kräfte in der Welt. Beide haben ein Recht und beide müssen ihr Verhältnis zueinander immer wieder neu und wenn möglich friedlich finden. Ein „Gottesstaat“ deklassiert  Andersgläubige und Ungläubige, wird schwerlich die Gewissens- und Glaubensfreiheit gewährleisten. Ein willkürliches Staatswesen, das keine Kritik zulässt, sich nicht in Frage stellen lässt, wird zu einer Diktatur und die Bürger zu gehorsamen, rechtlosen Untertanen. Keine staatliche Autorität, keine Polizei, keine Aufsichtsbehörden führen ganz schnell in Anarchie und Plünderei und Mord und Totschlag. Religionen und Regierungen müssen aufeinander hören, um nicht der Willkür zu verfallen.
9.    Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun; so soll es nicht unter euch sein; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener – die Gemeinde als ein Gegenmodell, statt Herrscher einerseits und Sklaven andererseits, möge jeder auf das sehen, was dem anderen dient und nützlich ist.

Mit diesen Prinzipien lassen sich nicht schnell politische Veränderungen erzielen. Einstellungen und Haltungen ändern sich nur langsam und müssen wohl von klein auf gelehrt und eingeübt werden - und auch immer wieder angemahnt werden.
Das ist dann wohl auch die Aufgabe der Kirche: vor allem die politische Kultur, die Gesprächskultur zu pflegen die Werte zu hinterfragen, auf Grund derer debattiert und entschieden wird und - wo nötig in konkreten Situationen Stellung beziehen, nicht um ihrer selbst willen, sondern als Sprachrohr für die Sprachlosen.   

Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.

Jesus ist nicht der starke Mann, der Weltpolitiker, der mit einem Fingerschnippen die Welt gerechter macht, machen könnte. Irgendwie schade und irgendwie auch enttäuschend. Aber in der Politik gibt es wohl keine einfachen Lösungen, gibt es nicht ein einfaches Richtig und Falsch, auch wenn man sich das manchmal wünscht.
Wir werden immer auch mit Ungerechtigkeit leben, leben müssen. Das kann frustrieren, das kann in Wut und gar Hass übergehen. Das kann Motor für Veränderung sein, aber auch Energie für Zerstörung.

Die einen werden ihn – weil er auf die Schnelle nichts Konkretes gebracht hat - kreuzigen wollen, die anderen werden ihm – weil er ihnen viel gebracht hat -  nachfolgen.