Kriegserklärung vor dem Friedensfest - muss das sein?

Ein Briefwechsel mit einem Bundestagsabgeordneten vor und nach dem Beschluss des Bundestages, dass sich Deutschland an Kriegshandlungen gegen den IS in Syrien und dem Irak beteiligt.

Sehr geehrter Herr Abgeordneter,

wir feiern gerade Advent und bald Weihnachten: „Friede auf Erden“. Für viele hieß und heißt Frieden, mit Waffengewalt das Böse und die Bösen zu bekämpfen. Das Christentum wollte einen anderen Weg gehen: Feinde segnen, statt sie nur zu verfluchen. Den Drang nach Vergeltung unterbinden und dem Hass nicht mit Hass zu begegnen. Denn die da kämpfen und foltern und hinrichten, sind sie nicht auch Opfer einer gewaltverherrlichenden Propaganda?
Keine Frage, schützen Sie die Opfer der Gewalt! Und denken Sie bitte in Ruhe öffentlich über Alternativen zum Krieg nach, um einen Weg zu einem dauerhaften Frieden einzuschlagen.
Ich fürchte, die wahrhafte Suche nach Alternativen wird ausbleiben, weil wir, weil der Westen, weiterhin Stützpunkte und Treibstoffe braucht, um die Vorherrschaft in der Welt aufrecht zu erhalten.

Sie schreiben: IS hat mit den Anschlägen in Paris nicht nur Frankreich, sondern die freiheitliche Werteordnung Europas insgesamt angegriffen.
Gibt es eine Art Bekennerschreiben, in dem der IS die Gründe für den Anschlag nennt? Was ist die „freiheitliche Werteordnung“ Europas? Stimmt es wirklich, dass nicht nur Paris und Frankreich gemeint war?

Sie schreiben: Wir können der Bedrohung durch IS nur im Rahmen einer umfassenden politischen Lösung erfolgreich und nachhaltig begegnen.
Wenn es nur eine politische Lösung gibt, warum dann bomben?

Sie schreiben: Die deutsche militärische Unterstützung ist somit eingebettet in einen breiten politischen Ansatz, der von der großen Mehrheit der Staatengemeinschaft getragen wird und der auf politischer, diplomatischer, humanitärer, entwicklungspolitischer, militärischer und rechtsstaatlicher Ebene wirkt.
Wie sollen Bomben, die wieder auch unschuldige Menschen zu Tod bringen, „wirken“? Schrecken (frz: terreur) erzeugen und abschrecken? Krieger töten, ohne dass neue nachkommen?  

Sie schreiben: Vor dem Hintergrund der Anschläge von Paris bittet Frankreich um weitere Unterstützung im Kampf gegen IS in dessen Kerngebiet Irak und Syrien. Unseren Worten der Solidarität mit unseren Nachbarn und Freunden dürfen jetzt auch Taten folgen.
Zum Beweis für die Solidarität mit Frankreich wollen Sie Menschenopfer in Syrien und dem Irak bringen, zumindest an dem Vergeltungsritual mitmachen. Solidarität könnte doch auch bedeuten: Ruhe in die verletzte Volksseele bringen und dem blindwütigen Drauflosschlagen mit Besonnenheit begegnen. Sie betreiben eine Art ‚politische Seelsorge‘, ohne zu klären wieviel Nähe und auch wieviel Distanz nötig und hilfreich ist.   

Ich habe die große Sorge, dass Krieg mit Krieg und  Terror mit Terror zu begegnen nicht dem Frieden dient, sondern dem Frieden schadet und die Welt nur unsicherer macht. Wie sollten denn in dieser Region die Regional- und Großmächte über die Neuordnung friedlich verhandeln, wenn der Westen es vormacht bzw. mitmacht bei dem Prinzip: Erst mal bomben und totschießen, das wirkt - irgendwie. So denkt auch Baschar al-Assad, so denkt wohl Wladimir Putin, so denkt König Salman, so denkt Abu Bakr al-Baghdadi. Wer denkt eigentlich nicht so?   

Hasserfüllte Vergeltung kennt keine Grenze. Wann wird das Bombardieren aufhören?  Wenn 130 Menschen wie in Paris, wenn130 IS-Anhänger, getötet wurden? Das Prinzip 'Auge um Auge' dient der Begrenzung nach oben: Auge um Auge, aber nicht mehr!

Wenn der IS nur noch die Hälfte Sold zahlen kann? Wenn die freiheitliche Wertordnung ganz und gar nicht mehr in Gefahr ist?

Wenn die Mehrheit der betroffenen Bevölkerung sagt: ‚Es reicht jetzt!‘? Vermutlich wird man so lange weitermachen, wie es halbwegs unbeschadet geht. Erst eine unerträgliche Zahl von europäischen Toten wird zum Einhalt rufen.

Zur freiheitlichen Werteordnung gehört auch das Bedenken von dem, was uns mitgegeben ist im Brief des Paulus an die Römer: "Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. … Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.  Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« . Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem". (Röm 12,  14-21).

Wäre doch ein starkes Signal gewesen, wenn ein ranghoher Politiker mal laut darüber nachgedacht hätte: 'Wie bekommen wir diese Weisheit im aktuellen politischen und militärischen Geschäft unter?'

Oder sollte man die Weisheit raushalten, weil sie stört? Weil sie allzu naiv ist? Ich vermute, wir sind darin kulturell viel weniger gebildet und erfahren als im strategisch-militärischen Denken und Handeln. Das tut mir leid, weil ich merke, wie sehr ich, wie sehr wir darin gefangen sind.  

Das Christentum, besser gesagt: die Gemeinde- und Kirchenführer haben im Lauf der Geschichte wohl viel öfter das Kriegstreiben zugelassen – wie auch jetzt – oder es gar gutgeheißen – wie teilweise auch jetzt – als mutig widersprochen.  

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Jürgen Stauffert