Der Friedefürst und die Gier  - Predigt an Weihnachten 2011


Kein Glaube ist auf Erden, unter dem nicht auch Unglaube verborgen wäre.
Kein Gehorsam, unter dem nicht Auflehnung wäre, größer als der Gehorsam.
Kein Sichweihen dem Dienst Gottes, so völlig, so ganz, unter dem nicht verborgen wäre ein Aufgeben der Ehrfurcht.
Keine Behauptung zu lieben, der nicht falsches Verhalten widerspräche,
sprach ein Mystiker vor 1000 Jahren (der für seine unorthodoxen Gedanken gekreuzigt wurde).
Das ist die eine Wirklichkeit.
Ich denke und hoffe aber auch:
Kein Unglaube ist auf Erden, in dem nicht auch ein guter Glaube verborgen ist und leben will. Keine Auflehnung, in der nicht die Sehnsucht nach Frieden, Ruhe und Ehrfurcht vor dem Leben ist.
Auch wer Leib und Geist verkauft, in dem bleibt ein Edelstein in der Seele unverwüstlich heilig.
Auch wer sich falsch verhält, will trotz allem und im Grunde auch lieben und geliebt werden.
Ihr alle tragt ganz Heiliges, Schönes, Wahres, Göttliches in euch. In euch ist Liebe.

Das ist die andere Wirklichkeit. Beides lebt und wirkt, die eine und die andere Wirklichkeit. So ist es, so bist du. So ist das Leben.

Der Bundesfinanzminister sagte vergangene Woche etwas, was viele beschäftigt: „Die Krise der Banken und später der Wirtschaft und ganzer Staaten, mit der wir seit 2008 konfrontiert wurden, wurde nicht zuletzt durch die grenzenlose Gier nach immer höheren Gewinnen an den Kapitalmärkten ausgelöst.... Das grenzenlose Profitstreben, für das es keinen automatischen Haltepunkt gibt, die Erzeugung immer neuer Bedürfnisse in der Konsumgesellschaft und der Raubbau an den auf der Erde verfügbaren natürlichen Ressourcen, sie alle führen zu Zuständen, die für das menschliche Wohlergehen und sogar für das menschliche Überleben bedrohlich sind. ... Das gegenwärtige Weltwirtschaftssystem ist an beiden Enden verbesserungsfähig. Es enthält zu vielen Menschen das vor, was sie wirklich brauchen und gleichzeitig nährt es ein ungebremstes Begehren, das auch angesichts von Reichtum und Überfluss noch anhält. So sehr wir uns für die Beseitigung des Hungers überall auf der Welt einsetzen müssen, so sehr sollten wir uns andererseits in unseren westlichen Ländern für eine Begrenzung des Wirtschaftswachstums einsetzen“, so der Finanzminister in einem Beitrag für „Christ und Welt“. Und weiter: „Der Glaube an Gott sagt uns, dass es etwas und jemanden gibt, der vor und über uns steht. Wo immer einer in der Welt nicht mehr weiß, dass er höchstens der Zweite ist, da ist bald der Teufel los.“

Wenn die Zeiten unsicher sind und Menschen sich ausgeliefert vorkommen, ist die Sehnsucht  auf einen Retter groß. Zu allen Zeiten.
Der Prophet Jesaja verheißt den Leuten, die 700 v. Christi Geburt unter Gewalt, Korruption und gewaltigen sozialen Spannungen leiden:
„Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Lande der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Du erregst lauten Jubel und schenkst große Freude. Man freut sich in deiner Nähe, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird. Denn wie am Tage Midians zerbrichst du das drückende Joch, das Tragholz auf unserer Schulter und den Stock des Treibers. Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten. Der leidenschaftliche Eifer des Herrn der Heere wird das vollbringen.“
Das ist der Traum von einem Staatenlenker, der Macht und Moral, Glaube und Politik, Geist und Gesetz, Recht und Gerechtigkeit verbindet.

Hier und heute stampfen keine Soldatenstiefel über Europas Straßen, mit dem Auftrag zu erobern, zu unterjochen, Angst und Schrecken zu verbreiten.   Die Last, das Joch, ist hier und heute nicht die Gewalt eines Feindes von außen. Nicht nur die anderen machen's kaputt, sondern wir miteinander, ohne Gedröhne.  

Der Schriftsteller Ulrich Peltzer, ein genauer Beobachter der Gesellschaft, erhielt vor kurzem den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln. In seiner Dankesrede sagt er: „Es gibt“, sagte Heinrich Böll 1972, „nicht nur eine Gewalt auf der Straße, es gibt auch Gewalt und Gewalten, die auf der Bank liegen und an der Börse hoch gehandelt werden“.... In Zahlen und Zeichen ausgedrückte Gewalt und Gewalten, die jeden von uns betreffen – denken Sie nur an das Handy in ihrer Tasche – und uns mit der Frage konfrontieren: In welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben?“ Peltzer wirft den Blick auf einen unbedeutenden Hirten auf dem Feld: Yang Jie, ein achtzehnjähriger Arbeiter, der in Zentralchina von morgens acht bis abends acht die Silberrahmen für iPhones herstellt im Gestank einer nicht klimatisierten Fabrikhalle, gibt zu Protokoll: 'Die Firma hatte versprochen, dass wir alle zwei Stunden eine zehnminütige Pause machen können. Aber das war gelogen. Wenn ich ins Wohnheim zurückkomme, zittern meine Beine vor Erschöpfung. Ich habe niemals ein iPhone gesehen, werde auch nie die Chance haben, eins zu benutzen. Ich bin nicht stolz, iPhones zu produzieren. Alles, was ich dem Vorstandschef von Apple sagen will, ist, die Arbeiter nicht länger so auszubeuten.'  Wozu die Rechnung passt, dass Apple auch dann noch 50 Prozent Gewinn bei jedem iPhone erzielen würde, wenn das Unternehmen den chinesischen Arbeitern zehnfach höhere Löhne zahlen würde. ... Vergessen sollten wir dabei nie, dass der junge, um sein Leben und seine Zukunft betrogene Arbeiter Yang Jie einer von uns ist“, soweit Peltzer.   

Vor Wochen hatte ich Herrn Ackermann, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank und Herrn Blessing, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, eine E-mail geschickt und fragte: Warum denken Spitzenbanker nicht laut und selbstkritisch darüber nach, was der Banken Anteil an dem 'Schlamassel' war und ist?
Die Deutsche Bank hat nichtssagend und arrogant reagiert.
Der Leiter der Konzernkommunikation der Commerzbank wollte gerne ein persönliches Gespräch mit mir führen. Ich habe ein Wochenende lang überlegt, worüber ich mit ihm reden wolle, habe ihm das dann geschrieben und ihn gebeten, ihn in Frankfurt besuchen zu dürfen und bat Dekan Traugott Mack, mitzugehen. Was würde uns erwarten? Es war ein unerwartet offenes, kritisches und selbstkritisches Gespräch mit mehreren Verantwortlichen über zwei Stunden lang, die auch davon erzählten, dass sie sich mit Umweltschützern und Rüstungsgegnern treffen, um Geschäfte sein zu lassen, die dem Ansehen und Ruf der Bank schaden könnten. Sie sprachen auch davon, dass sich das Bankensystem verändern müsse und verändern werde. Leere Floskeln? Der Leiter der Konzernkommunikation bot an, hierher zu kommen und sich einem Gespräch zu stellen und hat dies in einem Telefonat vor wenigen Tagen nochmals bekräftigt.
Und da war dann auch von den Verantwortlichen dort eine Bitte und Aufforderung an uns Prediger: 'Es ist von der Gier der Banken die Rede. Und wie steht's um die Gier der Menschen nach noch mehr Zinsen, nach immer höherer Rendite, immer billiger einkaufen zu wollen - auch das schadet dem Sozialstaat. Sagen Sie das bitte auch'.
Ja, es gibt nicht nur die Guten hier und die Bösen dort.
 
Ich fragte mich und andere dann nach dem Gespräch in der Bank und dem Beitrag des Finanzministers: Wie muss das System beschaffen sein, das zerstörendes Wachstum begrenzt? Wie werden Rahmenbedingungen geschaffen, die den Verzicht zu Gunsten Menschen in anderen Teilen der Welt, zu Gunsten kommender Generationen, zu Gunsten der Natur- und Lebensvielfalt belohnt und honoriert? Wer oder was erlöst uns vom Wachstumsdenken, das zur Weltzerstörung,  Ausbeutung von Mensch und Natur beiträgt?
Mir ist klar geworden: Nein, ein neues, anderes, besseres System schafft das allein nicht, wohl auch nicht ein einzelner Friedefürst von außen.
Es ist nötig, den inneren Friedefürsten, das Kind, ja, das Kind in uns, das Kind in Dir leben zu lassen, ihn herrschen zu lassen, den wunderbaren Ratgeber, starken Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens - in Dir, über Dir.
Es braucht immer wieder das Sinnieren über das Wertvolle im Leben, über Wahrheit, Gerechtigkeit, Friede, Liebe – jeder für sich, in einer kritischen und selbstkritischen Gemeinschaft und Gemeinde, im Gespräch miteinander über Grenzen hinweg.
Der Friedefürst in Dir will leben, will zur Welt kommen.
Kein Unglaube ist auf Erden, in dem nicht auch ein guter Glaube verborgen ist und leben will. Keine Auflehnung, in der nicht die Sehnsucht  nach Frieden, Ruhe und Ehrfurcht vor dem Leben ist. Auch wer Leib und Geist verkauft, in dem bleibt ein Edelstein in der Seele unverwüstlich heilig. Auch wer sich falsch verhält, will trotz allem und im Grunde auch lieben und geliebt werden. Ihr alle tragt ganz Heiliges, Schönes, Wahres, Göttliches in euch. In euch ist Liebe.
Einsicht und Umkehr schafft nur ein friedliebender Geist und Verstand, ein weiches Herz und ein kindliches Verständnis von der Welt.
Ein Vater erzählte mir vor zwei Tagen, wie seine neunjährige Tochter über einem Kreuzworträtsel sitzt: Weltmacht mit drei Buchstaben. Hm? Sie ruft ihren Papa und meint: Gott hat doch vier Buchstaben.
So ist es, so soll es sein. Amen.