Jahresende 2016 - Woran willst du dich erinnern?

Es soll aber geschehen zu dieser Zeit, spricht der HERR Zebaoth, dass ich das Joch auf deinem Nacken zerbrechen will und deine Bande zerreißen. Sie werden nicht mehr Fremden dienen,
sondern dem HERRN, ihrem Gott, und ihrem König David, den ich ihnen erwecken will.
Darum fürchte du dich nicht, mein Knecht Jakob, spricht der HERR, und entsetze dich nicht, Israel. Denn siehe, ich will dich erretten aus fernen Landen und deine Nachkommen aus dem Lande ihrer Gefangenschaft, dass Jakob zurückkehren soll und in Frieden und Sicherheit leben, und niemand soll ihn schrecken.
Denn ich bin bei dir, spricht der HERR, dass ich dir helfe. Denn ich will mit allen Völkern ein Ende machen, unter die ich dich zerstreut habe; aber mit dir will ich nicht ein Ende machen. Ich will dich mit Maßen züchtigen, doch ungestraft kann ich dich nicht lassen.
Denn so spricht der HERR: Dein Schaden ist verzweifelt böse, und deine Wunden sind unheilbar.
Deine Sache führt niemand; da ist keiner, der dich verbindet, es kann dich niemand heilen.
Alle deine Liebhaber vergessen dich, fragen nichts nach dir. Ich habe dich geschlagen wie einen Feind mit unbarmherziger Züchtigung um deiner großen Schuld und um deiner vielen Sünden willen.
Was schreist du über deinen Schaden und über dein verzweifelt böses Leiden? Habe ich dir doch solches getan um deiner großen Schuld und um deiner vielen Sünden willen.
Doch alle, die dich gefressen haben, sollen gefressen werden, und alle, die dich geängstigt haben, sollen alle gefangen weggeführt werden; und die dich beraubt haben, sollen beraubt werden, und alle, die dich geplündert haben, sollen geplündert werden.
Aber dich will ich wieder gesund machen und deine Wunden heilen, spricht der HERR, weil man dich nennt: »die Verstoßene« und: »Zion, nach der niemand fragt«.
Jer 30, 8-17

Solche Worte zum Jahresabschluss uns heute im liturgischen Kalender gegeben? Es ist die Rede von Vertreibung und Rückkehr, von Bedrückung und Befreiung, von Fremdbestimmung und Selbstbestimmung, von Hoffnung auf Freiheit und Sicherheit, von gemeinsamer Schuld und Neuanfang, von Gott, der mit einem und gegen die anderen ist.

In den Worten aus dem Jeremia-Buch klingt vieles an, was uns bewegt und bewegt hat.

Ich will dich erretten aus fernen Landen und deine Nachkommen aus dem Lande ihrer Gefangenschaft, dass Jakob zurückkehren soll.

Wenn’s einem irgendwo gut geht, dann bleibt man dort, in der Heimat, wo man sich kennt und versteht, miteinander Traditionen pflegt, Feste feiert, die Kinder gerne aufwachsen sieht. Aber viele haben sich aufgemacht, mussten woanders hin um sich und ihrer Familien zu retten, waren unzufrieden, ‘etwas Besseres als den Tod findest du überall‘, manche gelockt und verführt von falschen Versprechungen.
Manche sind hier angekommen und wurden aufgenommen und mitgenommen, betreut und begleitet. Wer wird für immer bleiben? Wer wieder gehen wollen, wenn sich in der alten Heimat eine halbwegs annehmbare Lebensperspektive ergibt?  Und so leben wir alle miteinander irgendwie im „Ungefähren“, misstrauisch und hoffnungsvoll, mal eher so, mal eher so. Wie geht unsere Geschichte weiter?

Du sollst in Frieden und Sicherheit leben und niemand soll dich schrecken.   

Frieden und Sicherheit sind Schlagworte und politische Programme scheinbar überall.  Es scheint so, dass gerade auch viele einander Feind sind und Feindbilder in sich tragen, innerhalb von Gesellschaften, aber auch Parteien, Kulturen, Religionen, Nationen und Großmächte gegeneinander.

Ich vermute, dass in jeder und jedem mehr oder minder starke Feindbilder leben und wirken. Zu Recht? Zu Unrecht? Es geht dabei aber um Menschen, Gruppen, Herrscher, Bündnisse, die wir nicht oder kaum kennen, über die viel berichtet, erzählt und gesprochen wird. Was ist tatsächliche, was gefühlte Wirklichkeit? Wer macht Stimmung? Und was treibt Personen tatsächlich an, wenn über „die da“ gesprochen wird? Es ist die Sorge, dass wenn die anderen zu mächtig werden könnten, das Leben schlechter, unfreier, werden könnte. Wenn über „die da“ geredet wird, ist es ein Hinweis auf fehlendes Vertrauen. Aber wie baut man Vertrauen auf? Das wird uns in dieser Welt noch lange beschäftigen.

Deine Sache führt niemand, da ist keiner, der dich verbindet, es kann dich niemand heilen.

Wir haben immer wieder Bilder von Menschen gesehen und von manchen auch persönlich gehört, die schutzlos ausgeliefert und ermordet waren, in bombardierten Stadtteilen und Dörfern, auf der Flucht über das Meer und durch die Wüste, an Grenzen aufgehalten, unerwünscht und sich selbst überlassen, verfolgt und in Gefängnisse gesteckt ohne hinreichende Anklagen und Beweise.   
Mitleid gehabt? Abgeschaltet, wenn’s zu viel wurde?
Gerade die Älteren und Alten erinnern sich an ihre Geschichte und können´s kaum ertragen.

Was schreist du über deinen Schaden und über dein verzweifelt böses Leiden. Habe ich doch solches getan um deiner großen Schuld und um deiner vielen Sünden willen?

Immer, wenn Schreckliches geschieht, wird nach Schuld und Schuldigen gesucht und gefragt; erst wenn Schuldige gefunden werden, kommt Zorn und Empörung ein wenig zur Ruhe.
In Wut, Angst und Trauer sind immer andere schuld. Doch alles, was geschieht hat eine Vor-Geschichte, geschieht nicht einfach so oder weil plötzlich jemand ‚böse‘ geworden ist.
„Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ „Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und nimmt nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ wird min den Evangelien gemahnt.  
In der Berichterstattung ist oft wenig oder gar keine Zeit, die Entwicklung eines Geschehens kritisch und vor allem selbstkritisch zu beleuchten. Wer will das auch sehen und hören? Besser man wird bestätigt in der Haltung: Wir sind die Besseren, die anderen sind die Schlechteren.
Wie gehen wir also um mit beunruhigenden Gedanken und Gefühlen?
Aus lauter Angst und Sorge sich mit allen Mitteln verteidigen oder sich in die Gemütslage des anderen zu begeben versuchen.

Aussenminister Frank-Walter Steinmeier hat in der Evangelischen Zeitschrift im November einen Aufsatz veröffentlicht:

„Für mich ist bis heute gültig, was Willy Brandt vor über 50 Jahren in der Evangelischen Akademie Tutzing zu Aufgabe und Sinn von Außenpolitik gesagt hat: ‚Außenpolitik ist der illusionslose Versuch zur friedlichen Lösung von Problemen‘. Darum geht es! Um nicht mehr und erst recht um nicht weniger!
Illusionslos an Lösungen zu arbeiten, das heißt für mich zweierlei: Erstens bedeutet es, nicht aufzugeben, gerade dann nicht, wenn eine Situation ausweglos zu sein scheint! Oft habe ich etwa während der jahrelangen Verhandlungen zum Atom-Abkommen mit dem Iran den Satz gehört: ‚Was kniet Ihr Euch da eigentlich so rein? Das bringt doch nichts.‘ Und manchmal konnte man sich diesem Eindruck nicht entziehen. Häufig genug ging es in den 10 Jahren nicht vorwärts, stockten die Verhandlungen, waren unterbrochen, sogar abgebrochen. Und dennoch haben wir immer wieder und am Ende erfolgreich einen neuen Anlauf unternommen, um die Gefahr einer atomaren Aufrüstung zu bannen.

Meine Lehre daraus und weit über den Atomkonflikt mit dem Iran hinaus: Aufgeben darf keine Option sein. Gerade dann nicht, wenn es schwierig wird. Sondern wir müssen dranbleiben und immer wieder aufs Neue ausloten, wie wir die Grenzen des Wünschbaren Schritt für Schritt in den Raum des Möglichen, des Machbaren verschieben können!

Der zweite Aspekt, um den es für mich bei dieser illusionslosen Arbeit an Lösungen geht, ist die Notwendigkeit, dass wir uns mit unserem Gegenüber auseinandersetzen. Dass wir versuchen, die Welt auch mit den Augen des anderen zu sehen und daraus bestmöglich einen gemeinsamen Blick entwickeln.
Ich bin überzeugt: Nur wenn wir die kulturellen, historischen und politischen Erfahrungen kennen, die das Denken und Handeln unserer Partner prägen, die Träume und die Traumata anderer Gesellschaften, nur wenn wir diese zu verstehen suchen, nur dann werden wir in der Lage sein, gemeinsame Lösungen für die Probleme unserer Zeit zu finden.  
Und dieser Gedanke ist entscheidend für unsere Politik. Denn – ob mit Blick auf Russland, auf die Türkei, oder aber auch auf unsere Partner innerhalb der Europäischen Union – es darf als Erfahrungssatz der Diplomatie gelten, dass es unklug und gefährlich ist, das eigene außenpolitische Handeln zu bestimmen, ohne die Beweggründe und Wahrnehmung des Gegenübers zu kennen.
In aller Bescheidenheit: Ich glaube, die Tatsache, dass Deutschland derzeit weltweit einen guten Ruf als Vermittler in vielen Konflikten hat, liegt nicht zuletzt an genau dieser Bereitschaft zu verstehen. Und das Wissen darum, dass Verstehen die Voraussetzung jeder Verständigung ist“.

Verstehen statt nur Schuldige suchen wollen bewahrt vor innerer emotionaler Raserei.
Der junge Mann, der mit dem Laster in eine Menschenmenge gefahren ist. Wer war schuld? Im juristischen Sinne: Er. Nur er? Er allein? Die alten Eltern, die den Jüngsten mehr verzogen als erzogen haben? Zu milde Richter, die die anfänglichen kleineren Delikte nicht hart genug bestraft haben? Zu viel Testosteron im Blut? Ein im Hirn nicht ausgebildeter Bereich für Empfinden und Mitleid? Ein algerischer Staat, mit vielen religiösen, wirtschaftlichen Spannungen und extrem hoher Jugendarbeitslosigkeit? Die einstige französische Kolonialmacht, die das Land beherrscht, die Einwohner zu Menschen zweiter Klasse gemacht und massakriert hatte? Die Missionare und Prediger, die dem Mann ein geistiges Gerüst gaben und ihn verführten? Die Sicherheitsbehörden hierzulande, die ihn falsch eingeschätzt haben? Die Ausländerpolitik des Landes Nordrhein-Westfalen? Die Willkommenskultur in Deutschland? Eine islamfeindliche Grundstimmung und Mangel an religiös-kultureller Bildung und Toleranz?
Was ich damit beispielhaft sagen will: Schuld ist nicht so einfach auszumachen.  Schuldigsprechen darf nicht davon ablenken, trotz allem auch verstehen zu wollen. Verständigung braucht geduldiges Verstehen wollen.

Das gilt im großen Gesellschaftspolitischen wie im unmittelbaren persönlich Privaten, wenn wir in diesen Stunden Rückblick halten auf das Geschehene und Gewordene im Leben und so manche Beziehung bedenken.

Doch alle, die dich gefressen haben, sollen gefressen werden, und alle, die dich geängstigt haben, sollen alle gefangen weggeführt werden; und die dich beraubt haben, sollen beraubt werden, und alle, die dich geplündert haben, sollen geplündert werden. „Ich bin mit dir, spricht der Herr, dass ich dir helfe. Denn ich will mit allen Völkern ein Ende machen, unter die ich die ich zerstreut habe, aber mit dir will ich nicht ein Ende machen“.

Vergeltung mag allzumenschlich sein. Aber wenn es in einer Art heiligem, gerechtfertigtem Zorn ausgerufen wird, dann kehrt nicht Ruhe und Frieden ein, sondern das wilde Treiben geht weiter - nur mit anderen Tätern und anderen Opfern.   

In der Bergpredigt lesen und hören wir aber: "Ihr habt gehört, das gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte". Es wäre eine Aufgabe der Kirchen, der Religionen, diesen Gedanken einzuüben. Nur wie?

Das Jahr geht zu Ende. "Woran wirst du dich erinnern? Woran willst du dich erinnern? Und dann schaust du zurück, zurück auf das was wirklich bleibt."

Bei allem, was geschehen ist, im persönlichen und im politischen Leben, liegt es an uns, es liegt auch an Dir, was Du davon mitnehmen willst in das neue Jahr und was du am liebsten zurücklassen willst im alten, im vergangenen Jahr. Welche Erlebnisse und Begegnungen waren dir wertvoll über den Tag und die Zeit hinaus?  
Und welche möchtest du lieber vergessen, sein lassen, hinter dir liegen lassen?
Diese abwägenden Entscheidungen triffst Du allein.
Ein Schmerz, eine persönliche Last kann die Freude von Freunden um dich herum trüben.
Ein geglücktes Gelingen kann für dich viel bedeutsamer sein alles andere schlimme Geschehen in der Welt.

Was hält am Leben?  Ganz bestimmt nicht der ständige Blick auf das, was misslungen, sondern was trotz allem gelungen und gut geworden ist. Was hält am Leben? Nicht der Blick auf Angst und Sorge, was passieren kann, sondern das Vertrauen in eigenen Kräfte und Vertrauen auf die Hilfsbereitschaft von Menschen in deiner Nähe, in Verwaltungen, in Krankenhäusern und Unternehmen, in die vielen, vielen Dienstleister und in eine Gemeinschaft und Gemeinde deines Vertrauens. "Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und er da sucht, der findet, und wer da anklopft, dem wird aufgetan", hören iwe in der Bergpredigt.  

Was hält am Leben? Das Gefühl, die Gewissheit, das Vertrauen, das doch viele, viele Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft in sich tragen, in sich tragen wollen: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.