Friedensjagd statt Vergeltungsdrang

Predigt am 21. September 2014

 

Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt. Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun. (1. Thessalonicher 5, 14-24)

Schöne Worte des Friedens.Schöne Worte, die helfen sollen, Böses zum Guten hin zu verwandeln. Schöne Worte, die das Gemüt lenken hin zu Lebensfreude und Dankbarkeit. Schöne Worte, die geschrieben sind in der Erwartung, Jesus würde bald wieder kommen und dann möge er seine Leute vorfinden, wie sie untereinander und gegenüber jedermann am Frieden und der Freude in der Welt mitwirken - mit wachem, kritischem Verstand.  

 Die Stimmungslage ist derzeit angespannt. Viel ist vom Krieg die Rede. Deutschland ist drittgrößter Waffenexporteur, liefert Waffen in das Krisengebiet im Nordsyrien und den Nordirak für den Kampf gegen den „Islamischen Staat“, gegen Terrorismus.  Kriege muss man legitimieren – mit dem Kampf gegen das Böse und das Unheil.

Wir haben uns seit Jahren daran gewöhnt, Bilder von Drohnen gezeigt zu bekommen, wie mit gezielten Raketenbeschüssen der Amerikaner und Israelis, Wagen und Häuser gesprengt werden, Übeltäter eliminiert, getötet, ermordet werden. Und wir sehen Bilder der Kämpfer des Islamischen Staates, wie sie die abknallen und hinrichten, die ihnen nicht gefallen.

Thomas Galli ist Kriminologe und Psychologe. Er leitet eine Justizvollzugsanstalt in Sachsen. Und er hat kürzlich einen Aufsatz  (Süddeutsche Zeitung vom 18. September 2014) geschrieben: „Der Krieger in uns. Die Europäer sind entsetzt über die Hinrichtungen der IS. Doch die Gefahr ist ihnen näher als sie denken.“ Nun Auszüge seines Aufsatzes:  

„Vor laufender Kamera ermorden IS-Terroristen einen amerikanischen Journalisten, einen britischen Entwicklungshelfer. Natürlich löst das bei den meisten Menschen Abscheu, Grauen und Empörung aus. Wie soll man auf solche furchtbaren Gewalttaten reagieren? Was sind das für Menschen, die so etwas tun? Bevor man diese Fragen beantwortet, sollte man sich erst einmal selber hinterfragen. Vielleicht ist diese Gewalt weniger weit von uns entfernt, als wir glauben.

Seien wir ehrlich: Wer hätte nicht Lust, diesen IS-Mörder  zu töten, der da Unschuldige enthauptet und dann das Video von seiner Tat ins Netz stellt? Wer wäre, wenn er es schon nicht selbst tun wollte, nicht der Meinung, die Tötung solcher Menschen sei gerechtfertigt, vielleicht sogar geboten? Die Evolution hat uns mit der Fähigkeit ausgestattet, Gewalt auszuüben. Sie hat uns sogar die Lust an der Gewalt gegeben. Ohne diese Lust hätte der Urmensch die Gefahren von Jagd und Kampf nicht auf sich genommen. Die Zivilisation hat es mit sich gebracht, dass wir heute nicht mehr selbstverständlich Gewalt, gar tödliche Gewalt befürworten. Und zu Recht empfinden wir die IS-Morde als Zivilisationsbruch. Doch ist uns die Gewalt, der Impuls zu Rache und Vergeltung, wirklich so fern?

Umfragen in den Vereinigten Staaten zufolge hält ein Viertel der Amerikaner „Bomben und andere Angriffe, die absichtlich auf Zivilisten zielen, oft oder manchmal für gerechtfertigt“. In Deutschland dürften die Werte niedriger sein – doch die Vorstellung, dass zur Verteidigung unserer Werte auch eine gewisse Brutalität nötig sein könnte, ist auch hierzulande nicht fremd. Genau so aber denken, fühlen und handeln auch die IS-Krieger: Es ist – für eine gute Sache – in bestimmten Fällen erlaubt, ja geboten, wehrlose Menschen umzubringen. …..

Die Behandlung der Geisel durch die IS-Kämpfer erinnert nicht von ungefähr an die von Gefangenen auf Guantanamo durch den Rechtsstaat USA mit Friedensnobelpreisträger Obama an der Spitze, der aktuell als Strategie gegen den IS-Terror vor allem eine Ausweitung der Bombardierungen verkündet hat.

Was also eint – bei allen Unterschieden das Töten des IS und das Töten des Westens? Hier wie dort werden diese Tötungen im öffentlichen Diskurs instrumentalisiert. Sie gilt als sozial notwendig, zum Beispiel zur Bekämpfung von Terror und Kriminalität, zur Abschreckung eines inneren oder äußeren Feindes. Oder ihr wird ein transzendentaler Sinn zugesprochen: Die Tötung des Ungläubigen ist göttlich geboten, die des Verbrechers in der Vergeltung von Schuld begründet. Der Gewaltakt soll die Welt wieder zurechtrücken. So völlig anders wie der Westen sind die IS-Kämpfer in dieser Hinsicht nicht, auch wenn wir das ungern wahrhaben wollen.

Die öffentlich inszenierte Gewalt bewirkt großes Leid – und sie wirkt zerstörerisch. Die Todesstrafe hat abschreckende Wirkung auf mögliche Gewalttäter. Die Hemmung zu töten, nimmt eher ab, wenn sich sogar der Staat das Recht zur Tötung wider Willen herausnimmt.

Und auch der „Krieg gegen den Terror“, der mit Bomben und Drohnen auch Unschuldige tötet, bringt zusätzliche Spannungen und Konflikte, statt sie zu lösen. Und auch die Brutalität der IS ist weniger Machtstrategie als vielmehr irrationaler Todeskult: Mit den öffentlichen Enthauptungen haben sie nun eine breite Front gegen sich mobilisiert – der Kalifatstaat wird scheitern. …

Zur unmittelbaren Abwehr tödlicher Bedrohungen ist jede notwendige Gewaltausübung vernünftig. Wer aber fordert, Terroristen zur Vergeltung oder zur Abschreckung zu töten, muss sich bewusst machen, dass er damit genauso argumentiert und handelt, wie die Terroristen selbst. Er muss wissen, dass er damit Gewalt nicht verringert, sondern fördert, dass er das Erreichte unserer Zivilisation gefährdet – und diese Zivilisation gerade für die unattraktiv macht, die er gewinnen will…..

Demokratische Strukturen müssen langfristig unterstützt werden, damit die Mehrheit auch in anderen Ländern zu ihrem Recht kommt. Da der weltweite Zusammenhang von Armut und Gewalt eindeutig ist, müssten wir dafür von unserem Reichtum abgeben, auch indem wir Flüchtlinge aus Krisenregionen besser unterstützen. ….

Die IS-Krieger können wir langfristig nur besiegen, wenn wir den Krieger in uns im Zaum halten, und ihm einen Samariter zur Seite stellen“.

Soweit Gedanken des Kriminologen und Psychologen Galli.

Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann.

Es wird immer gesagt: Krieg sollte das allerletzte Mittel sein. Vorher müssten alle anderen Möglichkeiten bedacht werden. Aber das macht man nicht!

Statt Bomben vom Himmel fallen zu lassen, könnte man doch auch das Geld, das solch eine Bombe kostet, vom Himmel regnen lassen, verbunden mit ernstgemeinten Reise- und Erholungsgutscheinen für die Kämpfer. Hat man es schon einmal ausprobiert oder öffentlich diskutiert? Es würde vielleicht unserem Gerechtigkeitsempfinden und dem Bedürfnis nach Strafe, Sühne und Vergeltung widersprechen, aber möglicherweise dem Frieden dienen.

Oder man könnte jedem Kämpfer den doppelten Sold zahlen, mit dem er seine Familie versorgen kann, dafür, statt dass er Menschen in die Flucht schlägt, Zelte für Flüchtlinge aufbaut, verbunden mit einer Ausbildung als Zeltmacher, Brunnenbohrer, Katastrophenmanager. Hat man es schon einmal ausprobiert oder öffentlich diskutiert?

Überlegt man wirklich ausgiebig, phanstasievoll und lange: Was brauchen die Kämpfer tatsächlich, damit sie ablassen von der Gewalt, damit sie wieder inneren Frieden finden. Nein, das macht man nicht!

Krieg ist nicht das letzte Mittel, sondern eines, das ziemlich schnell in Erwägung gezogen wird, weil es über Jahrhunderte geübt wurde, das Bedürfnis nach Vergeltung befriedigt und der Rüstungsindustrie gute Gewinne beschert.     

Man muss, du musst, ich will Redner, die die Notwendigkeit eines Angriffs propagieren, dazu nötigen, mindestens genau solange in ihren Reden über das eigene Versagen und den eigenen Anteil am Konflikt zu sprechen.    

Die Religionen, die Religionsvertreter müssten ihre Gewaltgeschichte aufarbeiten, bedenken, wo sie Argumente und Gründe für Kriege geliefert haben, wo sie Kriegstreibern nicht laut genug widersprochen haben.

Ein konkreter Beitrag in dieser angespannten Stimmungslage, wo Muslime vor zwei Tagen wegen der latenten Feindseligkeit einen groß angelegten Aktionstag gegen Extremismus und Gewalt organisiert haben: Am 11. Oktober möchte ich mit Gemeindegliedern aus der Kirche und Gemeindegliedern einer Moschee und dem dortigen Imam paddeln gehen - so ist es ausgemacht. Das Motto und die Namen unserer Boote lauten: Miteinander glücklich sein macht gemeinsam stark. Und ich hoffe, dass es dann fröhlich und heiter zugeht und wir uns mit Geduld besser verstehen lernen und diese Stimmung in die Gemeinden weiterwirkt.

Und wenn dann Jesus doch irgendwann einmal vor der Tür steht und fragt, was habt ihr für den Frieden getan, wir gute Geschichten erzählen und Bilder zeigen können, wie sich unterschiedliche Menschen miteinander freuen.    

Hört die Worte des Paulus auch ganz unmittelbar an euch. Ihr spürt beim Hören, wo sie euch treffen:

Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann.  Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt. Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun.