Himmelfahrt 2016 auf dem Scheuerberg – Heiliger Geist zwischen Konzernzentralen und Kirchtürmen

Ihnen zeigte Jesus sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes. Und als er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, die ihr, so sprach er, von mir gehört habt; ... aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde. Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.
(Apostelgeschichte 1, 3.4.8-11)

40 Jahre ziehen die Israeliten durch die Wüste, um durchzukommen, um sich zu bewähren, um das Alte hinter sich zu lassen und zu verarbeiten auf dem Weg aus der Abhängigkeit in die Selbstständigkeit und Freiheit.

40 Tage fastet Jesus und ringt mit dem Teufel in der Wüste. Wie sich in den Anfechtungen und Verlockungen als Sohn Gottes bewähren?

40 Tage redet der Auferstandene mit den Jüngern vom Reich Gottes, also davon, wie Gott in der Welt herrschen oder dienen würde: ‚Ich hab‘s euch zu Lebezeiten gesagt und vorgelebt, nun seid ihr dran‘.

"Heiliger Geist zwischen Konzernzentralen und Kirchtürmen", so habe ich den Gottesdienst in Erlenbach angekündigt. Wir sehen vom Scheuerberg hinunter.  Äußerlich sehen wir alle das Gleiche. Wir sehen Bäume und den Neckar, wir sehen Wohnhäuser und Werkhallen, Straßen und Wege. Wir sehen Sport- und Spielplätze. Wir sehen die Gebäude von Weltfirmen und Konzernzentralen - reich und mächtig. Wir sehen Weinberge und Ackerflächen. Wir sehen ein paar Kirchtürme, die in den Himmel zeigen. Ihr arbeitet und wirkt dort unten und besinnt Euch nun hier oben.

Ich sehe gerade eher mit Sorge in die Welt.

Hasserfüllte Parolen. Einer der freundlichsten und warmherzigsten Menschen, den ich kenne, mit dunkler Haut, erzählte mir vor Kurzem, wie an einem Tag, erst eine Frau dann wenig später ein Mann mit dem Auto neben ihn fahren, die Fensterscheibe runterkurbeln und ihn unvermittelt anbrüllen: „Hey, du Arschloch, wir brauchen dich nicht, hau ab, geh zurück, wo du her gekommen bist“. Solch eine offene Aggression hatte er bisher noch nie erlebt. Hässlich und hasserfüllt wurde und wird wieder geredet. Manche sind über Freunde und Nachbarn erschrocken.

Eine Religion wird verunglimpft, gehört nicht hierher: ‚Muslime, na ja, schon, aber nicht der Islam‘. Mir kommt ein Gedicht in den Sinn: "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

 Matthäus blickt in seinem Evangelium in den Himmel, sieht Jesus wiederkommen: “Wenn der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander unterscheiden:

Ich bin durstig gewesen - ihr habt mich aufgenommen, ihr anderen nicht.

Ich bin hungrig gewesen - ihr habt mir zu trinken gegeben, ihr anderen nicht.

Ich bin ein Fremder gewesen - ihr habt mich aufgenommen, ihr anderen nicht.

Ich bin krank gewesen - ihr habt mich besucht, ihr anderen nicht.

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan, ihr aber nicht“. (Matthäusevangelium Kap 25)

Wenn ich vom Berg aus nach unten blicke und hinhöre, höre ich, wie vieles immer mehr nur noch mit Kennziffern beurteilt wird: Renditesteigerung und Gewinnmaximierung und immer neue Erfolgs- und Rekordzahlen für die einen und die anderen bekommen einen Mindestlohn, kärglich, befristet.

Ja, es bilden sich Ghettos: Die exorbitant viel haben bleiben unter sich mit ihren Regeln und Gesetzen und die anderen zunehmend auch. Gefährlich, wenn man sich aus dem Wege geht, sich nicht mehr kennt, über einander lästert, versucht sich abzugrenzen, sich nicht mehr verantwortlich fühlt für den Zusammenhalt. 

Zur Zeit Jesu mochten Juden die Samaritaner nicht, sie hatten den falschen Glauben. Lukas erzählt, wie Jesus auf die Frage `Wer ist mein Nächster, den ich lieben soll wie mich selbst‘ eine Geschichte erzählt: Ein Verletzter liegt da. Ein scheinbar rechtgläubiger Priester kommt vorbei und lässt ihn liegen, ein Tempeldiener kommt vorbei und lässt ihn auch liegen, ein ‚falschgläubiger‘ Samaritaner kommt vorbei und hat Mitleid, ist mitmenschlich, versorgt ihn und bringt ihn in Sicherheit. Wer war dem Verletzten der Nächste? Der Falschgläubige, der von den anderen verachtete Samaritaner. Nimm ihn als Vorbild. Er macht nicht viel Aufsehens.

Medien verleiten heute dazu, auffallen zu müssen, um etwas zu sein, um wer zu sein und wert zu sein.  Was nottut ist unmittelbare Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit, die wichtiger ist als die Erfüllung einer willkürlichen Kennziffer. Oder?  

Und was ich auch sehe sind Kirchtürme, die in den Himmel zeigen; aus dem Himmel kommen die wertvollen Gedanken und Worte für diese, unsere Welt dort unten.  

Ich sehe, wieviel menschliche Energie und wieviel unvorstellbares Kapital in die Entwicklung und Produktion in verletzende, todbringende, zerstörerische Waffen gesteckt wird, wieviel Propaganda betrieben wird, um einen fürchterlichen Feind zu kreieren, bis dass viele endlich meinen, nur dessen Vernichtung brächte wieder Frieden und Sicherheit, Freiheit oder Demokratie, Heil auf Erden oder was weiß ich.

Das kann doch nicht die Logik in Gottes Reich sein?  In der Heiligen Schrift lesen wir: „Ist möglich, so viel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes. Die Rache ist mein, spricht der Herr, ich will vergelten. Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen, dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“. (Römerbrief Kap. 12)

 

Hat man schon mal ernsthaft mit dem gleichen Aufwand wie den Rüstungswahnsinn versucht, dieses Strategie zu lehren? Verrückt? Da wandelt einer mit den Füßen im Himmel!

 „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.“  Ja? Werden wir das? Ich glaube, dieser Heilige Geist hat etwas Berauschendes. Aber ich glaube, dieser Geist hat viel mit  Furcht und Mut zu tun. Der Heilige Geist braucht auch Gemeinschaft, Gleichgesinnte, Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, die pendeln zwischen den Welten, zwischen dem Himmel und der Erde: „Einsam bist du klein, aber gemeinsam werden wir Anwalt des Lebendigen sein“, heißt es in einem Lied.         

Zwei Geschichten, die mir dazu in den Sinn kommen.

Die erste Geschichte hat mit dem Mut zu tun: Bei einer Studienfahrt mit dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, begegneten wir dem mächtigen Vorstandsvorsitzenden von Jenoptik und wir trafen eine schüchterne Mitarbeiterin bei Jenoptik, die für die Gewerkschaft im Aufsichtsrat sitzt und sich auch engagiert in dem Kreis „Jena entrüstet sich“, die die Rüstungsgeschäfte ihrer Firma infrage stellt. Manchmal verschlägt es der Frau die Stimme, weil sie sich nicht für schlagfertig genug hält. Die Mitglieder des Kreises begeben sich in die Spannung und bekennen: „Wir sind uns der ökonomischen Zwänge bewusst, in denen sich diejenigen sehen, die im Rüstungsbereich arbeiten und forschen. Trotzdem können und wollen wir nicht die Augen davor verschließen, dass Menschen in anderen Regionen der Welt mit den hier hergestellten Produkten getötet, dass Ausbeutung und Herrschaft abgesichert werden“.  Sie stellen die Füße, die auf Erden gehen, auch in den Himmel und stehen Kopf, sehen dann wie verrückt die Welt oft ist, wie sie Kopf steht.

Der Heilige Geist hat etwas Berauschendes, wenn jeder in seiner Sprache spricht und es doch einen verbindenden Sinn, einen verbindenden Gemeinschaftssinn gibt.

Die zweite Geschichte: Die Konfirmation hatte den Titel: Der Mensch lebt nicht von Pizza allein. Es war der Wunsch, am Ende des Gottesdienstes jedem ein Stück Pizzabrot zu geben. Ein paar Tage zuvor war ich in der Gemeinschaftsunterkunft der Flüchtlinge, unserer neuen Mitbürger. In der Küche  bekam ich ein Stück warmes Brot direkt von der Pfanne weg angeboten. Ein Geschenk des Himmels. Ich fragte, ob sie nicht 300 Stück Brot machen und bei der Konfirmation verteilen könnten. „Ja, machen wir? Ist Kopftuch ein Problem?“ „Nein“. Sie kamen dann in die Kirche und teilten die Brotstücke aus. Als die Konfirmation zu Ende war, fragten die zehn jungen Männer, Frauen und Kinder, ob sie noch Kerzen anzünden dürften für ihre vermissten Angehörigen, die zu Hause oder auf der Flucht gestorben sind. Sie hatten Teelichter mitgebracht. Ich stellte eine Kerze auf den Altar, sprach ein paar Worte auf Englisch, die einer ins Arabische übersetzte. Ich spielte ein syrisches Lied der orthodoxen Kirche auf der Mundharmonika „Moran etherai hamalain. Herr, erbarme dich.“ Kirchengemeinderäte standen auch mit ihnen im Halbkreis vor dem Altar. Wir fassten uns an den Händen und  sagen „Amen“, verständlich für alle. Ich segnete sie auf Englisch: "Gott, der Schöpfer dieser einen Welt, segne euch und gebe euch Frieden. Gott will nicht Krieg, sondern Freundschaft und gute Beziehungen der Menschen untereinander“.

Ein besonderer, unvergesslicher Moment, als ein Lied wahr wird: „Komm heilger Geist, mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft. Schenke uns von deiner Liebe, die vertraut und die vergibt, alle sprechen eine Sprache, wenn ein Mensch den andern liebt“.