Ein Gott und Vater aller - Paddeln mit Muslimen

Christuskriche Erlenbach, 12. Oktober 2014

Brief an die Epheser: 4, 1-6 Die Einheit im Geist und die Vielfalt der Gaben:
So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

1.Teil. Es ist Freitag Nachmittag. Morgen will ich mit Muslimen aus einer Heilbronner Moschee paddeln gehen.  So hatte ich es mit Jamal ausgemacht, den ich bei einem Besuch dort kennengelernt hatte. Ich war in der Moschee, weil dorthin Abderrahim Zouzou geht, der mit der Kirchengemeinderätin Maren Zouzou verheiratet ist. Ich hatte die beiden vor vier Jahren in der Christuskirche getraut. Ein Imam war auch dabei. Abdo unterrichtet in der Moschee arabisch; und so besuchte ich sie einmal unangemeldet, auf dem Nachhauseweg von Heilbronn: „Guten Tag. Ich bin Jürgen Stauffert, evangelischer Pfarrer in Erlenbach und Islambeauftragter. Darf ich sie besuchen?“
Ich konnte beim Freitagsgebet und der Predigt dabei sein. Ich unterhielt mich stundenlang mit Gemeindegliedern. Mit Jamal tauschte ich Telefonnummern aus. Wir trafen uns. Vereinbarten eine Paddeltour am 11. Oktober. „12 von euch und 12 von uns.“ „Aber bitte nur Männer.“ Von uns werden wohl nur wenige dabei sein. Viele haben Termin, wünschen aber viel Spaß. „Gute Idee!“
Der Scheich will auch mit, deren Imam, Hodscha. Er studierte den Islam in Saudi-Arabien. Sein Vater stammt von dort, seine Mutter ist aus Deutschland, Katholikin.
In mir kreisen Gedanken und Schlagwörter und Bilder durch den Kopf:
•    Der Islamische Staat und die zur Schau gestellte Brutalität im Namen des Islam. Ich lese im Koran immer wieder vom Kampf gegen die Ungläubigen. Ist so brutal wie die Kämpfer des IS auch der Islam, der Islam in Deutschland?
•    „Der Islam gehört zu Deutschland“, sagte der Ex-Präsident Christian Wulff. Mit welchen Konsequenzen? Religion und Staat stehen immer in Spannung. Jesus: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.
•    Vor zwei Wochen habe ich dem Bundespräsidenten einen Brief geschrieben: „‘Ungläubige‘ kämpfen gegen ‚Ungläubige‘ und ‚Gläubige‘ gegen ‚Gläubige‘. Der IS kämpft im Namen Allahs, der Westen kämpft im Namen der Menschenrechte und der Freiheit; unterschwellig geht es auch um die Verteidigung des Christentums. Wer später militärisch siegen wird, wird dann auch triumphieren, dass sein Wertesystem und sein Gott der stärkere ist. So machen’s die Menschen seit Jahrtausenden. Keine Frage: die Opfer müssen vor den Schlächtern geschützt werden! Schutzzonen müssen errichtet werden (früher zogen sich die Angegriffenen in Schutzburgen zurück). Flüchtlinge müssen großzügig unterstützt werden mit Unterkünften und Nahrung, aber auch mit sinnvoller Beschäftigung, Bildung, Unterhaltung. In die Lager müssen auch Baumaterialien, Lehrer, Schulhefte, Musikinstrumente, Stoffe, Nähmaschinen, Leinwände und Pinsel kommen. Das wäre Leib- und Seelsorge für die Traumatisierten. Der derzeitige Krieg ist auch Ausdruck eines Kampfes der Kulturen und Religionen um Vorherrschaft in der Welt und um die Frage, wer das Sagen hat. Mit der moralisch-militärischen Aufrüstung aber wird der Westen, der sich doch irgendwie (noch) als christlich verstehen will, nicht überzeugen und in der Welt für sich werben können; denn der Westen bedenkt nicht, wie er politisch die vernünftige christliche Friedensbotschaft von dem Verzicht auf Vergeltung und von der Feindesliebe umsetzen könnte, die in der Bergpredigt angemahnt wird. Darin geht es um die Frage: Wie schafft man es, sich den Feind zum Freund zu machen? Wie schafft man es, die Aggression und Gewalt zu beruhigen?
•    Ich frage mich, was hat der christliche Westen an Gewalt in die Welt getragen? Mit den Kreuzzügen gegen die Ungläubigen, mit den Truppen des Papstes, mit der Kolonialisierung und der Ausbeutung, mit dem Sklavenhandel, im 30-jährigen Krieg spielt Religion ein Rolle und auch im 1. Weltkrieg zogen viele für Gott und Vaterland in die Schlacht und schlachteten einander ab.   
•    Kreuzzug, „Crusade“, so nannte der ehemalige Präsident Bush den Krieg gegen den Terrorismus. Im Krieg gegen den Irak staben dann 500.000 Einwohner und  fast 5000 Soldaten der westlichen "Koalition der Willigen"
•    Hans Küng sagte: "Es gibt keinen Weltfrieden ohne Frieden der Religionen."
Das alles nehme ich an Gedanken mit auf die Paddeltour.
Ich habe mir vorgenommen zu hören, verstehen zu wollen, kennenzulernen und einen rechthaberischen Streit zu vermeiden.
Und dabei kommt mir der friedensstiftende Text aus dem Epheser-Brief (4, 1-6) entgegen:
So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.
Der Schreiber des Epheserbriefes leidet an der Feindschaft der Judenchristen und der Heidenchristen in der Gemeinde mit je unterschiedlichen Traditionen, Erwartungen, Vorstellungen, die aufeinanderstießen.
Und hier die Mahnungen, die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens zu wahren und der zählt dann auf, was ihnen trotz aller Unterschiede gemeinsam ist: ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe und zum Schluss: ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.
Ich möchte diese Sehnsucht nach Einheit und Frieden mitnehmen auf die Paddeltour, möchte davon ausgehen, dass uns ein Gott verbindet, der da ist über allen und durch alle und in allen.  
Soweit meine Gedanken am Freitag vor der Tour.
Wie war‘s dann?
2. Teil. Samstag, 11 Uhr. Oliver ist gekommen mit seinem Sohn Joshua, Manuel und ich. Andere aus Erlenbach waren beschäftigt oder weg.
Um 11 Uhr kamen die Muslime an die Christuskirche: Sieben junge Männer und der Scheich: Jamal, Mohamed, Suleiman, Karim, Bogachan, Wali, Zouher, Neil, aus Afghanistan, Marokko, Kurdistan, Eritrea, Saudi-Arabien. Männer teils mit Bärten und gut gelaunt. „Darf ich euch die Kirche zeigen?“ „Gerne“. Ich erklärte den Kirchraum, führte kurz durch die Liturgie eines Gottesdienstes, reichte das Gesangbuch, habe Psalm 1 gelesen und Psalm 150. „Was trägt der evangelische Pfarrer und der katholische Pfarrer im Gottesdienst?“
Dann ging los. Noch mal schnell auf die Toilette. Einen hatten wir dort vergessen und eingeschlossen. Zum Glück hatte er ein Handy. Tolle Schlagzeile: ‚Pfarrer befreit Muslim aus dem Ev. Gemeindehaus‘. Aber die Presse war nicht dabei. Dann aber endgültig mit allen zur Jagst. Wer paddelt mit wem? Gemischte Boote. Die Einweisung. „Wie lange dauert es bis zur ersten Pause?“ „Eine Stunde.“ „Gut, dann reicht es bis zum Gebet.“ Ich sitze mit dem Scheich in einem Boot. Wir reden über die Landschaft und die Ehefrauen. Am Wehr angekommen wird erst einmal kräftig gegessen. Dann wird die Richtung nach Mekka mit dem Handy gesucht. Die rituelle Waschung mit Wasser aus der Plastikflasche. Gebetsteppiche werden aus der Tonne geholt und ausgebreitet. Sie versammeln sich zum Gebet – mit Schwimmweste. Ich denke an das Seniorenpaddeln. Wir haben damals auf den Booten gesungen: „Lobe den Herrn, meine Seele“ und „Geh aus mein Herz und suche Freud“.  
Weiter geht’s auf der 2. Etappe: Sie genießen die Natur, den Fluss, die Stromschnellen. Heil Angekommen. Ausgestiegen. Die Autos müssen vom Einstiegsort geholt werden. Zeit zum reden. Über Hochzeitsrituale und Eheverträge in Afghanistan. „Glauben Sie an die Hölle?  Es wird doch gesagt: Jesus ist für die Sünden der Menschen gestorben - dann kann doch jeder machen was er will?“ Die Jungs klagen über die Vorurteile Muslimen gegenüber.
Wir laden die Boote auf. Einer will was wissen: „Jetzt, wo Sie da sind,- warum braucht die Kirche einen Islambeauftragten?“ Der Scheich ruft wieder zum Gebet.
Oliver und ich unterhalten uns währenddessen: „Sooft beten? Na ja. Aber wie war es früher: Morgengebet, Mittagsgebet, Abendgebet. Müsste die Kirche nicht mehr fordern von ihren Gläubigen, um sie den Forderungen der Welt nach unbegrenzter Verfügbarkeit zu entziehen, um dem Einfluss der Medien und Werbung etwas entgegenzuhalten: Besinn dich mehr auf Gott auch im Alltag! Lass dich unterbrechen!“
Die Abschlussrunde aller: „War eine gute Begegnung; so etwas müsste es öfters geben. Wir könnten miteinander auch mal über Gottes Schöpfung reden.“ Es war sehr lustig, für den der dabei war. Für Außenstehende wäre es bestimmt ein wenig bizarr anzusehen gewesen. Es war fremd und doch vertraut. „Wir bleiben in Kontakt. Lasst uns wieder etwas zusammen machen. Vielen Dank für die Tour.“