'Heilige' Kriege bringen keinen Frieden

Da Kriege in den Seelen der Menschen ihren Ursprung haben, muss auch die Verteidigung des Friedens in der Seele des Menschen entstehen“. (Präambel der Unesco)

Ich glaube, dass der Krieg die Menschheit erniedrigt und dass jeder Krieg im Sieger wie im Besiegten die niedrigsten Instinkte hervorruft. Kriege sind der Menschheit unwürdig. (Konrad Adenauer).

Bald, es kenne jeder den eigenen, gönne dem anderen seinen Vorteil, so ist ewiger Friede gemacht. (Johann Wolfgang von Goethe)

Das alte Gesetz von Auge um Auge hinterlässt auf beiden Seiten Blinde. (Martin Luther King)

Der Friede ist ein Meisterwerk der Vernunft.  (Immanuel Kant)


Tochter Zion - ein schönes Lied, aber leider war der König, der Friedefürst, der Sohn Davids, umstritten, wurde wohl ausgeliefert von der hohen Priesterschaft, wurde gekreuzigt von den Machthabern.
Die ‚Kirche´ maßte sich dann an, das neue Volk Gottes zu sein und immer wieder hat man im Lauf der Geschichte Juden für den Tod Jesu in Kollektivhaft genommen, zu Sündenböcken gemacht, ausgegrenzt, diskriminiert und schließlich gar versucht, sie auszurotten. Aber heute sind es nicht die Juden, sondern Muslime, die bei vielen misstrauisch unter Generalverdacht stehen und denen potentielle Gewaltbereitschaft unterstellt wird.
Nach den Anschlägen in Paris denken viele: „Das sind ja irre, böse Menschen – mit denen kann man doch nicht reden. Das einzige, was hilft, ist der militärische Angriff, ein Krieg gegen die geistigen Anstifter und ihre Gefolgsleute".  Ganz klar, die Opfer müssen geschützt und verteidigt werden, aber darum scheint es beim Aufrüsten gerade nicht so sehr zu gehen, sondern um die Eliminierung des Bösen, in der Hoffnung, dann wird alles wieder gut.
Ein bekanntes Muster in der Menschheitsgeschichte: Eigentlich mag man Gewalt vermeiden, aber um eine gute, gar gottgefällige Weltordnung aufzubauen, müsse man jetzt Gewalt anwenden, um die Feinde endgültig zu schlagen und die Mächte des Bösen zu zerschlagen.     

„Heiliger Krieg – im Namen des Christentums", so heißt ein Buch des Geschichtswissenschaftlers Philippe Buc, das in diesem Jahr herausgekommen ist. Er zeigt darin, mit welchen Weltbildern und quasi-religiösen Vorstellungen manche Kriege und Kämpfe im Laufe des Christentums angestachelt und rechtfertigt wurden. Bei den Kreuzzügen gegen Muslime, bei den Religionskriegen in Europa nach der Reformation, als katholische Kräfte gegen protestantische gekämpft haben und anders herum. Er zeigt, wie „Märtyrer“ sich einerseits selbst im Widerstand opferten und gleichzeitig auch andere mit in den Tod rissen, wie eine Art ansteckender hasserfüllter Massenwahn entstand, der kaum zu bändigen war, wie sich immer wieder eine kleine Gruppe als die Auserwählten, als die ‚Kämpfer Christi‘ verstanden, dazu berufen, die Welt von lasterhafter Unreinheit  zu reinigen, unter den eigenen liederlichen Glaubensgenossen und im Kampf gegen Ungläubige - spirituell mit Worten die einen und ganz real mit Waffengewalt. Er beschreibt, wie man versucht hat, mit Schrecken, Hinrichtungen und Terror - vor allem während und nach der französischen Revolution - die Macht zu sichern, wie die Vorstellung von einem bald anbrechenden neuen Zeitalter zum Kampf gegen die alten, beharrenden Kräfte getrieben hat, wie man immer wieder darüber gestritten hat, wieviel Gewalt man anwenden soll, um Menschen zur Umkehr zu bewegen.  
Und beim Lesen dachte ich mir immer wieder: Was heute geschieht, war alles schon mal da und auch das christliche Abendland trägt Gewalt und deren Begründungen und Rechtfertigungen mit sich herum. Wie sehr lassen wir uns bis heute davon unbewusst leiten?  „Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem eigenen Auge."    

Advent – die Vorbereitungszeit auf das Kommen des Erlösers beginnt. In der Kirche denkt man über Frieden nach und das heißt doch in diesen Tagen vor allem, wie begegnet man dem Wahn, dass Gewalt eine Lösung, eine Erlösung sein könnte?

Für uns sind Worte aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom gegeben.
Rom - die Weltmetropole, das Zentrum der Macht, die - wie das bei einer Weltmacht wohl üblich ist - eigentlich immer irgendwo Krieg führte, sich andere Länder unterwarf, sich billig Rohstoffe liefern ließ, Beute und Sklaven machte. Viele Herrscher waren zuvor Kriegsherren und Heerführer.   
Gut möglich, dass sich die Christen der Gemeinde für was Besseres hielten und meinten, als Gerechtfertigte und Begnadigte so weiter zu leben wie bisher: Voller Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht, hochmütig, prahlerisch, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam, unvernünftig, treulos, lieblos, unbarmherzig. Paulus mahnt: ‚Worin du den anderen richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. Verachtest du den Reichtum von Gottes Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet. Denn vor Gott sind nicht die das Gesetz hören, sondern die das Gesetz tun, werden gerecht sein.‘
Gut möglich, dass die Christen im Rom eine ausgeprägte antijüdische Gesinnung pflegten und dass manche Christen im Rom vielleicht auch bei der Besetzung Palästinas ihren Militärdienst taten. Ihnen schreibt Paulus: ‚Ihr seid wie Zweige aus einem wilden Ölbaum, nun eingepropft in einen edlen Ölbaum‘. Will sagen: Der neue, euer neuer christlicher Glaube ist gewachsen aus der jüdischen edlen Religion heraus, ihr - einst Wilde - habt daran Anteil‘.
Gut möglich, dass die Christen in Rom sich das Recht herausnehmen wollten, durch den neuen Glauben nicht mehr Teil der staatlichen Ordnung zu sein, nicht mehr Teil der Gesellschaft mit ihren Rechten und Pflichten zu sein, sondern über oder außerhalb dem Gesetz zu stehen. Ihnen schreibt Paulus: ‚Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Wo Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten, wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich nicht fürchten vor der Obrigkeit, sondern tue Gutes; so wirst du Lob erhalten.‘
Heute die Fragestellung: Steht Bibel, Koran und Thora über der Verfassung, oder bietet die Verfassung, das Gesetz, die Obrigkeit das Dach, unter dem alle Religionen grundsätzlich leben können und sollen. Im Konfirmandenunterricht haben wir die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte besprochen. Sie sind gewissermaßen die Obrigkeit, das verbindliche Haus für alle, die darin leben.

Und jetzt kommen wir dem Briefteil für heute:
Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.  Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3.Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt. (Röm 13, 8- 14)

Gut möglich, dass manche Gemeindemitglieder im Alltag mit Waffen umgingen, weil sie Soldaten waren und dass das Denken militärisch- militant geprägt war.
Dem hält Paulus eine andere Art von Waffen, die Waffen des Lichtes, entgegen: So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts: eine liebevolle Gesinnung. 

Zur Zeit Jesu galten Rabbi Hillel als weitherziger und Rabbi Schammai als strenger Vertreter des pharisäischen Rabbinentums. Es wird erzählt, dass eines Tages ein Nichtjude zu Rabbi Schammai kam und ihn fragte, ob er ihn die ganze Thora lehren könne, solange er auf einem Bein stehe. Rabbi Schammai erwiderte empört: „Man kann ein ganzes Leben lang die Thora studieren und immer noch dazulernen“, und jagte den Mann fort. Daraufhin ging der Nichtjude zu Rabbi Hillel und stellte ihm die gleiche Frage. Rabbi Hillel sah ihn an und sagte: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Das ist die ganze Thora. Alles andere ist Auslegung“.

Wir hören von Paulus: Und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt. Ein Hadith, ein Ausspruch Mohammeds, sagt ganz Ähnliches: Fudâla ibn Ubayd berichtete: Allahs Gesandter hat gesagt: 'Der wahrhaftige Glaubenskämpfer ist der, der gegen sein Ego (gegen dessen triebhaftes Verlangen), kämpft.'

Wer Krieg führen will, muss die Bevölkerung auf Krieg einstimmen, ein so bedrohliches Feindbild schaffen, dass nur noch Waffengewalt schützen und helfen kann. Pressesprecher und Verantwortliche müssen Argumentationsstrukturen aufbauen, die die todbringenden Einsätze rechtfertigen und die betäubende Hoffnung senden, dass es damit und danach besser sein wird.

Vorgestern trafen sich Gemeindevertreter des Kirchenbezirks Neuenstadt zu ihrer alljährliche Synode und haben mit großer Mehrheit auch folgendes beschlossen:
Die evangelische Bezirkssynode Neuenstadt bittet und fordert den Landesbischof der Ev. Kirche in Württemberg auf, mit den Amtsgeschwistern der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Römisch-Katholischen Kirche, des Ökumenischen Rates der Kirchen, wenn möglich auch mit hochrangigen Vertretern jüdischer Gemeinden und islamischer Gemeinden und Verbänden, laut und unüberhörbar vor dem Ansinnen zu warnen, dass Kriegshandlungen in Syrien und dem Irak, im sogenannten Nahen und Mittleren Osten zum dauerhaften und tragfähigen Frieden führen könnten.
Der Landesbischof möge rasch mit den Kirchen- und Religionsführern bei einem ökumenischen Konvent aufzeigen, wie der auch religiös aufgeladene Konflikt durch die Kirchen- und Religionsvertreter entschärft werden kann.
Die Kirchenleitung möge Formen und Wege den Gemeinden aufzeigen, wie Gläubige miteinander, eventuell auch mit den ihnen anvertrauten Flüchtlingen, ihre Sorgen und ihren Protest gegen die tötende Gewalt zum Ausdruck bringen können.  
„Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein - unter euch“ (Mt 20, 25.26).