Da und doch nicht mehr da 
Predigt am Ewigkeits- bzw. Totensonntag 2013

Von einem der Verstorbenen ist gesagt worden, dass er in seinen Sterbetagen in Sorge war, er könnte, er müsste seinen Tod verschlafen, das letzte große Geheimnis des Lebens nicht bewußt erleben, erfahren. Entweder es ist der Moment des letzten Atemzugs, des letzten Gedankens - und dann ist gut, ein für allemal. Oder: „Ich glaube, dass wenn der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Lichte stehen, von welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist.“
Müssen wir uns sorgen um die Verstorbenen? Sie sind gut aufgehoben! Und manchmal sind sie für Momente wieder wirklich da, mit einem Blick, einer Botschaft - um Kraft und Ruhe zu geben für die schweren Wege der Trauer. Die, die diese Begegnungen erleben, hüten diese Momente im Verborgenen wie einen Schatz, auch in Sorge, von anderen nicht verstanden zu werden.
Die Worte Jesu, des Auferstandenen, des noch einmal Wiedergekommenen im Johannesevangelium sind so: „Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen: Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?“ „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmer mehr sterben“. „Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“.
Warum also nicht in Hoffnung wach bleiben wollen, wenn es dann soweit  ist?!

"Den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben", sagt ein Sprichwort.
Das Leben verändert sich, besonders wenn man sich über Jahre hinweg aneinander gewöhnt hat, wenn ein Miteinander, wenn ein „Wir“ geworden ist – in guten und in schlechten Tagen.
Das Leben wird mühsamer, wenn dann die Kinder schon aus dem Haus sind und man mehr auf fremde Hilfe angewiesen ist, aber nicht immer fragen will, den anderen nicht zeigen will, wie traurig man doch in Wirklichkeit ist.
Aber auch die Anspannung lässt nach, wenn der, die Verstorbene lange zwischen Leben und Tod war, und mal Hoffnung aufkeimt und es dann doch wieder schlimmer geworden ist. Das geht an die Nerven und an die Substanz. Man wird nach und nach auch wieder ein wenig freier, wenn das körperliche und seelische Leiden des anderen bei aller Pflege und Mühe und Hilflosigkeit zu Ende gehen konnte.

In der Trauer werden gegenteilige Erfahrungen gemacht: Trauert man, weil der geliebte Mensch nicht mehr greifbar da ist und in allem fehlt, so ist er, weil er fehlt, doch irgendwie 'da'. Und ist er 'da', in Erinnerungen, in seinen Hinterlassenschaften, in Gesprächen über ihn und dann fast mit ihm, dann wird einem auch wieder bewusst, dass er, dass sie, eben nicht mehr da ist.
Begeht ihr einen Festtag - viele sagen: „Weihnachten ist besonders schlimm“  - dann kann der Verstorbene da sein, wenn ihr zulasst, dass miteinander Tränen ins Weinglas fallen, wenn man auf ihn zu sprechen kommt, ihn sagen hört, wie und was er sonst auch immer erzählt hat - und doch bleibt der Platz leer. Weihnachten, Geburtstag, Hochzeitstag feiern oder zumindest begehen - irgendwie mit dem Verstorbenen und doch auch ohne ihn.
Dann kann beides leben: Heitere Momente und traurige Momente, das Bewusstsein unserer Endlichkeit und die Hoffnung auf Ewigkeit.